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Frauenfußball : Ein schlafender Riese wacht auf

  • -Aktualisiert am

Deutscher Pokalsieger 2012: Was die Männer nicht schafften, schaffen die Frauen des FC Bayern Bild: dpa

Wenn „Männervereine“ sich im Frauenfußball engagieren, ist Erfolg nicht garantiert. Denn es kommt nicht immer nur um die finanziellen Voraussetzungen an. Mit Pokalsieger Bayern München erwacht ein potentieller Spitzenklub.

          Regelmäßig wendet sich Kim Kulig per Twitter an ihre Fans. In den Kurznachrichten geht es meistens um ihre Freizeitgestaltung - kürzlich äußerte sich die Fußball-Nationalspielerin des 1. FFC Frankfurt aber zu einem ernsteren Thema: „Der ,große’ HSV sollte sich schämen“, schrieb sie in Anspielung auf die ungesicherte Zukunft des Frauenfußballs in Hamburg. Dies sei „eine Schande für den Verein und die schönste Stadt Deutschlands“.

          Mit sechs Ausrufezeichen schloss Kim Kulig ihren Beitrag zu der Frage, wie ernst es die „Männervereine“ mit ihrem Engagement im Frauenfußball meinen. Nimmt man die beiden wichtigsten nationalen Titel als Maßstab, hat man den Eindruck: Nie waren die Frauenabteilungen der Großvereine erfolgreicher als in dieser Spielzeit. In der Bundesliga hat der VfL Wolfsburg zwei Spieltage vor Saisonende einen Punkt Rückstand auf Turbine Potsdam, die erstmalige Qualifikation für die Champions League ist so gut wie sicher.

          Auf dem Sprung sind auch die Frauen des FC Bayern München. Sie gewannen am Samstag in Köln durch einen 2:0-Sieg im Endspiel gegen den 1. FFC Frankfurt den DFB-Pokal. Die Tore vor 15.000 Zuschauern erzielten Sarah Hagen (63. Minute) und Ivana Rudelic (90.). Noch wenige Tage vor dem Endspiel hatte Siegfried Dietrich, Manager des FFC Frankfurt, auf das brachliegende Potential in München hingewiesen.

          „Bessere Strukturen als beim FC Bayern gibt es nirgendwo in Deutschland. Wenn ich sehe, was im Basketball los ist: Sie könnten viel mehr tun - und dann müssten wir uns alle warm anziehen“, sagte Dietrich. Ihre Heimspiele tragen die Münchnerinnen weit vor den Toren der Stadt aus, vor wenigen hundert Zuschauern im Sportpark Aschheim. Es sei schwierig, dort für Aufmerksamkeit zu sorgen, wenn die Männermannschaft gleichzeitig so erfolgreich sei, sagt Bayern-Trainer Thomas Wörle: „Aber wir sind ein fester Bestandteil des Vereins und werden natürlich akzeptiert.“

          Der FFC Frankfurt verlor als Favorit im Kölner Finale
          Der FFC Frankfurt verlor als Favorit im Kölner Finale : Bild: dpa

          Der überraschende Pokalsieg könnte dazu beitragen, dass die interne Anerkennung der Bayern-Frauen steigt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge jedenfalls war schwer angetan: „Wir sind unheimlich stolz auf diese Mannschaft. Sie hat Großartiges geleistet. Sie hat in einem Finale, in dem sie krasser Außenseiter war, die Sensation geschafft.“

          Bedenklicher ist die Situation in Hamburg. Beim Tabellenneunten der Bundesliga sind große Etatkürzungen geplant; unter dem Misserfolg der Männer und der verpassten Qualifikation für die Europa League leidet nun auch die Frauensparte. Dass sich der Verein „schämen“ sollte, sagt Achim Feifel zwar nicht - wer sich in diesen Tagen mit ihm unterhält, erlebt aber einen nachdenklichen HSV-Trainer.

