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Fifa-Präsident Joseph Blatter „Es gibt keinen Anlass, uns selbstgefällig zu sonnen“

09.05.2009 ·  Am 14. Juni beginnt die WM-Generalprobe in Südafrika. Für Fifa-Präsident Blatter ist es eines der wichtigsten Projekte. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Fußball in Zeiten der Krise, Südafrikas Sprung nach vorn - und Fehler im Kampf gegen Doping.

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In rund vier Wochen beginnt die WM-Generalprobe in Südafrika. Für Fifa-Präsident Joseph Blatter ist dieses Projekt eines der wichtigsten seiner Amtszeit. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Fußball in Zeiten der Krise, Südafrikas Sprung nach vorn und Fehler im Kampf gegen Doping.

Die Vorfreude auf die Generalprobe zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 scheint noch nicht allzu groß zu sein. Erst knapp die Hälfte der 640.000 Tickets für den Confederations Cup im Juni sind verkauft. Fiebern die Südafrikaner erst vom kommenden Jahr an dem bisher größten Sportereignis auf ihrem Kontinent entgegen?

Der Konföderationen-Pokal ist ja hervorragend besetzt: mit Brasilien, Spanien, Italien, den Vereinigten Staaten und natürlich Südafrika, um nur die Hälfte der Teilnehmer zu nennen. Ich bin nicht besorgt über das bislang noch nicht riesige Interesse. Man muss bedenken, dass alle anderen Mannschaften außer dem Gastgeber nur einen Bruchteil ihrer Fans mitbringen. Eine Reise nach Südafrika ist nicht billig, wir haben eine Weltwirtschaftskrise, und die Menschen sparen deshalb, wo sie können. Auch in Deutschland waren beim Confederations Cup 2005 nicht alle Spiele ausverkauft.

Video: Kampfjets und Spezialkommandos für sichere Fußball-WM

Was werden die Organisatoren denn noch tun, um so viele Menschen wie möglich in die vier Confed-Cup-Stadien zu locken?

Es werden für diese Veranstaltung auch sehr preiswerte Tickets angeboten, die umgerechnet um die acht Dollar kosten sollen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Menschen, die in die Stadien kommen wollen, das auch tun können. Hierfür wird auch die Fifa Unterstützung bieten. Wenn das Turnier am 14. Juni beginnt, rechne ich mit sehr gut gefüllten Stadien. Das ist auch für uns wichtig, denn das Bild, das von dieser Veranstaltung aus rund um die Welt geht, soll mit dem Blick auf die WM 2010 natürlich so einladend wie möglich sein. Wir brauchen auch viele Zuschauer, um bei der Probe aufs Exempel WM Erkenntnisse zu gewinnen, die so realistisch wie möglich sind.

Sie haben ja selbst einmal gesagt, dass beim Confederations Cup die erste Stunde der Wahrheit für die südafrikanischen WM-Organisatoren schlage. Sind Sie denn zufrieden mit dem Ausrichterland rund ein Jahr vor dem Weltereignis Weltmeisterschaft?

Für den Confederations Cup habe ich keine nennenswerten Sorgen. Bezüglich WM zeigt sich der Run auf die Karten als derart groß, dass eventuelle Unterkunftsprobleme nicht auszuschließen sind. Es deuten sich aber Lösungen für eventuelle Engpässe an. So gibt es Offerten analog zu denen bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen, wo viele Sportfans auf Schiffen komfortabel untergebracht wurden. So ähnlich könnte es in Durban, Kapstadt und Port Elizabeth während der WM sein.

Muss man bei der WM in Südafrika auf mehr Überraschungen als 2006 in Deutschland gefasst sein?

Ich glaube das nicht, wenn wir den Probelauf Confederations Cup zufriedenstellend bewältigen.

Die zehn WM-Stadien scheinen nach allem, was man hört, liest und sieht, sehr schön und pünktlich fertig zu werden. Wie stehen die Dinge bei den Themen, die Sorgen hervorrufen: Sicherheit, Transport, Energieversorgung?

