http://www.faz.net/-gtl-7bbuc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.07.2013, 20:19 Uhr

Frauenfußball-EM Deutschland verliert erstmals seit 20 Jahren

Die Fußballfrauen verpassen mit dem 0:1 gegen Norwegen den Gruppensieg. Nach der ersten Niederlage bei einer EM seit 20 Jahren trifft die DFB-Auswahl nun am Sonntag auf Italien.

von
© dpa Enttäuschung pur: Die deutschen Frauen verlieren gegen Norwegen 0:1

Seit der Spielplan für die Frauenfußball-Europameisterschaft in Schweden bekanntgegeben wurde, gab es Spekulationen: Ist es überhaupt erstrebenswert, in der Vorrundengruppe B den ersten Platz zu erringen, wo doch der Zweitplazierte den vermeintlich etwas leichteren Weg durch die K.o.-Runde gehen könnte?

Daniel Meuren Folgen:

Die Norwegerinnen beantworteten diese Frage vor dem „Endspiel um den Gruppensieg“ gegen Deutschland in Kalmar scheinbar schriftlich mit der Mannschaftsaufstellung. Trainer Even Pellerud verzichtete gleich auf sechs Stammspielerinnen wie seine erfahrensten Stars Ingvild Stensland und Solveig Gulbrandsen. Die Skandinavierinnen schienen den deutschen Rivalen den Gruppensieg freiwillig überlassen zu wollen, um am kommenden Sonntag auf Italien und somit einen vermeintlich einfachen Gegner für die Runde der letzten Acht zu treffen.

Mehr zum Thema

Und am Willen der DFB-Auswahl hätte das Projekt auch nicht scheitern müssen. Bundestrainerin Silvia Neid, die im Vorfeld eine freiwillige Niederlage aus Gründen der Fairness wie auch wegen möglicher negativer Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein ihrer Spielerinnen kategorisch ausgeschlossen hatte, verzichtete auf allzu heftige Rotation und bot sogar die mit Gelben Karten vorbelasteten Spielerinnen auf. Neben der gelbgesperrten Außenverteidigerin Jennifer Cramer, die durch Luisa Wensing ersetzt wurde, machte nur Lena Goeßling Platz für Simone Laudehr, die allerdings nur wenige Akzente in der Schaltzentrale im defensiven Mittelfeld setzte.

„Jetzt sind wir eben Gruppenzweiter“

Dennoch endete das Duell der zwei erfolgreichsten europäischen Frauenfußball-Nationen mit einem überraschenden 1:0-Sieg für die „B-Elf“ des ehemaligen Weltmeisters und Olympiasiegers Norwegen durch ein Tor von Ingvild Isaksen (45+1.). Der siebenmalige Europameister Deutschland, der die letzten fünf Turniere in Serie gewann, hat somit erstmals nach 20 Jahren und 29 Spielen in Serie ohne Niederlage bei kontinentalen Meisterschaften ein Spiel verloren. Zuletzt war Deutschland am 3. Juli 1993 Dänemark mit 1:3 im Spiel um Platz drei unterlegen.

Frauen-EM Deutschland - Norwegen © dpa Vergrößern Norwegischer Jubel: Torschützin Ingvild Isaksen (l.) lässt sich feiern

„Ich möchte gerne wissen, was heute mit meiner Mannschaft los war. Wir hatten keine Bewegung im Spiel, wir hatten keinen Mut, keine wollte den Ball“, sagte Bundestrainern Silvia Neid. Die Folgen ertrug die 47 Jahre alte Fußballlehrerin indes scheinbar gelassen. „Jetzt sind wir eben Gruppenzweiter.“

Frauen-EM Deutschland - Norwegen © dpa Vergrößern Machtlos: Bundestrainerin Silvia Neid

Der Weg zur Titelverteidigung führt Deutschland als Gruppenzweiten nun für das Viertelfinal-Spiel gegen Italien am Sonntag (18 Uhr/ ARD und Eurosport) zurück nach Växjö, wo das Team schon die ersten beiden Spiele gegen die Niederlande und Island bestritten hatte.
In Kalmar fand das deutsche Team im mit 11.000 Zuschauern ausverkauften Stadion nie die Mittel, um zwingend in den gegnerischen Strafraum vorzudringen. Lediglich bei Distanzschüssen durch Celia Okoyino da Mbabi und Dzsenifer Marozsan entwickelte sich eine gewisse Torgefahr.

Die Norwegerinnen waren derweil deutlich gefährlicher bei ihren Kontern, die sie meist allzu leicht durch das oft verwaiste deutsche Zentrum aufziehen durften. Dennoch fiel der norwegische Führungstreffer aus heiterem Himmel: Unmittelbar vor dem Pausenpfiff traf Ingvild Isaksen mit einem sehenswerten, allerdings auch leicht abgefälschten Linksschuss aus 18 Metern. Die deutsche Torhüterin Nadine Angerer hatte keine Abwehrchance.

