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Franz Beckenbauer Flaneur des Fußballs

29.06.2005 ·  Franz Beckenbauer hat den Belastungstest Confederations Cup glänzend bestanden. Der Ausnahmezustand geht auch nach dem Finale Brasilien gegen Argentinien weiter, das sich der Kaiser mit dem Kanzler ansehen wird.

Von Roland Zorn
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Die Gabe der Allgegenwart scheint im Moment nur er zu besitzen. Beckenbauer hier, Beckenbauer dort und da drüben auch noch: Der deutsche Fußball-"Kaiser" schwebt über seinem Volk, läßt sich von einem eigens gecharterten Helikopter von Schauplatz zu Schauplatz dieses Confederations Cups fliegen - und schaut doch nie genervt, gestresst, strapaziert aus. Verschwitzt schon gar nicht, da der Präsident des Organisationskomitees (OK) der Weltmeisterschaft 2006 hitzeresistent ist.

So nonchalant er einst mit dem Ball spielte, so lässig muten seine Visiten an. Wo Franz Beckenbauer auch auftaucht, entspannt sich die Lage. "Ich bin doch nur das I-Tüpfelchen", pflegt der Münchner Flaneur gern zu sagen, wenn selbst langjährige Freunde und Mitarbeiter über das Pensum ihres Chefs, der am 11. September 60 wird, nur noch staunen. Von einem "dynamischen Beckenbauer" schwärmt auch Joseph Blatter, der ähnlich umtriebige und ähnlich nimmermüde Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa).

Knitterfrei in jeder Hinsicht

Dabei steckt hinter den zahllosen öffentlichen Auftritten in den Stadien, Studios und Städten ein minutiös ausgearbeitetes und diszipliniert umgesetztes Programm. Anders wären die zehn bis vierzehn Termine täglich, die der OK-Präsident während des Turniers zu absolvieren hat, nicht zu bewältigen. Um sieben Uhr morgens beginnt der von Beckenbauer selbst nicht so empfundene Ausnahmezustand mit einer Lagebesprechung. Dann startet die tägliche "Kaiser"-Tour, die der Chef in aller Regel pünktlich und verläßlich bis zum späten Feierabend absolviert.

An diesem Mittwoch geht der Marathon über 10.000 Flugkilometer, Besuche von elf der 14 Spiele und bei allen beteiligten Mannschaften, Empfänge von Kommunen und Sponsoren, eine Reihe von Interviews - es gab 200 Anfragen - und Auftritte im ZDF zu Ende. Picobello präsentierte sich "der Franz", also knitterfrei in jeder Hinsicht. Dazu sehr konzentriert und sowieso natürlich souverän. Beckenbauers gerade Haltung, seine Körpersprache, die den in sich ruhenden Weltmann verrät, seine selbstironische Rhetorik sagen jedem, der es nicht sowieso schon wüßte: Hier agiert und redet einer, der die Agenda bestimmt, ohne sich wichtig zu nehmen. Er hat den persönlichen Belastungstest wie alle Prüfungen seines Lebens scheinbar mühelos bestanden und darüber nie die gute Laune verloren, die zur Grundausstattung dieses über 14 Tage besonnten Turniers gehört hat. "Ich vermisse die Muße", hat er während seiner Sommerreise einmal gesagt, "ich bin gedanklich so bei der WM 2006, daß ich manchmal nicht mehr weiß, was ich gerade in einem Buch gelesen habe."

Er gönnt sich ja sonst nichts

An diesem Mittwoch hat er sich zwischen den Optionen Besuch des deutschen Spiels um Platz drei in Leipzig und Begleitung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der zuerst den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und anschließend das Endspiel im benachbarten Frankfurter Stadion besucht, für die politische Lösung entschieden. Der Lebenspräsident und der vom Mandatsverlust bedrohte Kanzler sehen sich vielleicht zum letzten Mal auf höchster offizieller Ebene.

Wenn Schiedsrichter Lubos Michel das Finale zwischen Brasilien und Argentinien abpfeift und Sieger wie Verlierer geehrt sind, beginnt für Franz Beckenbauer noch lange kein Urlaub. Den gönnt er, der ständig im Dienst seiner Sache, seiner Sponsoren oder seiner Medienvertragspartner ("Bild", ZDF, Premiere) unterwegs ist, sich so gut wie nie. Also spielt Beckenbauer im Juli Golf. Nicht zum Selbstzweck, versteht sich, sondern um Geld für seine wohltätige Stiftung zu generieren. Im August wäre dafür keine Zeit, weil dann ja schon wieder Bundesliga und WM-Pflichten rufen. Ehe dann im Dezember in Leipzig die Weltmeisterschaftsendrunde ausgelost wird, umkreist Beckenbauer vom Oktober an die Welt ohne Helikopter. Der dann Sechzigjährige nimmt es von da an auf sich, alle 31 Länder, die sich neben Ausrichter Deutschland für die WM qualifiziert haben, mit einem Besuch zu beehren. Er gönnt sich ja sonst nichts.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2005, Nr. 148 / Seite 33
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