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„Financial-Fairplay“ : Der kalkulierte Wahnsinn

Schimpf und Schmiererei: Liverpooler Fans halten den zum FC Chelsea abgewanderten Fernando Torres für einen Verräter Bild: dapd

In der Premier League werden Fußballprofis wie Torres für viel Geld hierhin und dorthin transferiert. Alles nur, damit die Klubs im Sommer die Vorgaben des „Financial Fairplay“ erfüllen. Die Wege der Millionen werden immer verschlungener.

          Es ist nicht ganz einfach, in einem sinnvollen Satz die folgenden drei Begriffe zusammenzubringen: Fußball, Finanzen, Logik. Auch Arsène Wenger, der Trainer des wirtschaftlich soliden FC Arsenal, tat sich am Dienstag, einen Tag nach dem großen Transfertheater zum Abschluss der Winterwechsel-Periode, ein wenig schwer damit. Es gelang ihm dann doch. "Chelsea hat erklärt, dass sie ,Financial Fairplay' unterstützen" - Wenger meint das Reformprojekt der Europäischen Fußball-Union (Uefa) zur Sanierung der europäischen Klubs. "Aber am Morgen kündigen sie einen Verlust von 70 Millionen Pfund an, und am Nachmittag kaufen sie Fußballer für 75 Millionen Pfund. Wo ist da die Logik?"

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der Wahnsinn hat jedoch Methode. Die innere Logik dafür, dass der FC Chelsea den Stürmer Fernando Torres vom FC Liverpool für 59 Millionen Euro und den Verteidiger David Luiz von Benfica Lissabon für 25 Millionen kaufte, besteht darin, dass vom kommenden Sommer an die neuen Uefa-Finanzregeln greifen. Dann beginnt eine Zweijahresfrist, in der jeder Klub, der in der Saison 2013/14 in der Champions League oder Europa League starten will, einen Verlust im operativen Geschäft von insgesamt höchstens 45 Millionen Euro machen darf - und von da an Jahr für Jahr weniger, bis er bei plus minus null ist. Das soll künftig reiche Klubbesitzer davon abhalten, sich ein Fußballteam als teures Hobby zu halten, dessen Verluste aus der Privatkasse auszugleichen und so die Preise für solide wirtschaftende Klubs zu verderben - wie es der Russe Roman Abramowitsch beim FC Chelsea seit 2003 mit fast einer Milliarde Euro getan hat.

          Durch wilde Käufe aufgeblähte Kader

          Drei Meistertitel bekam er dafür. Aber zuletzt musste der Titelverteidiger der Premier League, zehn Punkte hinter Tabellenführer Manchester United zurückgefallen, sogar fürchten, sich nicht mehr für die Champions League zu qualifizieren. Abramowitsch, seit der globalen Finanzkrise nicht mehr ganz so spendabel, zog die Reißleine und investierte noch einmal heftig, weil es der dafür letztmögliche Zeitpunkt war. Hätte er bis Sommer gewartet, ginge Chelsea durch die Transferausgaben mit einer solchen Budgetbelastung in die "Financial Fairplay"-Zukunft, dass die Lizenz für die europäischen Wettbewerbe 2013 kaum zu bekommen wäre.

          Arsenal-Trainer Arsène Wenger: „Wo ist da die Logik?”

          Nun aber bringt das Vorziehen der Verpflichtungen von Torres und Luiz neben der Verstärkung für die laufende Saison das Bonbon eines weiteren Bilanztricks. Die im Kader von Chelsea nun überschüssigen oder voraussichtlich nicht mehr gefragten Profis, wie Drogba, Malouda, Mikel, Bosingwa oder Schirkow, kann man nun im Sommer verkaufen, also nach Einsetzen der neuen Uefa-Regeln - und dadurch mit einem Plus in der Bilanz starten. Ähnlich dürfte auch Manchester City verfahren, der andere englische Klub, auf den die neuen Regeln abzielen. City hat nach derselben Logik wie Chelsea nach einem Verlust von fast 140 Millionen Euro noch einmal 35 Millionen für Edin Dzeko ausgegeben - und dürfte im Sommer seinen durch wilde Käufe aufgeblähten Kader verkleinern, um durch die Transfererlöse mit einem Polster in die "Financial Fairplay"-Phase zu starten.

          Völlig irrationale Marktzuspitzung

          Die finale Transferoffensive der beiden Milliardärsklubs führte zu Kettenreaktionen, die den Spielermarkt an ein Dominospiel erinnern ließen. Während der Wolfsburger Manager Dieter Hoeneß genug Zeit hatte, das Geld aus dem Dzeko-Verkauf unter die Leute zu bringen (er kaufte sechs Spieler), pokerte Liverpool länger. Man lehnte noch drei Tage vor Toresschluss 35 Millionen Pfund für Torres ab, bekam erst in den letzten Stunden die geforderten 50 Millionen - und hatte dann nicht mehr die Zeit, um den Preis für den nun benötigten Ersatz zu drücken.

          So zahlte man Newcastle 40 Millionen Euro für einen gewissen Andy Carroll. Der etwas hölzerne Jungstürmer wurde durch diese völlig irrationale Marktzuspitzung zum achtteuersten Profi der Geschichte - und zum teuersten Engländer. Dabei erklärte er, gegen seinen Willen zum Wechsel gedrängt worden zu sein: "Sie machten deutlich, dass sie das Geld wollten. Dann flog ich schon im Hubschrauber rüber. Ich bin sauer, dass der Heimatklub mich nicht mehr wollte, nach allem, was ich für ihn getan habe." Für 26,5 Millionen Pfund hatte Liverpool kurz vorher Luis Suarez geholt. Der Uruguayer führte sich am Mittwoch mit einem Tor beim 2:0 gegen Stoke ein.

          Mischung aus Logik und Irrsinn

          Die Fans feierten ihn und übten sich schon mal in Schmähungen gegen ihren früheren Helden Torres - der an diesem Sonntag in seinem ersten Einsatz für Chelsea gleich gegen seinen bisherigen Klub antritt. Ajax Amsterdam, Verkäufer von Suarez, pokerte unterdessen zu lange um einen Ersatz. Erst am Montag um 23.30 Uhr senkte der SC Heerenveen seine Forderung für Bas Dost von sechs auf 4,5 Millionen Euro. Das reichte nicht mehr, um die Vertragsformalitäten bis Mitternacht auszuarbeiten. Der Deal platzte.

          Wird "Financial Fairplay" die undurchdringliche Mischung aus Logik und Irrsinn im Handel mit Spielern beenden? Das scheint fraglich, die Wege der Millionen werden immer verschlungener. So landet ein Viertel der knapp 25 Millionen Euro, die Chelsea für den Brasilianer Luiz zahlte, bei einer Investorengruppe, die Ende 2009 von Benfica Lissabon 25 Prozent an dem Spieler erworben hatte (und Anteile an 17 weiteren besitzt). Der Anteil kostete 4,5 Millionen Euro und bringt nun 6,1 Millionen - eine Rendite von mehr als 35 Prozent. Vielleicht sollte man bei der Geldanlage öfter mal im Fußballer-Shop vorbeischauen: Haben Sie heute schöne Verteidiger in der Auslage? Dann nehme ich mal ein Viertel.

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