Frauen-EM Deutschland - Norwegen © dpa Vergrößern Im Weg: Kein Durchkommen für Melanie Leupolz gegen Gry Toft Ims

In der zweiten Halbzeit versuchten es die Deutschen vornehmlich mit der Brechstange. Das brachte gegen die gut geordneten Norwegerinnen aber keine klaren Chancen. „Die zweite Halbzeit war ganz okay. Mir hat das gezeigt, dass sie es eigentlich können“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid. Am Sonntag müssen sie es nun auch beweisen – auch für ihre Trainerin. Denn bei einem abermaligen Ausscheiden in einem Viertelfinale wie bei der Heim-WM 2011 dürften unangenehme Diskussionen bezüglich der Zukunft von Silvia Neid aufkommen.

Niederlande draußen

Im zweiten Gruppenspiel schlug Island die Niederlande durch ein Tor von Brynjarsdottirmit (30. Minute) mit 1:0 und sicherte sich somit den dritten Platz, der dank der guten Punktausbeute von vier Punkten sicher zur Qualifikation fürs Viertelfinale reicht. Die Gegner von Island und Norwegen stehen erst nach Abschlsuss der letzten Spiele der Vorrundengruppe C am Donnerstag fest.

Deutschland - Norwegen 0:1 (0:1)

Deutschland: Angerer (Brisbane Roar) - Wensing (VfL Wolfsburg), Krahn (Paris St. Germain), Bartusiak (1. FFC Frankfurt), Maier (Bayern München) - Keßler (VfL Wolfsburg), Laudehr (1. FFC Frankfurt - 66. Behringer/1. FFC Frankfurt) - Lotzen (Bayern München - 79. Däbritz/SC Freiburg), Marozsan (1. FFC Frankfurt), Leupolz (SC Freiburg - 66. Mittag/FC Malmö) - Okoyino da Mbabi (1. FFC Frankfurt)
Norwegen: Hjelmseth (Stabæk IF) - Mjelde (Turbine Potsdam), Skammelsrud Lund (Lillestrøm SK), Holstad Berge (Arna-Bjørnar Bergen), Akerhaugen (Stabæk IF) - Tofte Ims (Klepp IL - 58. Gulbrandsen/Vålerenga Oslo), Isaksen (Kolbotn IL), Høegh  Dekkerhus (Stabæk IF) - Haavi (Lillestrøm SK - 72.  Stensland/Stabæk IF), Stolsmo Hegerberg (Turbine Potsdam),  Thorsnes (Stabæk IF - 58. Graham Hansen/Stabæk IF)
Schiedsrichterin: Staubli (Schweiz)
Zuschauer: 10.346
Tor: 0:1 Isaksen (45.+1)
Gelbe Karten: - / Tofte Ims

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
11:0 gegen Ghana Fußballfrauen bescheren Neid zweistelligen Abschied

Die DFB-Frauen verabschieden sich mit einem 11:0 gegen Ghana zu Olympia. Ein Maßstab ist das Duell nicht. Aber beim letzten Länderspiel auf deutschem Boden unter Silvia Neid gibt es eine taktische Überraschung. Mehr Von Daniel Meuren, Paderborn

22.07.2016, 21:01 Uhr | Sport
Cas Klage gegen Olympia-Ausschluss russischer Leichtathleten abgewiesen

Die russischen Leichtathleten dürfen laut Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes nicht an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen. Die Einsprüche und Klagen des russischen Olympischen Komitees sowie der 68 Athleten seien zurückgewiesen worden, so Cas-Generalsekretär Matthieu Reeb. Mehr

21.07.2016, 15:38 Uhr | Sport
Deutsche Nachwuchsfußballer WM-Teilnahme nach Elfmeterkrimi für U 19

Nach dem frühen Aus bei der U-19-EM können die Nachwuchsfußballer des DFB doch noch jubeln. Das Spiel um das WM-Ticket gegen die Niederlande ist an Dramatik kaum zu überbieten. Mehr

22.07.2016, 09:40 Uhr | Sport
Olympia in Rio Mutmaßliche IS-Unterstützer verhaftet

Zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hat die brasilianische Polizei am Donnerstag zehn Verdächtige festgenommen, die möglicherweise einen Anschlag während der Sportveranstaltung geplant haben. Justizminister Alexandre Moraes sagte am Donnerstag, dass die Mitglieder der Gruppe nach bisherigen Erkenntnissen die Extremistenmiliz Islamischer Staat unterstützt hätten. Mehr

22.07.2016, 15:17 Uhr | Politik
Buch Amok im Kopf Was den Attentäter von München animiert haben könnte

In der Wohnung des Amokläufers von München hat die Polizei einschlägige Literatur gefunden. Vor allem ein Buch sticht heraus. Auch eine Verbindung zu den Taten von Winnenden und in Norwegen liege auf der Hand. Mehr

23.07.2016, 19:01 Uhr | Gesellschaft

Geliebter Jockey, gelebter Wahn

Von Evi Simeoni

Wer verdient den Hut, wer das Florett? In dieser Woche erinnern wir an ein dramatisches Pferderennen – an dem auch Russen beteiligt waren. Dazu stellen wir fest: Putin glaubt nicht an das Talent der eigenen Leute. Mehr 2