Uli Hoeneß war vor der Abreise nach Marseille ungewöhnlich bescheiden in seinen Erwartungen: „Ein Unentschieden muss reichen“, erklärte der Präsident des FC Bayern. Franck Ribéry sah das völlig anders. Er sagte: „Ich muss gewinnen.“ Ribéry verleiht Flügel. Der Franzose knüpft in dieser Saison an die Leistungen an, mit denen er 2007 die Bundesliga begeisterte - als er als Frankreichs „Fußballer des Jahres“ aus Marseille kam und sich ein Jahr später diese Auszeichnung auch in Deutschland verdiente.
Doch nun erwartet den Nordfranzosen in Südfrankreich eine ganz neue, eine schwierige Situation. Es ist sein erstes Spiel gegen seinen früheren Klub. Und die Rückkehr in ein fremd gewordenes Land.
Auch bei Olympique, dem Team, das er als Junge verehrte und in dem er als Mann ein Star wurde, war er mal der große Publikumsliebling. Doch nun sind die Experten uneins, ob Ribéry an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) im Viertelfinale der Champions League von seinen früheren Fans als Freund oder als Feind empfangen wird. „Er ist kein Freund mehr, er ist jetzt Gegner“, glaubt Franz Beckenbauer, der 1990 für eine Saison Trainer und Technischer Direktor in Marseille war. „Das Publikum dort ist fanatisch, der Gegner wird gnadenlos ausgepfiffen.“
Mögliche Animositäten lägen aber nicht allein an Ribérys Weggang, der Olympique 25 Millionen Euro brachte, sondern auch an seiner Rolle beim skandalösen WM-Auftritt des Nationalteams 2010 in Südafrika, der in einem Spielerstreik gipfelte. Und an seiner Beteiligung an einem Rotlichtskandal um eine minderjährige Prostituierte. Seitdem ist das Image in der Heimat ruiniert.
„Ich möchte wieder beliebt werden in Frankreich“, sagte Ribéry nun dem „Kicker“. „Das Spiel in Marseille kann mir vielleicht helfen dabei.“ Die Hilfe hätte er verdient, schließlich ist Franck Ribéry der hilfsbereiteste Fußballprofi der Bundesliga. „Ich ziehe es vor, der Vorbereiter zu sein“, sagt er über sein Rollenverständnis.
„Vielleicht fehlt mir der Torinstinkt.“ Dabei hat er in dieser Saison auch elf Liga-Tore selbst erzielt. Doch selbstlos brilliert er mehr, anders als der Flügel-Kollege Arjen Robben. Mit seinen 16 Torvorlagen ist Ribéry der mit Abstand netteste Kollege unter allen Bundesligaprofis.
Vor allem aber wird sein Wert vom Timing belegt, mit dem Ribéry Tore vorlegt oder selbst erzielt. Der FC Bayern hat in der Bundesliga alle 17 Spiele, in denen er in Führung ging, am Ende gewonnen (aber nur eins nach Rückstand).
Und in mehr als der Hälfte aller Fälle war es Ribéry, der dieses erste Tor, das sein Team so dringlich braucht, erst möglich machte - so wie am Samstag beim 2:1 gegen Hannover, als er auf der linken Seite wegzog und die Vorlage gab, die über Robben zum Torschützen Toni Kroos gelangte. Ribéry wirkt nicht immer so spektakulär wie in seinem ersten Münchner Jahr, dafür effizienter. Und mehr denn je ist er vor allem eines: der Türöffner der Bayern.
Nun will er sich selbst eine Tür öffnen - die in den Kreis der besten Spieler Europas. Dort schien er nach ein, zwei Münchner Jahren schon angekommen. Real Madrid bot horrende Summen, die Bayern kämpften um ihn, er blieb, verlängerte bis 2015 - und litt dann unter einer bösen Knieverletzung, mehr noch unter dem neuen Trainer Louis van Gaal, der mit Lustfußballspielern nie viel anfangen konnte.
Da war das Interesse von Klubs wie Real oder Chelsea dann weg, ein Karriereknick. Erst mit Jupp Heynckes kehrten beim Franzosen die alte Freude und Lockerheit zurück. „Der Spaß ist wieder da“, fand Ribéry. „Ich spüre sein Vertrauen, seine menschliche Art“, so lobte er den Trainer im Uefa-Magazin „Champions“. „Außerdem bin ich unglaublich glücklich über die Geburt meines Sohnes. Und wenn ich glücklich bin, siehst du das auf dem Fußballplatz.“
Bisher sieht man das aber nur auf deutschen Fußballplätzen. Wirklich große Auftritte hatte Ribéry nur auf deutschem Boden - zuerst bei der WM 2006, als er zum Jungstar des WM-Zweiten Frankreich aufstieg, dann in fast allen Stadien der Bundesliga.
Die Darbietungen auf europäischer Klubebene aber endeten für Ribéry mit den Bayern stets mit heftigen Frusterlebnissen: 2008 im Uefa-Cup das 0:4 in St. Petersburg, in der Champions League 2009 das 0:4 in Barcelona, 2010 das wegen einer Sperre verpasste (und verlorene) Endspiel gegen Inter Mailand, 2011 der Achtelfinal-Kollaps gegen Inter.
Bringt 2012 die Wende? Ewig Zeit bleibt nicht, Ribéry mag zwar rennen, als wäre er 19, wird aber nächste Woche schon 29. „Ich will wieder einer der Besten der Welt werden“, sagt er. Die Gelegenheit ist da: erst die alte Heimat Marseille, dann, bei einem Weiterkommen, wohl die alten Verehrer aus Madrid und am Ende womöglich das erhoffte Finale gegen das Traumteam Barcelona.
Dort gibt es einen, der alles, was Ribéry kann, vielleicht noch ein wenig besser macht, und er ist fünf Jahre jünger. Aber das wäre es: sich einmal mit Messi messen.