Ob Laurent Blanc schon in Erwägung gezogen hat, wieder einmal die Glatze seines ehemaligen Nationalmannschaftskollegen Fabien Barthez zu küssen? Einen Versuch wäre es wert. Als Spieler hatte Blanc während der WM 1998 vor dem Anpfiff stets den kahlen Kopf des Torwarts liebkost, um das "Wohlwollen der Fußballgötter" heraufzubeschwören. Dieses benötigt der Sechsundvierzigjährige auch jetzt, will er über den kommenden Fußball-Sommer hinaus Nationaltrainer der Franzosen bleiben.
Vier Monate vor der EM in Polen und der Ukraine scheinen Blancs Tage im Amt - ganz unabhängig vom Turnierverlauf - gezählt. Selbst ein Erfolg, wobei das Überstehen der Vorrunde bereits als solcher zu werten wäre, dürfte Blanc nicht mehr retten. Zu groß sind die Unstimmigkeiten, zu tief die Risse zwischen dem Cheftrainer und Noël Le Graët, dem Präsidenten des französischen Fußball-Verbandes (FFF). Der oberste Fußballfunktionär lehnte zu Beginn des Jahres eine vorzeitige Verlängerung von Blancs im Juni auslaufenden Vertrag strikt ab und schürte damit Gerüchte, dass die Trennung bereits ausgemachte Sache sei.
Obwohl sich die französische Auswahl, die am Mittwoch (20.45 Uhr/ live in der ZDF und F.A.Z.-Liveticker) in einem Testspiel in Bremen gegen das deutsche Team antritt, nur mühsam durch die EM-Qualifikation quälte, liegt es weniger an den sportlichen Resultaten, dass Blanc bei Le Graët in Ungnade gefallen ist. Es liegt an einer Vielzahl interner Querelen.
Streit um Geld und Quartier
Zu teuer sei Blancs kostspieliger Trainerstab, zu hoch dessen Gehalt, klagte der Präsident und forderte eine Reduzierung der 22-köpfigen Entourage. 100.000 Euro monatlich bezieht Blanc, den der Verband im Sommer 2010 für 1,5 Millionen Euro aus seinem Vertrag bei Girondins Bordeaux losgekauft hatte.
Ein Streit um das Mannschaftsquartier - Le Graët votierte für Donezk, Blanc für eine Stadt in Polen - trug ebenso wenig zur Harmonie bei wie Blancs umstrittener Werbevertrag mit Crédit Agricole, einem Partnersponsor der FFF. Zudem gab es einen erbitterten Disput über Siegprämien. Zweimal forderte der Trainer deren Einführung, zweimal lehnte Le Graët ab.
Pikanter Berater
Als Kern des Streits gilt jedoch die pikante Personalie Jean-Pierre Bernès. Der Spielerberater, der zahlreiche französische Nationalspieler vertritt, steht auch Blanc zur Seite und zählt zu den einflussreichsten Vertretern seines Metiers. Da Bernès in den neunziger Jahren wegen seiner Verstrickung in einen Korruptionsskandal bei Olympique Marseille zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war, stufte Le Graët die Verbindung als "absolut unmoralisch" ein.
Um einen vollständigen öffentlichen Affront zu vermeiden, revidierte der Siebzigjährige Anfang Februar seine Aussage und gewährte Blanc eine viermonatige Gnadenfrist. Für den gebeutelten Verband droht dies jedoch zur Zerreißprobe zu werden. In der französischen Presse kursieren bereits die Namen potentieller Nachfolger. Neben Arsène Wenger, der seit Jahren offen damit liebäugelt, seine Karriere als Trainer der Bleus zu beenden, wird Paul Le Guen hoch gehandelt. Der aktuelle Auswahltrainer des Sultanats Oman ist wie Le Graët Bretone und ein Mann ganz nach dem Geschmack des Unternehmers.
Ende der Hoffnungen nach dem WM-Eklat
Sorgenvoll beobachtet die Grande Nation die abermalige Unruhe im französischen Verband, die wenige Monate vor der ersten großen internationalen Bewährungsprobe an alten Wunden rührt. Anderthalb Jahre nach dem sportlichen Totalausfall bei der Weltmeisterschaft in Südafrika befindet sich die Équipe Nationale noch immer in ihrer Findungsphase, und Blanc räumte ein, dass der aktuelle Zwist die Vorbereitung störe. "Wenn ständig Entscheidungen kritisiert und Kompetenzen in Frage gestellt werden, ist man zum Scheitern verurteilt", sagt der Weltmeister von 1998.
Dabei waren mit Blanc nach dem WM-Eklat in Südafrika große Hoffnungen verbunden worden. Als Nachfolger des unpopulären Raymond Domenech sollte er den "Respekt der Spieler vor dem Nationaltrikot" reanimieren und sie zurück zu brüderlicher Einigkeit führen. In seinem ersten Spiel als Nationaltrainer hatte der Südfranzose als öffentlichkeitswirksame Disziplinarmaßnahme keinen einzigen WM-Rebellen nominiert, anschließend aber auf einen radikalen Neuaufbau verzichtet.
Stattdessen begnadigte und reintegrierte Blanc die sanktionierten Spieler und förderte mit Yann M'Vila und Marvin Martin vielversprechende Talente. Doch die Entwicklung geht Le Graët zu schleppend voran. Es riecht nach einer Scheidung auf Raten, zumal Blancs realistische, aber ernüchternde Europameisterschaftsprognose nicht darauf hindeutet, dass ein kleines Wunder die endgültige Trennung im Juni verhindert. Man müsse sich darauf einstellen, dass die Mannschaft die Vorrunde nicht übersteht, hat der Nationaltrainer angekündigt. Blanc selbst wäre im Fall der Fälle schon froh, wenn ihm zum Abschied gelänge, was weder bei der EM 2008 noch bei der WM 2010 erreicht wurde: ein Sieg.