http://www.faz.net/-gtl-71d5f

Fifa-Präsident Blatter : Schmutz auf das Sommermärchen

Joseph Blatter (rechts) und Joao Havelange Bild: dpa

Fifa-Präsident Joseph Blatter, Spezialist für Survival-Taktik, geht zum Entlastungsangriff über. Auch die Vergabe der WM 2006 sei nicht astrein gewesen. Der Konter aus Deutschland folgt auf dem Fuß.

          Die britische Öffentlichkeit ist mit Joseph Blatter schon immer ein wenig härter umgegangen. Darum verwundert es nicht, dass die neue Welle der Korruptionsvorwürfe, die mit seiner Amtsführung in Zusammenhang steht, die Journalisten der Insel zu neuen, bösen Spitzen inspiriert hat. Blatter, heißt es zum Beispiel in einer Kolumne, überlebe eine Krise nach der anderen, so wie die sprichwörtliche Kakerlake die nukleare Apokalypse.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Und tatsächlich ist der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) schon wieder dabei, die jüngsten - immerhin von der Staatsanwaltschaft Zug untermauerten - Enthüllungen an sich abtropfen zu lassen. Der 76 Jahre alte Survival-Spezialist, dem Selbstzweifel ebenso fremd zu sein scheinen wie Schuldgefühle, hat dem Schweizer Boulevardblatt „Blick“ ein Interview gegeben, mit dem er am Sonntag zurückschlug gegen seine Kritiker in Deutschland.

          Dort hatte Reinhard Rauball, der Chef der Deutschen Fußball Liga, Blatters Rücktritt gefordert. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und dessen Vorgänger und Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger versagten ihm zumindest die Gefolgschaft. Und die Bayern-Schwergewichte Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben ihn schon häufiger verspottet und geschmäht.

          Mit dem Rücken an der Wand, entschloss sich Blatter, Fußball-Deutschland an der empfindlichsten Stelle zu treffen: dem Sommermärchen von 2006. Der Walliser ließ durchblicken, dass es bei der Vergabe dieser Weltmeisterschaft - wohlgemerkt unter seine Ägide - nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. „Gekaufte WM...“, sinnierte er.

          „Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen... Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv.“ Und auf die Nachfrage, ob er vermute, die WM 2006 sei von Deutschland gekauft gewesen, antwortete er ausweichend: „Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest.“

          „Diese nebulösen Andeutungen sind völlig haltlos“

          Tatsächlich endete die Abstimmung im Juli 2000 12:11 für Deutschland. Charles Dempsey, der Vertreter der ozeanischen Verbände, stimmte entgegen seines Auftrags nicht für Südafrika, sondern enthielt sich. DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wies am Sonntag Blatters Anspielung zurück: „Diese nebulösen Andeutungen sind völlig haltlos und scheinen den Zweck zu haben, von den aktuellen und aktenkundigen Vorgängen ablenken zu wollen.“

          Wolfgang Niersbach, im Jahr 2006 Pressechef des Organisationskomitees, sagte sich am Samstag vom Weltpräsidenten los - allerdings ohne dessen Rücktritt zu fordern. Bei der Schiedsrichtertagung in Altensteig-Ward sagte der DFB-Präsident: „Ich spreche für das gesamte DFB-Präsidium, wenn ich sage: Wir sind erschüttert. Es ist ein schockierender Fakt.“

          „Ich habe das nicht glauben können“

          Der ehemalige Journalist Niersbach gab sich trotz aller vorangegangenen Enthüllungen überrascht von den in der vergangenen Woche durch die späte Offenlegung von Gerichtsakten aus dem Jahr 2010 belegten Schmiergeldzahlungen an zwei ranghohe Funktionäre: Blatters Vorgänger João Havelange und das langjährige Exekutivmitglied Ricardo Teixeira. „Diese Dinge, die über Jahre als Spekulation, als Gerücht, als Verdacht durch die Welt waberten, sind nun amtlich geworden. Man mag mich ruhig als naiv einstufen, aber bis zum Moment der öffentlichen Verkündung habe ich das nicht glauben können“, sagte er.

          Aus den Akten - der Einstellungsverfügung eines Teilverfahrens im Rahmen des Prozesses um den Konkurs des Sportrechtehändlers ISL - geht auch hervor, dass Blatter Mitwisser von unmoralischen Geldzahlungen war. Der Fifa, deren Generalsekretär Blatter zur betreffenden Zeit war, wird bescheinigt, es könne „nicht in Frage gestellt werden“, dass sie „Kenntnis von Schmiergeldzahlungen an Personen ihrer Organe hatte“.

          „Havelange kann nicht Ehrenpräsident bleiben“

          Auf Blatters Selbstrechtfertigung, in der betreffenden Zeit - den Jahren zwischen 1989 und 2001 - sei Korruption in der Schweiz noch nicht strafbar gewesen, reagierte Niersbach nach eigenen Angaben bestürzt: „Wenn nicht unbedeutende Entscheidungsträger der Fifa offensichtlich Geld kassiert haben und dann gesagt wird, es war damals nicht verboten, ist das eine Reaktion, von der wir als DFB uns nur total distanzieren können“, sagte er. Zwanziger hatte zuvor die Schmiergeldzahlungen als „unter ethischen Gesichtspunkten einfach unanständig“ bezeichnet.

          Immerhin in einem Punkt revidierte der bedrängte Blatter am Wochenende seine Haltung. Den 96 Jahre alten Havelange, der nachweislich mindestens 1,5 Millionen Schweizer Franken „Provision“ vom Rechtehändler ISL erhalten hat, lässt er fallen: „Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen“, erklärte er dem Boulevardblatt. Sich selbst aber sieht Blatter weiterhin mit verklärtem Blick. Er denkt sogar über eine weitere Präsidentschaftskandidatur 2015 nach. „Ausschließen würde ich es nicht. Schauen wir mal, wie es mir gesundheitlich geht“, sagte der sportpolitische Überlebenskünstler.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Dogan Akhanli bei Rückkehr nach Deutschland bedroht Video-Seite öffnen

          Düsseldorf : Dogan Akhanli bei Rückkehr nach Deutschland bedroht

          Der deutschtürkische Schriftsteller Dogan Akhanli ist bei Rückkehr nach Deutschland am Flughafen in Düsseldorf beschimpft und bedroht worden. Am Ausgangsbereich rief ihm ein unbekannter Mann auf türkisch zu, er sei ein Landesverräter. Auch dieses Land, gemeint war wohl Deutschland, könne ihn nicht beschützen.

          Durch die Zeit Video-Seite öffnen

          Der Osten damals und heute : Durch die Zeit

          Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Mit Spannung erwarten sie die Ansprache von Regionalpräsident Puigdemont, den Madrid in Kürze entmachten will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.