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Frauen-Fußball „Wir brauchen mehr Gesichter“

25.09.2007 ·  Siegfried Dietrich ist Manager beim deutschen Spitzenklub 1. FFC Frankfurt. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die unerschlossenen Potentiale im deutschen Frauenfußball trotz des Booms seit dem WM-Gewinn 2003.

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Siegfried Dietrich engagiert sich seit rund 15 Jahren für den Frauenfußball. Der Manager und Investor beim deutschen Vorzeigeklub 1. FFC Frankfurt hatte sich zuvor als Veranstalter und Organisator von Fernseh-Eiskunstlaufgalas mit Katarina Witt sowie der Vermarktung verschiedener Sportler und Sport-Events einen Namen gemacht. Dietrich ist als einziger Liga-Manager vom ersten bis zum letzten Tag bei der WM in China.

Sieben Nationalspielerinnen und 13 von insgesamt 16 Toren bei der Weltmeisterschaft - was wäre die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ohne den 1. FFC Frankfurt?

Die Nationalmannschaft ist zwar seit Jahren mit vielen Akteurinnen des 1. FFC Frankfurt ein sehr starkes Team, aber genauso sind auch die Spielerinnen anderer Klubs an den großartigen Erfolgen beteiligt. Hier kommt zum Tragen, dass unsere Vereinsarbeit auch mit Blick auf die Teilnahme im Uefa-Pokal international ausgerichtet ist und zu unserer Philosophie zählt, mit möglichst vielen Nationalspielerinnen - und damit auch den Gesichtern des Frauenfußballs - präsent zu sein. Natürlich ist es schön, wenn Spielerinnen wie etwa Birgit Prinz, Kerstin Garefrekes, Renate Lingor oder Sandra Smisek dann bei der WM eine große Rolle spielen.

Was bedeutet der Einzug ins Halbfinale für den Frauen-Fußball, für das DFB-Aushängeschild Nationalmannschaft und die Bundesliga?

Ein großes Ziel ist jetzt schon erreicht. Mit dem Halbfinale haben wir eine mögliche Talsohle in der Erfolgsgeschichte des deutschen Frauenfußballs verhindert. Andererseits ist der Frauenfußball in Deutschland nicht mehr unmittelbar von einem WM-Ergebnis abhängig, er hat schon eine gewisse Etablierung erreicht. Jetzt können wir weiter auf der Erfolgswelle reiten. Die Zuwachsraten bei den Mädchen sind seit dem WM-Gewinn 2003 gigantisch. Viele Vereine, auch wir, können die Mädchen nur noch begrenzt aufnehmen und müssen neue Trainingskapazitäten schaffen. Aber die wichtigste Entscheidung steht uns im Oktober noch bevor: ob Deutschland die WM 2011 bekommt. Dafür ist der Erfolg bei der WM auch ein wichtiger Teil.

Die Nationalmannschaft macht Werbung durch ihre Ergebnisse bei der WM, aber nicht mehr wie vor vier Jahren auch durch ihre Gesichter. Ist das nicht ein großes Manko für eine Sportart, die nach wie vor um Aufmerksamkeit kämpfen muss?

Das ist der entscheidende Punkt. Wir brauchen in Zukunft mehr Gesichter, die in der Öffentlichkeit für den Frauenfußball stehen. Diese Erkenntnis muss bei den Vereinen, bei den Verbänden und auch beim Selbstverständnis der Spielerinnen noch wachsen. Sport wird in Deutschland über Persönlichkeiten transportiert. Da müssen wir sehr intensiv dran arbeiten. In den letzten Jahren hatten wir Gesichter, die dem Frauenfußball sehr geholfen haben: Nia Künzer, die das Golden Goal im WM-Finale erzielt hat und nun für das Fernsehen kommentiert, oder Steffi Jones, die in einer besonderen, persönlichen Weise den Frauenfußball verkörpert. Diese Gesichter gehen uns zwar nicht verloren, aber es müssen weitere hinzukommen. Im Moment haben wir mit Birgit Prinz noch eine Spielerin dabei, die ihr Leben sehr authentisch lebt. Wenn sie die Ambitionen hätte, sich als „everybody's darling" zu verkaufen, hätte sie zwar noch mehr Möglichkeiten gehabt, sich zu vermarkten. Aber wir alle akzeptieren, wie sie ist. Sie ist mit ihren Qualitäten auf dem Rasen und ihrer Persönlichkeit weltweit ein hervorragender Botschafter für den Frauenfußball. Ich hoffe, dass man ihr aufzeigen kann, dass die WM 2011, wenn sie in Deutschland stattfindet, für sie noch mal ein großes Ziel wäre. Im Bewusstsein vieler Spielerinnen ist aber noch nicht angekommen, welches Potential da brach liegt. Ich sehe immer wieder, dass das Interesse von Sponsoren für den Frauenfußball stetig wächst.

