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Aktualisiert: 10.03.2016, 17:01 Uhr

Deutsche Fußballfrauen Wo bitte geht es in den Strafraum?

Die deutschen Fußballfrauen werden Zweite beim Turnier in Amerika. Doch nicht die Niederlage im entscheidenden Spiel macht Sorgen. Das DFB-Team leidet unter einer chronischen Schwachstelle.

von
© AP Die deutschen Fußballfrauen (rechts Alexandra Popp) tun sich schwer im Spiel nach vorne gegen die Topgegner.

Der Schuss von Anja Mittag hatte etwas Befreiendes. Links unten flog der scharf geschossene Ball aus rund zwanzig Metern ins Tor der machtlosen amerikanischen Keeperin Hope Solo. Die deutschen Fußballfrauen führten am Mittwochabend in Boca Raton in Florida 1:0 (29. Minute). Auch wenn das letzte Spiel beim Einladungsturnier um den „She believes Cup“ letztlich noch nach Gegentreffern von Alex Morgan (35.) und Samantha Mewis (41.) 1:2 endete und der Turniersieg an die Amerikanerinnen ging, so endete für das deutsche Team wenigstens eine deprimierenden Durststrecke: Endlich gelang einmal wieder gegen einen der drei derzeit härtesten Konkurrenten ein eigener Treffer aus dem Spiel heraus.

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In den vorangegangenen sechs Begegnungen mit England, Frankreich oder den Vereinigten Staaten, darunter auch die entscheidenden Spiele bei der WM im vergangenen Sommer in Kanada, hatten die deutschen Fußballfrauen lediglich durch Elfmeter, Standards oder aber wie jetzt beim 2:1-Sieg gegen England im Rahmen des Testspiel-Turniers dank eines gegnerischen Eigentors durch Gilly Faherty den Ball ins Tor bekommen.

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„Wir machen uns auch unsere Gedanken, weshalb wir gegen die besten Gegnerinnen derzeit kaum Torchancen herausspielen“, sagt Offensivspielerin Alex Popp. „Aber wir können uns ja nicht im Boden vergraben.“ Dass der Treffer der für Paris Saint-Germain stürmenden Mittag letztlich nicht zur Revanche für die Halbfinalniederlage bei der WM reichte, lag an den unbändigen Kraft, mit der die Weltmeisterinnen aus den Vereinigten Staaten das deutsche Team in einen Abnutzungskampf zwangen.

Immer wieder machten sie Tempo, sie droschen lange Bälle übers Feld; oder Carli Lloyd, die derzeit beste Fußballspielerin der Welt, setzte zu ihren unnachahmlichen Tempodribblings an. Zudem ließ die deutsche Schlussfrau Almuth Schult einen haltbaren Schuss von Mewis zum Siegtreffer durch die Hände rutschen. Die DFB-Elf hielt zwar tapfer dagegen, eroberte auch mit einem gut organisierten Gegenpressing viele Bälle schon in der gegnerischen Hälfte. Aber allzu selten schaffte es das strategische Zentrum um die Mittelfeldspielerinnen Marozsan, Behringer und Popp, aus diesen Situationen heraus mit exakten Pässen in den Strafraum vorzudringen.

Ali Krieger,Anja Mittag © AP Vergrößern Harter Kampf unter den Augen der Bundestrainerin: Silvia Neid beobachtet das Duell zwischen der deutschen Stürmerin Anja Mittag (l.) und der Amerikanerin Ali Krieger

Wie schon bei der insgesamt enttäuschenden, mit Rang vier beendeten WM fehlte dem deutschen Team die passende Idee fürs Offensivspiel. „Wir erobern viele Bälle, sind dann aber zu hektisch und spielen zu viele Fehlpässe“, sagte Popp. „Das geht aber nach meiner Einschätzung derzeit allen Spitzenteams so, weil das gegnerische Gegenpressing bei allen immer besser wird und man dadurch ständig unter Druck steht.“ Gegen die Amerikanerinnen kamen die Deutschen immerhin zu mehr Torschüssen als in den Spielen zuvor.

Nach dem Ausscheiden im WM-Halbfinale in Montreal hatte Bundestrainerin Silvia Neid in der Analyse noch konstatiert, dass ihre Spielerinnen bei ihren Bemühungen stets das Ziel verfehlt und die amerikanische Torhüterin Hope Solo nur selten geprüft hatten. In Boca Raton musste Solo immerhin mehrmals ihr Können zeigen. Dennoch warten die Deutschen weiter auf den ersten Sieg gegen die Amerikanerinnen seit dem WM-Halbfinalerfolg 2003. Zehn vergebliche Versuche gegen das erfolgreichste Team der Welt stehen nun in der Statistik.

2016 SheBelieves Cup - United States v Germany © AFP Vergrößern Deutsche Führung: Anja Mittag trifft zum 1:0

Neid verwies nach der Partie nicht zu Unrecht darauf, dass ihr sieben Spielerinnen nicht zur Verfügung standen, darunter auch die in temporeichen Spielen schwer ersetzbare Simone Laudehr. Deshalb zog Neid ein gemischtes Fazit zum Ende des Turniers, in dem die Deutschen neben England immerhin auch Frankreich geschlagen hatten. „Wir können mit den Amerikanerinnen mithalten. Aber es reicht noch nicht ganz. Von daher wissen wir schon, dass wir noch viel zu tun haben bis Olympia“, sagte Neid, für die das Turnier der Auftakt in ihr letztes Jahr als Bundestrainerin war.

Nach den Olympischen Spielen wird den Posten Assistentin Steffi Jones übernehmen Zuvor möchte Neid ihre von einem Welt- und drei Europameistertiteln gekrönte Trainerlaufbahn angemessen beenden. Wenigstens eine Medaille soll es in Rio werden. Für noch größere Ambitionen wie den ersten Olympiasieg sollten die deutschen Frauen aber endlich wieder den Weg in den Strafraum finden.

39015716 © AFP Vergrößern Am Ende jubeln aber die Amerikaner: Mewis hat das 2:1 erzielt

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Von Anno Hecker

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