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Frankreichs Trainer Deschamps „Typisch deutsch: Ihr wollt einen Anführer“

Vor dem Länderspiel in Paris an diesem Mittwoch (21 Uhr) spricht Frankreichs Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps über den Neuanfang bei den Franzosen und die Debatte, ob der deutschen Elf Führungsspieler fehlen.

© dpa Vergrößern Didier Deschamps: „Nur Halbfinale? Nahezu jedes andere Team der Welt wäre auf diese Leistung stolz“

Der 44 Jahre alte Didier Deschamps, als Spieler 1998 mit Frankreich Weltmeister, hat von seinem Vorgänger Laurent Blanc ein Team übernommen, das alte Stärken und jedes Vertrauen im Land verloren hatte. Vor dem Länderspiel in Paris an diesem Mittwoch (21 Uhr / ARD  und F.A.Z.-Liveticker) spricht Frankreichs Nationaltrainer über Neuanfang und Führungsspieler.

Vor dem 2:1 der Franzosen vergangenes Jahr in Bremen gegen Deutschland sagte Ihr Vorgänger Laurent Blanc, seine Mannschaft sei klarer Außenseiter - hat sich daran etwas geändert?

Nein, das ist immer noch so.

Obwohl sich Frankreich stabilisiert hat, während Deutschland angeschlagen aus dem Länderspieljahr 2012 gegangen ist?

Deutschland stand bei der EM und der WM im Halbfinale, wir nicht. Das 4:4 gegen Schweden war vielleicht ein Schock, aber nicht mehr - so wie unser Sieg über Italien nur ein Freundschaftsspiel war.

Ist Frankreich nach all den Querelen wieder eine Mannschaft mit Teamgeist?

Absolut. Man kann die besten Spieler der Welt haben, wenn die Mentalität nicht stimmt, kommt man nicht weit. Wir müssen zu dieser Kultur des Siegenwollens, wie sie in Deutschland herrscht, zurückfinden. Deutschland hat viele Spieler, die mit ihren Klubs auf höchstem internationalem Niveau spielen, die haben das verinnerlicht. Ich habe mit Ribéry, Benzema und Évra gerade drei Spieler dieser Kategorie.

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Es heißt, Sie hätten neue Verhaltensregeln aufgestellt. War das maßgeblich für den Aufschwung?

Es ist meine Aufgabe, mich neben dem Sportlichen auch um Zwischenmenschliches zu kümmern. Die neue Spielergeneration ist oftmals egoistischer und individualistischer, als wir es waren, deshalb lege ich viel Wert auf das, was abseits des Platzes passiert. Es ist unabdingbar, dass mir Spieler zeigen, dass sie das Nationaltrikot unbedingt tragen wollen. Ich will die Lust und das Ehrgefühl, das sie dabei empfinden, sehen können.

Viele Schlüsselspieler der Ära Blanc wie Nasri, Mexès oder M’Vila haben Sie aussortiert. Haben Sie bei ihnen dieses Ehrgefühl nicht gesehen?

Ich habe sie nicht aussortiert, sondern nicht wieder berufen. Dafür habe ich neue Spieler aufgebaut. Viele meiner Stammspieler haben weniger als zwanzig, teilweise nicht einmal zehn Länderspieleinsätze. Im Vergleich mit Deutschland sind wir das unerfahrenste Team der Welt. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass im französischen Fußball seit 2010 nichts mehr ist, wie es war. Was bei der WM in Südafrika passiert ist, war gravierend. Es hat das Verhältnis zwischen Nation und Team erschüttert.

Bild Deschamps © REUTERS Vergrößern Fordert Ehrgefühl und Stolz von seinen Spielern: Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps

Als Sie Marseille verlassen haben, waren Sie regelrecht grau im Gesicht, Sie wirkten angeschlagen. Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir so gut wie lange nicht mehr. Ich habe eine Thalasso-Therapie gemacht und abgenommen. Die Jahre in Marseille waren hart. Im Wochenendrhythmus gefordert und täglich eingespannt zu sein zehrt aus. Das Leben eines Klubtrainers ist anstrengend, der ständige Druck, die Erwartungen - das hat sich körperlich ausgewirkt. Am Ende ging es mir richtig schlecht. Ich vermisse den Liga-Alltag nicht und freue mich, mehr Zeit für andere Aufgaben, wie Amateurfußball und Verbandsarbeit, zu haben. Nationaltrainer zu sein ist ein großer Genuss, einzig das Trikot selbst zu tragen ist noch schöner.

Warum führte das attraktive Spiel der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft letztlich zu nichts?

Zu nichts? Ist das der Eindruck der Deutschen? Gescheitert zu sein? Was ist denn Scheitern, wenn das schon Scheitern sein soll? Deutschland hat sich im besten Sinne neu aufgestellt. Sie haben ihre alten Qualitäten behalten, insbesondere ihre physische Stärke, und neue hinzugewonnen. Die junge deutsche Generation mit Reus, Özil und Götze hebt dieses Team auf ein völlig neues technisches Niveau.

Fakten, Fakten, Fakten © dpa Bilderstrecke 

Die DFB-Elf muss sich den Vorwurf gefallen lassen, keine Führungsspieler zu haben. Zu Recht?

Das ist typisch deutsch. Ihr seid es gewohnt, dass jemand die Richtung vorgibt, ihr wollt einen Wortführer, der mal so richtig auf den Tisch haut und einen Kraftausdruck benutzt. Uns in Frankreich ist diese Debatte völlig unverständlich. Wie kann man das wollen? Natürlich braucht man Spieler mit Charakter, aber nicht zwingend einen Spieler, der andere dominiert. Sind Schweinsteiger, Khedira und Klose denn keine Leader? Das Problem der Deutschen ist, dass es ihnen nicht mehr reicht, wenn ihre Mannschaft ins Halbfinale einzieht. Nahezu jedes andere Team der Welt wäre auf diese Leistung stolz. Wir wären es.

Aber auch Sie haben höchste Ziele gesteckt und den Sieg in der WM-Qualifikationsgruppe als Ziel ausgegeben. Es ist noch nicht lange her, da wäre das ziemlich gewagt erschienen.

Als ich das zum ersten Mal gesagt habe, haben alle über mich gelacht. Aber wer auf höchstem Niveau spielen will, muss sich das Gewinnen zutrauen. Wir müssen Spanien zu Hause schlagen wollen. Es ist entscheidend, sich im Kopf darauf einzustellen. Sich zu sagen: Wir gewinnen gegen Spanien, weil wir es können!

Das Gespräch führte Charlotte Schneider.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 16:26 Uhr

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