          Münchner Pokaljubel: Die Frauen des FC Bayern sind schlagen den 1. FFC Frankfurt
          Münchner Pokaljubel: Die Frauen des FC Bayern sind schlagen den 1. FFC Frankfurt : Bild: dpa

          „Wenn man hier Bundesliga-Fußball will, muss man sich entscheiden. Entweder unterstützt man uns richtig oder gar nicht. Dazwischen gibt es nichts“, sagt Feifel. Findet der Klub in den nächsten Wochen keine Möglichkeit, den ohnehin weit unter dem Bundesliga-Durchschnitt liegenden Etat aufzustocken, sind alle Szenarien denkbar: von der Eingliederung der Frauenabteilung in einen anderen Verein aus dem Norden bis zum kompletten Rückzug.

          Mit etwas neidischem Blick schaut Feifel nach dem zusätzlichen Absprung des Hauptsponsors daher nach Wolfsburg: „Da wird nicht gekleckert, auch wenn der Verein natürlich ganz andere finanzielle Möglichkeiten hat als wir“, sagt er. Jene Argumentation hört man in Niedersachsen nicht gern. Wie hoch der Etat ist, will der Klub nicht verraten - und auch den Vergleich mit dem Budget von Krösus Frankfurt (1,7 Millionen Euro) nicht kommentieren.

          Vollversammlung im Frankfurter Strafraum: Torhüterin Desiree Schumann muss Schwerstarbeit verrichten
          Vollversammlung im Frankfurter Strafraum: Torhüterin Desiree Schumann muss Schwerstarbeit verrichten : Bild: dpa

          Bekannt ist nur, dass die Frauenabteilung die gesamte Infrastruktur des Vereins nutzen darf. Ohnehin seien es aber weniger die von Volkswagen bereitgestellten Mittel als die in dieser Saison hinzugewonnene sportliche Reputation, die Verpflichtungen wie die der Nationalspielerinnen Alexandra Popp (FCR Duisburg) oder Viola Odebrecht (Turbine Potsdam) ermöglichen.

          Noch vor zwei Jahren sei trotz identischer finanzieller Möglichkeiten an solche Transfers nicht zu denken gewesen. Diese Erfahrung musste auch der ehrgeizige Werksklub machen: „Im Frauenfußball kann man nicht sagen: ,Hier sind wir, und jetzt kommen alle Topspielerinnen zu uns’“, sagt VfL-Trainer Ralf Kellermann. Das langfristige Ziel ist es, regelmäßig um die Meisterschaft mitzuspielen und die bisherigen Topklubs Potsdam, Frankfurt und Duisburg zu überholen.

          Die Favoritinnen aus Frankfurt liefen die meiste Spielzeit hinterher
          Die Favoritinnen aus Frankfurt liefen die meiste Spielzeit hinterher : Bild: dpa

          Dass sich Siegfried Dietrich ein ähnliches Engagement auch von anderen Klubs wünscht, betont der FFC-Manager bei jeder Gelegenheit. „Für die Attraktivität der Bundesliga“, davon ist er überzeugt, „gäbe es nichts Besseres.“ Schließlich belebe die Konkurrenz das Geschäft und treibe auch den Branchenriesen Frankfurt zu Höchstleistungen.

          In der Bundesliga wird das neben Turbine Potsdam und dem FCR Duisburg in den nächsten Jahren Wolfsburg tun. Im Finale der Champions League misst sich der FFC am Donnerstag mit Olympique Lyon, dem französischen Vorzeigeklub im Männer- und Frauenfußball. Voraussetzungen für den Erfolg jener Großvereine seien aber nicht nur die entsprechende finanzielle Ausstattung, sondern auch eine „emotionale Berührung für den Frauenfußball“ (Dietrich) - womit aktuell auch die großen Unterschiede zwischen dem Musterbeispiel Wolfsburg, dem schlafenden Riesen München und dem schwarzen Schaf Hamburg zu erklären sind.

          Quelle: F.A.S.

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