15.11.2008 · Während der Schock der Finanzkrise die Welt erschüttert, glauben die Bosse des Fußballgeschäfts, immun zu sein gegen den globalen Abwärtstrend. Sie hoffen auf neue, lukrativere Deals und setzen auf die magische Kraft des Fernsehens.
Von Michael Ashelm, ZürichAuf dem Zürichberg ist die Krise weit weg. Nicht nur, dass der moderne Klotz des Hauptquartiers des Internationalen Fußballverbands (Fifa) für sich schon ein Monument unumstößlicher Stärke darstellt. Als sich Anfang der Woche über dem Zürichsee einige der wichtigsten Branchenvertreter zur alljährlichen Konferenz „International Football Arena“ zusammenfanden, herrschte eine entspannte Atmosphäre.
Der Hausherr, Fifa-Präsident Joseph Blatter, betete wie gehabt sein selbstbewusstes Fußball-Mantra herunter, Stargast Franz Beckenbauer scherzte in bester Laune. Während die Schockwellen des Finanzcrash die Welt erschüttern, die Wirtschaft in eine Rezession abrutscht und die Menschen vor den Auswirkungen zittern, glaubt die Fußballzunft, immun zu sein gegen den globalen Abwärtstrend.
Die hohen Schulden der Topklubs
Seit fast zwei Dekaden boomt der Markt mit immer neuen Rekordraten - und so soll es auch in diesen schwierigen Zeiten weitergehen. Gerade die Bosse aus der erfolgreichsten, aber gleichzeitig am höchsten verschuldeten Liga geben sich zumindest in der Öffentlichkeit gelassen.
„Wir sind gut aufgestellt und können auch mittelfristig mit großen Erlösen rechnen“, sagte Peter Kenyon, der Vorstandschef des FC Chelsea. Eine Monstersumme von rund drei Milliarden Euro Verbindlichkeiten haben die Klubs aus der englischen Premier League angehäuft, ein Drittel davon geht auf die Rechnung der sogenannten Top vier - Chelsea, Arsenal, Liverpool und Manchester United.
Die Krise brachte neue Deals
Die angeblich unvermindert rosigen Aussichten auf der Einnahmeseite stimmen die Superklubs und alle anderen im Schlepptau dennoch optimistisch. „Nur der große Livesport garantiert Fernsehen und Sponsoren das gewünschte Massenpublikum - und da steht Fußball ganz vorne“, sagt Philipp Grothe, der deutsche Chef des international tätigen Rechtevermarkters Kentaro.
Der ehemalige Ufa- und IMG-Mann berichtet, wie selbst in den vergangenen schweren Wochen und Monaten mit immer neuen Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft neue Deals im Fußball das Geschäft insgesamt befeuert haben. Der Verkauf der Fernsehrechte an der Champions League für die Zeit von 2009 bis 2012, die auf den Hauptmärkten schon abgeschlossen ist, deutet auf ein zehnprozentiges Einnahmeplus.
Das Fernsehen ist die Rettung
Die Zeichen sollen gut stehen, dass die besten europäischen Ligen und die stärksten Klubs unberührt bleiben vom Abschwung. Vor allem deshalb, weil ihr stärkstes finanzielles Standbein, welches meist mehr als die Hälfte des Budgets ausmacht, sie weiterhin gut trägt. „Das Fernsehen steht stramm“, weiß Grothe. Wenn TV-Anstalten wegen einbrechender Werbeeinnahmen sparen müssten, dann würden dem erstmal andere Inhalte zum Opfer fallen.
So gehen Kenner davon aus, dass die Premier League ihre Fernseheinkünfte im Ausland verdoppeln und die auf dem heimischen Markt nochmals um zehn bis zwanzig Prozent steigern könnte. Auch die deutsche Bundesliga, derzeit auf der Suche nach TV-Abnehmern für die kommenden drei oder vier Spielzeiten, rechnet mindestens mit dem Erhalt des Bisherigen.
Unterhaltung ist immer gefragt
Und auch wenn der bisherige Pay-TV-Partner Premiere schwer durchhängt - es gibt Anzeichen, dass der am Sender beteiligte Medienmogul Rupert Murdoch für den Kauf der Bundesligarechte nochmals kräftig nachschießt. Ein anderer Abnehmer von bewegten Fußballbildern in Deutschland, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ist durch seine Sonderrolle mit Staatsauftrag und die komfortable Ausstattung durch Zwangsgebühren sowieso ein perfekter Partner - und wenn es am Ende nur dazu dient, im Bieterprozess mit den privaten Konkurrenten den Preis hochzujagen.
„Ich sehe für die Bundesliga keine große Gefahr, auch wenn man den Wegfall des einen oder anderen Sponsors in Kauf nehmen müsste und sich das Wachstum verlangsamen würde. Fußball zählt zur Unterhaltungsbranche, und die ist auch in schlechten Zeiten gefragt“, sagt Jürgen L. Born von Werder Bremen, Vorsitzender der Geschäftsführung.
Auf dem Trikot der Bremer prangt das Logo des Hauptsponsors Citibank, einem der arg gebeutelten Institute aus der Krisenbranche. Und es gibt weitere Geldhäuser in der Bundesliga wie die Hypo Vereinsbank bei Bayern München, Nordbank beim Hamburger SV oder Commerzbank bei Eintracht Frankfurt. Einen Anteil von 14 Prozent hat die Finanzbranche am Sponsoringaufkommen der Liga, will das Kölner Forschungsinstitut Sport und Markt ausgemacht haben. Deren Vorstand Hartmut Zastrow sagt: „Der Fußball hängt nicht am Tropf der Banken.“
Des einen Leid, des anderen Freud'
Ähnlich gelassen geht man in England mit der Kreditkrise um. Auf den ersten Blick müsste Champions-League-Sieger Manchester United um seinen Hauptpartner AIG bangen, einen daniederliegenden Versicherungsriesen aus den Vereinigten Staaten, der inzwischen verstaatlicht worden ist. Doch neue Sponsoren stehen schon in den Startlöchern, weiß Grothe und erklärt die Win-win-Situation: „Müsste AIG aussteigen, stünde ManU eine Strafgebühr zu und würde dazu einen neuen, noch besseren Deal abschließen.“
Ähnliches gilt für Investoren aus Asien oder dem Mittleren Osten, die gerne Klubs übernehmen. Dass der russische Oligarch Roman Abramowitsch den FC Chelsea mit 700 Millionen Euro an Krediten aufgepumpt hat, mag auch dort niemanden belasten. Erstens seien die Kredite zinslos, so Kenyon, außerdem würde die Unterstützung von Abramowitsch ja langfristig weitergehen. „2010 oder 2011“ solle die Fußball-Unternehmung den Break-Even-Punkt erreichen, was die Zuhörer in Zürich in Erstaunen versetzte.
Der Ball dreht sich weiter
Attraktive Immobilien in bester Lage und Superstars als attraktive Gegenwerte, dazu sprudelnde Fernsehgelder und volle Stadien - der Ball dreht sich schnell weiter in der Krise. In kleineren Dimensionen gilt das auch für die Bundesliga, deren 18 Klubs im vergangenen Geschäftsjahr sogar erstmals frei von Schulden waren.
Nachrichten über klamme Mäzene in Spanien oder Italien, marode Spielstätten, Zuschauerschwund und ausstehende Spielergehälter nimmt die Branche als Ausnahmefälle hin, die auf selbstgemachten Problemen in den jeweiligen Ländern beruhen. Nicht nur auf dem Zürichberg ist man sich da einig. Die Fußballbranche steht auf Siegertypen.