04.09.2010 · „Katastrophe“ in Paris: Frankreich verliert in der EM-Qualifikation auch mit dem neuen Trainer Laurent Blanc 0:1 gegen Weißrussland. Noch immer lastet der Fluch der Vergangenheit auf der Nationalmannschaft.
Von Jürg Altwegg, ParisDas erwartete Pfeifkonzert blieb aus – zumindest vor dem Anpfiff. Mehr als den bescheidenen Gegner aus Weißrussland fürchteten die Franzosen das heimische Publikum im Pariser Stade de France, der Stätte ihres größten Triumphs. Ausverkauft war es nicht. Dabei waren zehntausend Plätze für zehn Euro verscherbelt worden. Oder im Dreierpack – ein Freundschaftsspiel im Februar gegen Brasilien als Neuauflage des 3:0-Endspiels von 1998 inklusive. Die Mannschaften der Qualifikationsgruppe zur EM 2012 sind nicht besonders attraktiv: Nach Weißrussland spielen „Les Bleus“ gegen Bosnien, Rumänien, Albanien und Luxemburg. An ein Scheitern denkt da niemand.
Doch gegen Weißrussland ging es um Größeres. Die Mannschaft mit dem erst wenige Minuten vor Beginn ernannten Kapitän Florent Malouda spielte gegen ihre eigene Vergangenheit und um ihre bei der WM in Südafrika verlorene Ehre. 75.000 Zuschauer waren gekommen. Auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Doch Frankreich verlor 0:1. „Wir haben Mist gebaut“, sagte Verteidiger Philippe Mexès. Dabei hatte man alle Mythen für den Neuanfang bemüht. Zwei Tage vor dem Spiel holte der neue Coach Laurent Blanc seine alten Mitspieler aus dem Weltmeisterteam von 1998 ins Trainingslager - Fabien Barthez und Zinedine Zidane. Mit dem Abtritt dieser so erfolgreichen Generation vom aktiven Fußball hat sie die Macht und das Sagen über die Nationalmannschaft erobert. Blanc wurde ohne große Erfahrung zum Trainer und Nachfolger von Raymond Domenech gemacht.
Aimé Jacquet, sein legendärer Vorfahre von 1998, kehrte als moralisches Gewissen in die Öffentlichkeit zurück. Domenech, kritisierte er, werde „gelyncht“ wie er selbst vor der WM 1998. Und schon vor der Niederlage gegen Weißrussland forderte er im nationalen Interesse die Begnadigung der gesperrten Stars – Nicolas Anelka, Patrice Evra, Jérémy Toulalan und Franck Ribéry. „Nur Siege können uns vom südafrikanischen Trauma befreien“, sagte Blanc vor dem Start in die EM-Qualifikation. Das Mitte August in Norwegen verlorene Vorbereitungsspiel ohne die WM-Teilnehmer sei Strafe und Sühne genug gewesen. Aber das, was sie nun gegen Weißrussland erleben mussten, hätten sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht ausdenken können. „Nein, es hat sich nichts geändert“, lautete die Überschrift in der „L'Equipe“ am Samstag. Auf der Titelseite: das Gegentor in Farbe und die weiß gedruckte Schlagzeile auf schwarzem Grund: „Katastrophe“.
Inbrünstige Franzosen
Beim Privatsender „Tf1“ hatte Bixente Lizarazu im Zuge der Machtübernahme durch die 98er die Rolle des kommentierenden ehemaligen Nationalspielers bekommen. Das Spiel gegen Weißrussland war seine Premiere. Noch nie ging „Tf1“ so früh auf Sendung – nicht nur mangels Werbespots. Vor den Fernsehern saßen knapp neun Millionen Franzosen, so viele wie selten zuvor bei einem Qualifikationsspiel der „Grande Nation“. So gespannt wie auf das Spiel war man auf das Vorspiel. Im Stadion legte man jedem Zuschauer eine Fahne auf den Sitz. Noch gespannter als auf die Publikumsreaktionen beim Einlaufen wartete man jedoch auf das Abspielen der Nationalhymnen. Sie ist der Gradmesser der politischen Befindlichkeit um den französischen Fußball.
Inbrünstig wie nie stimmten die Franzosen in die Marseillaise ein. Jedem Spieler schaute die Kamera unbarmherzig auf den Mund. Am Mitsingen sollte man ihre moralische Spieltauglichkeit erkennen. Trainer Blanc hatte seiner Auswahl den Wortlaut der Strophen zum Auswendiglernen auf einem Blatt verteilt. Immer wieder wurde Sarkozy eingeblendet, der aus voller Kehle mitsang. Neben ihm stand die Sportministerin, die sich in Südafrika noch lächerlich gemacht hatte.
Kollektive Inszenierung der Auferstehung
Es war eine kollektive Inszenierung zur Auferstehung des französischen Fußballs – die falschen Töne der Spieler aber nicht zu überhören. Doch dann wurden die Franzosen zurückgeholt in die Realität. In der 86. Minute traf der eingewechselte Sergej Kisljak nach einem Zuspiel des ehemaligen Stuttgarters Alexander Hleb für Weißrussland, Nummer 78 der Fifa-Weltrangliste, zum 1:0-Erfolg. „Sensationell! Ich hoffe, dass wir in Zukunft so weitermachen“, sagte deren deutscher Trainer Bernd Stange. Die Franzosen spielten so verkrampft, wie sie zuvor gesungen hatten.
Es war mutig von Sarkozy, ins Stadion zu gehen. Noch mutiger wäre es gewesen, sich in der Niederlage noch einmal blicken zu lassen. Schnell schaltete auch Tf1 zurück, das fürchterliche Pfeifkonzert zum Schlusspfiff war nicht zu überhören. Um sich zu regenerieren und von der ideologischen Instrumentalisierung zu befreien, muss der französische Fußball wohl erst einmal bedeutungslos werden. Das setzt noch ein paar Niederlagen voraus. Schadenfreude ist nicht am Platz. Aber es gibt im Fußball so etwas wie höhere Gerechtigkeit. Den Fluch von Henrys Handspiel während der Qualifikation zur WM 2010 und Zidanes Kopfstoß im WM-Endspiel 2006 sind die Franzosen noch immer nicht losgeworden. Die stummen Weißrussen spielten nicht besser. Beim Abspielen der Nationalhymnen hatten sie keine Lippe riskiert.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |