Als der 1. FFC Frankfurt vor elf Jahren gegründet wurde, war dies die Geburtsstunde der Professionalisierung im deutschen Vereins-Frauenfußball. Mitte vergangener Woche meldeten sich nun aber die bösen Geister des Profisports beim prägenden Klub des vergangenen Jahrzehnts. Der FFC sah sich veranlasst, seinen Trainer Günter Wegmann zu entlassen. Bereits die erste Saisonniederlage der erfolgsverwöhnten Mannschaft um Birgit Prinz und Nadine Angerer gegen Bayern München und der Sturz auf Rang fünf reichten aus, um die Dienstzeit des ersten hauptamtlichen Fußballlehrers der Vereinsgeschichte nach nur 15 Monaten zu beenden. Erstmals beendete der Vorzeigeverein eine Beziehung zu einem Fußballlehrer mitten in der Saison; erstmals verabschiedete sich ein am Ende seiner Tätigkeit offenkundig beratungsresistenter Trainer ohne jeden Titelgewinn vom siebenmaligen Meister und dreimaligen Europapokalsieger.
Die Schwächephase des Klubs ist in vielerlei Hinsicht auch eine Krise des Siegfried Dietrich. Der Manager ist der allmächtige Mann beim FFC. Er hat den Frauenfußball in Frankfurt aus der Nische herausgeholt und mit seiner Agentur zu einer gesellschaftlich beachteten Sportart vorangebracht. Er hat den Klub mit eigenem Geld zum Branchenprimus entwickelt. Im Stadionheft braucht es gleich drei Worte, um Dietrichs Bedeutung zu umschreiben: Manager/Investor/Pressesprecher.
Die Basis schuf der 52-Jährige, der früher sein Geld als Promoter von Eiskunstlaufveranstaltungen mit Katarina Witt verdiente, vor anderthalb Jahrzehnten. „Bis vor wenigen Jahren wurde ich belächelt für meine Überzeugung, dass man Frauenfußball vermarkten kann“, sagt Dietrich heute, wenn sein Klub mal wieder eine neue Bestmarke wie den Uefa-Pokal-Sieg im Mai 2008 vor 27.000 Zuschauern im Frankfurter WM-Stadion aufgestellt hat. Dank solcher Erfolge fährt der Geschäftsmann, der zugleich alle namhaften Spielerinnen seines Kaders und mit Kim Kulig sogar eine Akteurin des Konkurrenten HSV berät, mittlerweile eine ordentliche Rendite dafür ein, dass er bis Anfang des Jahrtausends investiert hat.
Respekt und Schadenfreude
Dietrichs Erfolg nötigt selbst der Konkurrenz Respekt ab. Zugleich provoziert die augenblickliche sportliche Schieflage des Vereins, der schon im Vorjahr trotz des mit 1,3 Millionen Euro deutlich größten Etats und des besten Kaders bei Rang vier in der Bundesliga an seine Grenzen stieß, Schadenfreude. Vor allem, da der FFC erstmals mit dem Ansatz zu scheitern scheint, dass Erfolg durch immer neue Starzugänge sicherzustellen ist. „Natürlich ist es eine besondere Genugtuung, wenn wir vor Frankfurt stehen“, sagte Bernd Schröder, Trainer des Erzrivalen und deutschen Meisters Turbine Potsdam, im Sommer.
Zudem spotten die Funktionäre anderer Vereine über Dietrichs Hang zur Selbstinszenierung. Der FFC-Manager liebt den großen Auftritt: Zu Pressekonferenzen lädt Dietrich in den 49. Stock des Büroturms seines Sponsors. Kein Wunder, dass dem fleißigen Arbeiter der Ruf des Selbstdarstellers vorauseilt. Diese Charakterisierung wird Dietrich, der mögliche finanzielle Einbußen des Klubs mit eigenen Mitteln ausgleichen müsste, freilich nur unzureichend gerecht. Er ist neben dem DFB der wichtigste Motor des Sports, ohne den die Bundesliga noch weitaus bedeutungsloser wäre, als sie es noch immer ist.
Erfolge fürs Comeback
In dieser Woche hat Dietrich, dem Wegbegleiter neben großem Geschick auch einen Kontrollwahn attestieren, nun - wie einst beim Einstieg in den Frauenfußball - Mut zu einer ungewöhnlichen Entscheidung gezeigt. Er hat den weitgehend unerfahrenen Assistenten Kahlert zum Trainer befördert und angedeutet, einen Teil seiner Gestaltungsmacht abzutreten. „Ich werde Sven Kahlert so viele Freiheiten einräumen wie keinem Trainer zuvor“, sagt Dietrich. Klingt so, als habe er dazugelernt.
Sowohl im Pokalspiel beim neuen Tabellenführer SC 07 Bad Neuenahr wie auch im Bundesligaspiel beim Hamburger SV durfte Dietrich jedenfalls schon einmal die Ernte einfahren. Seine Frauen siegten jeweils mit 4:0 so souverän wie zu den besten Zeiten und verbesserten sich in der Tabelle auf Rang drei.