Für jedes große Event muss man eine spezielle Sicherheit garantieren. Die werden wir schon beim Confederations Cup überprüfen. Es ist zudem der Wunsch und die Absicht der Fifa, dass diese Sicherheit als Vermächtnis der WM auch danach beibehalten wird. Nicht nur die Stadien, die Straßen, die Bahn – Gautrain – oder die Flughäfen, die gebaut oder ausgebaut werden, sollen ein Erbe der WM sein.

Können WM-Reisende nach Ihrer Einschätzung mit dem Gefühl der persönlichen Sicherheit nach Südafrika reisen?

Ich glaube ja, auch weil Südafrika jetzt schon mit jährlich rund neun Millionen Touristen ein global begehrtes und beliebtes Ziel ist. Ich setze dazu auf die integrative Kraft und Wirkung, die, siehe das Turnier in Deutschland 2006, einer Fußball-Weltmeisterschaft zu eigen ist. Der kommende südafrikanische Präsident Jacob Zuma, mit dem ich vor kurzem gesprochen habe, hat uns ein Kommuniqué übermittelt, dessen Botschaft so lautete: Wir werden in Südafrika alles dafür tun, damit die WM ein weltweit beachteter großer Erfolg wird. Der Fußball ist dort das Spiel der Schwarzen, und die Erwartungen an die WM sind gewaltig. Jetzt muss man, und Zuma vornweg wird dafür werben, so etwas wie eine zündende Begeisterung im Land wecken. Ich hoffe nur, dass die Nationalmannschaft, Bafana-Bafana, am Ende nicht nur schön spielt, sondern auch Erfolg hat.

Wie sieht es in puncto Transport aus?

Das Land ist groß, und es muss während der WM auch oft geflogen werden. Wir bekommen aber auch Unterstützung. Zum einen engagiert sich South African Airways mit Extraflugangeboten, zum anderen auch unser Fifa-Partner Emirates Airline, der Landerechte bekommen hat. Auch die Anzahl von Bussen, Bahnen, Taxis wird bis zur WM kontinuierlich steigen. Wir erwarten während der Weltmeisterschaft knapp 450.000 Besucher aus aller Welt. Gelöst sind auch die Fragen der Energieversorgung.

So lange ist es noch nicht her, dass Sie auf die lokalen WM-Organisatoren einen gewissen Druck ausübten, indem Sie gern von einem Plan B für den Fall des Falles sprachen.

Der Plan B ist längst verbrannt. Manchmal muss man Druck machen, damit sich etwas schneller bewegt. Das ist geschehen. Jetzt freue ich mich riesig sowohl auf den Confed-Cup als auch auf die WM.

Wir leben derzeit in schwierigen Zeiten, da die seit Jahrzehnten größte Wirtschaftskrise auf der Welt lastet. Wird sie auch den Fußball und die WM treffen?

Die Krise ist ohne Zweifel sehr bedrohlich. Was uns betrifft: Der Fußball wird touchiert werden. Im Sponsoring eher als bei den Fernsehverträgen. Berührt durch die Krise dürften vor allem englische Premier-League-Klubs mit Investoren sein, die heute kein Geld mehr haben. Dazu kommt die millionenschwere Verschuldung einiger Großklubs. Ich erwarte hier und da eine Art Selbstregulierung des Marktes. Klubs, die nicht auf größere Fernsehgelder bauen können, werden Probleme bekommen.

Und die Fernsehverträge?

Sie sind, siehe England mit dem Ende vergangenen Jahres abgeschlossenen neuen Premier-League-Kontrakt, teils noch höher als in der Vergangenheit dotiert. Wir kommen also in gewisser Weise zurück zu den alten Römern. Dort hieß es gerade dann, wenn es den Menschen schlecht ging: Gebt ihnen Brot und Spiele. Wenn man das Brot richtig verteilt, gibt es überall davon. Die modernen Spiele, das ist der Sport und vor allem der Fußball. Die Leute gehen zum Fußball, die Stadien sind in den meisten Fällen voll.

Wie geht die Fifa mit der Krise um?