Welches Potential hat der Frauen-Fußball in Deutschland nach der Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre noch?

Wir haben enormes Potential. Die WM 2011 ist die große Chance schlechthin. Wir haben dann die Möglichkeit, falls wir den Zuschlag bekommen, uns als populärste Frauensportart in Deutschland zu etablieren. Das ist aber nur möglich, wenn wir den sportlichen Erfolg fortschreiben können, wir die passenden Gesichter dazu bekommen und in der Bundesliga professioneller arbeiten. Ich habe am Rande des DFB-Pokalendspiels auch mit Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern gesprochen und mit anderen Vertretern aus der Männer-Bundesliga. Die wollen das in Zukunft auch etwas intensiver angehen. Aber an den Schaltstellen müssten Leute sein, die mit dem Frauenfußball emotional verbunden sind und etwas bewirken können. Theo Zwanziger ist daher die entscheidende Figur für den deutschen Frauenfußball. Er ist der große Promoter, der mit seiner Ernsthaftigkeit für das Thema die Türen öffnet. Aber Theo Zwanziger mag nicht nur den Frauenfußball, er erkennt darin auch eine große Perspektive für den DFB, und das müssten die Bundesligavereine auch so sehen. Die großen Traditionsklubs müssen in Zukunft Fußballvereine für Männer und Frauen sein.

Die Nationalmannschaft ist der Hingucker im Frauen-Fußball, der Bundesliga aber attestiert selbst Bundestrainerin Silvia Neid Nachholbedarf. Was wollen Sie tun?

Weil immer mehr Mädchen Fußball spielen und vom DFB geförderte Eliteschulen des Fußballs entstehen, wird sich die Qualität automatisch verbessern. Aber entscheidend wird sein: Wir müssen in der Bundesliga professioneller denken und arbeiten. Es muss in viel mehr Vereinen in Richtung Halbprofitum und auch Profitum gehen. Das Halbprofitum ist Voraussetzung, dass sich die Spielerinnen mehr auf den Fußball und alle damit verbundenen Aktivitäten konzentrieren können. Derzeit sind vielleicht ein halbes Dutzend Spielerinnen beim FFC Halbprofi, in Deutschland sind es kaum mehr als das Doppelte. Bis zur WM 2011 ist es mein Ziel, dass in Frankfurt der größte Teil der Spielerinnen sich als Halbprofi bezeichnen kann.

Wie sehr profitiert der 1. FFC als bekanntester deutscher Bundesligaklub vom WM-Erfolg?

Wir profitieren davon ganz enorm. Mit unserem Anteil an Nationalspielerinnen, über deren Gesichter der Erfolg transportiert wird, fällt das direkt auf den Klub zurück. Vom Medieninteresse her hat die WM eine neue Dimension im Frauenfußball erreicht. Das wirkt sich wiederum sehr positiv auch auf unsere Sponsoren aus. Da müssen wir ansetzen, um den Frauenfußball weiterzuentwickeln.

Was ist wichtiger für den Frauen-Fußball: die WM in China zu gewinnen oder der WM-Zuschlag für 2011?

Das Größte für die Entwicklung wäre die WM im eigenen Land - und wenn wir dann noch Titelverteidiger sind, wäre das ein Traum.

Das Gespräch führte Michael Horeni

Quelle: F.A.Z., 25.09.2007, Nr. 223 / Seite 31
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