Wir sind im Vorjahr ausweislich unseres neuen Finanzreports, der den Delegierten beim Fifa-Kongress Anfang Juni auf den Bahamas vorgelegt wird, insgesamt unbeschadet geblieben. Unser positives Nettoergebnis belief sich 2008 auf 184 Millionen US-Dollar; unser Eigenkapital weist zum 31. Dezember 2008 902 Millionen US-Dollar aus. Die WM 2010 stellt für uns kein finanzielles Problem dar, weil uns unsere Partner treu bleiben. Nur die indische Gesellschaft Satyam (Computer-Software) ist durch einen anderen indischen Konzern Tech-Mahindra übernommen worden. Tech-Mahindra bleibt uns zu denselben Konditionen wie mit Satyam vereinbart als WM-Sponsor erhalten. Wir haben dazu auch schon die meisten Sponsoringverträge für die WM 2014 abgeschlossen.

Also geht es der Fifa im Gegensatz zur übrigen Welt prächtig?

Wir haben keinen Anlass, uns selbstgefällig zu sonnen. Die Zeiten können auch für uns schlechter werden. Es gibt derzeit auch bei der Fifa einen Personalstopp. Unser hohes Eigenkapital ist auch dazu da, schwierige Phasen besser überstehen zu können.

Kommen Ihre Pläne, mit der 6+5-Resolution von Land zu Land den einheimischen, lokalen Fußball zu stärken und nur noch maximal fünf Ausländer beim Anpfiff der Profiligaspiele zuzulassen, angesichts der drohenden Geldknappheit auch bei einigen Premier-League-Klubs ihrer Realisierung näher?

Das mag so sein. Auf jeden Fall kommt die Diskussion über die 6+5-Resolution, gestützt durch Studien, Gutachten und Stimmen aus der Politik, jetzt erst richtig in Gang. Vom englischen Unterhaus haben wir für unseren Plan Zustimmung bekommen, der neue ungarische Ministerpräsident Bajnai steht auf unserer Seite. Dagegen steht der mit dem europäischen Recht begründete Einwand, es werde mit der Einführung von 6+5 gegen das Gebot der Freizügigkeit verstoßen. Es geht darum, dass man den Sport nicht nur wirtschaftlich und arbeitsrechtlich betrachtet, sondern auch als Kulturgut. Die juristische Kommission des europäischen Parlaments sieht den Sport in diesem Sinn. Es tut sich jedenfalls etwas. Auch der EU-Kommissionspräsident Barroso hat uns zu verstehen gegeben, dass er das Gespräch zwischen den juristischen Verantwortlichen sucht. Wir gehen diese Sache mit sehr viel Geduld, aber auch großer Beharrlichkeit an. Mit einer allmählich auf die Formel 6+5 gesteigerten Regel wäre wieder mehr europäischer Wettbewerb in der momentan von der Premier League beherrschten Champions League möglich.

Das Thema Doping-Kontrollen und Meldepflicht für Fußballprofis hat hohe Wellen geschlagen. Insbesondere die Forderung, die Spieler in ihrem Urlaub nicht zu kontrollieren, ist auf Widerspruch bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und bei den nationalen Anti-Doping-Agenturen gestoßen. Was ist Ihre Haltung zu diesem wichtigen Thema, das im Wirrwarr der Meinungen zerredet zu werden droht?

Lassen Sie mich zunächst über einen Konstruktionsfehler und einen Entwicklungsfehler sprechen. Es war falsch, dass bei der Gründung der Wada die Gründerväter zur einen Hälfte aus dem Sport und zur anderen Hälfte aus der Politik kamen. Der Sport hätte das allein bewerkstelligen müssen. Die Wada wurde als Servicegesellschaft für alle Sportarten ins Leben gerufen; besonders für diejenigen, die aus finanziellen Gründen die Doping-Kontrollen nicht selbst ausführen können. Unter ihrem ersten Vorsitzenden Richard Pound ist die Wada dann zu einer Polizeiorganisation geworden. Und das ist falsch.

Bei der jetzigen Diskussion geht es vor allem um die Balance zwischen Persönlichkeitsrechten und effektiver Doping-Bekämpfung und um die Unterscheidung zwischen Mannschaftssportarten und Individualsportarten.

Der Schutz der Persönlichkeit ist sehr viel wert und stellt die Dopingbekämpfung per se ja nicht in Frage. Es gibt in Frankreich ein Gesetz, dass man zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens keine polizeilichen Maßnahmen treffen soll; in Spanien ist nun die Bestimmung eingeführt worden, dass zwischen Mitternacht und sechs Uhr in der Früh keine Doping-Kontrollen vorgenommen werden dürfen; in der Schweiz darf die Polizei nur mit richterlicher Erlaubnis während der Nacht Wohnungen durchsuchen. Ich meine, man sollte den ganzen Wada-Kodex noch einmal genau anschauen. Die Mannschaftssportler, die ja vor allem im Fußball ständig spielen, sind ständig zusammen im Training oder beim Wettkampf. Ihr jeweiliger Aufenthalt wird von den Vereinen pauschal gemeldet. Wir sind einverstanden, dass einige langfristig verletzte oder gesperrte Spieler in einem besonderen Pool, Registered Testing Pool, aufgeführt sind und übers Jahr überall für Kontrollen erreichbar sein sollen. Die können auch im Urlaub getestet werden, in dem wir unseren Sportlern ihre Ruhe lassen wollen.

Sollte man die Urlaubszeit eines Sportlers generell freistellen von Doping-Kontrollen?

Ich weiß nicht genau, wie man das für alle machen sollte. Es gibt zu wenig Vergleichbarkeit. Aber die Frage darf gestellt werden: Sollte ein Marathonläufer weniger Rechte haben als ein Fußballer?

Stößt das Instrumentarium, dessen sich Wada und Nada bedienen, nicht an die Grenzen des Machbaren oder Hinnehmbaren?

Wir sind in einer Situation, in der alle angeklagt sind. Das passt nicht zu meinem Rechtsverständnis. Jeder Sportler ist im Sinne des Wada-Kodex' doping-verdächtig, also angeklagt. Das geht doch in unserer Gesellschaft nicht. Ich bin froh, dass der Deutsche Fußball-Bund die beiden Hoffenheimer Spieler (Janker und Ibertsberger), die zu spät zur Doping-Kontrolle kamen, nicht suspendiert hat. In dem vergleichbaren Fall zweier vom Internationalen Sportschiedsgerichtshof (Cas) für ein Jahr gesperrter italienischer Profis haben wir interveniert mit dem Ziel, dass die beiden wieder spielen dürfen.

Sind Sie im ständigen Dialog mit den anderen Mannschaftssportarten zur Abstimmung einer gemeinsamen Position? Und wie denkt das Internationale Olympische Komitee (IOC) über den Meldestreit bei der Umsetzung der Doping-Bekämpfung?

Die Wada sollte erst mal zurück nach Europa kommen. Die EU bezahlt das meiste Geld für die Wada. Sie steht ja unter Schweizer Recht und wäre in der Nähe des in Lausanne residierenden IOC wie der Cas gut angesiedelt. Die Wada ist nur deshalb nach Montreal gegangen, weil sich Dick Pound, ihr erster Präsident, gesagt hat, wenn ich schon nicht IOC-Präsident geworden bin, soll die Wada wenigstens zu mir kommen.

Sind Ihre Einlassungen zum Thema Wada-Kodex so zu verstehen, dass die Fifa im Kampf gegen das Doping laxer werden möchte?

Im Gegenteil: Wir sind ja die Vorreiter und arbeiten ganz eng mit dem IOC zusammen. Wir bieten den anderen Fachverbänden Hilfe an und haben ein Netzwerk von dreitausend Ärzten, die Doping-Kontrollen vornehmen können. Wir können unsere Ärzte auch der Wada zur Verfügung stellen. Wir im Fußball sind diejenigen, die die meisten Doping-Kontrollen auf der ganzen Welt machen. Auch der Fußball bleibt nicht frei von Dopingfällen, aber wir machen, was wir können.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
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