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Fifa-Doku im Ersten Bisher hat Blatter noch in jeder Schlacht gesiegt

11.10.2007 ·  Bestechung, die abrupt abgesagte WM-Eröffnungsgala, skandalöse Sponsorenverträge: eine ARD-Dokumentation zählt der Fifa Verfehlungen und Vorwürfe auf. Und vergisst über den dubiosen die fraglos guten Seiten des Weltfußballverbandes.

Von Jochen Hieber
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Das damals bereits laufende Ermittlungsverfahren der Zürcher Staatanwaltschaft fand am 3. November 2005 seinen so vorläufigen wie spektakulären Höhepunkt: Unter der Leitung des Untersuchungsrichters Thomas Hildbrand durchsuchten Schweizer Justizbeamte das Hauptquartier des Weltfußballverbandes Fifa am Sonnenberg - insbesondere auch die Büros des mächtigen Präsidenten Joseph Blatter, der seinen Vornamen selbst gern in „Sepp“ vervolkstümlicht. In seinem Fall ging es um den Verdacht der Untreue zu Lasten der Fifa, konkret um die Fragen, ob einzelne Funktionäre des Verbandes von der inzwischen längst in Konkurs gegangenen Rechteagentur ISL (International Sports and Leisure) zu besseren Zeiten Bestechungsgelder kassiert hatten, ob Blatter davon wusste oder ob er gar selbst zu den Empfängern zählte.

Die menschlich brisante Pointe der Aktion bestand darin, dass Hildbrand und Blatter aus demselben Dorf stammen, aus Visp im Wallis, ja, dass die Familiengräber der beiden Sippen auf dem Friedhof des Ortes unmittelbar benachbart liegen. Noch heute merkt man Blatter an, wie sehr ihn dieser Vorfall mitgenommen hat, wie sehr er ihn immer noch beschäftigt. „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ sei die Durchsuchung über ihn gekommen, sagt er im Gespräch mit Gerold Hofmann und Dominic Egizzi, den Autoren des Films „Die Fifa - Macht und Machenschaften im Weltfußball“.

Ein verhaktes Verfahren

Zwei Sätze fügt er hinzu, die absolut authentisch sind - und sehr typisch für die beiden Seelen in seiner Brust. Der erste lautet: „Das hat sehr weh getan.“ Wer Blatter auch nur ein wenig kennt, wer weiß, dass ihm das soziale Engagement der Fifa für eine etwas bessere Welt wirklich am Herzen liegt, kann an seiner Pein nicht zweifeln. Der zweite Satz lautet: „Aber auch das werden wir überstehen.“ Und da offenbart sie sich denn aufs Neue, die Machtseele des Joseph Blatter. Seit Jahrzehnten ist der mittlerweile Einundsiebzigjährige umstritten wie wohl kein zweiter leitender Funktionsträger einer international bedeutsamen Institution. Bisher aber hat er alle Anschuldigungen ausgesessen und sämtliche daraus resultierenden Schlachten siegreich bestanden. Dass dies bis zum Ende seiner dritten und (wohl) letzten Amtszeit als Fifa-Präsident so bleibt, dafür wird er alles geben.

Der Korruptions- und Untreueverdacht in Sachen ISL ist dabei in der Tat das Damoklesschwert, das über seinem Haupte schwebt. Wobei dieses Verfahren, so der Eindruck auch am Ende dieser ARD-Dokumentation, im Grunde kein schwebendes mehr ist, sondern ein hängendes, vielleicht gar in sich selbst verhaktes. Gewiss, die Gerichtigkeits- und Gerichtsmühlen mahlen langsam. Warum in aller Welt aber, fragt man sich, sehen sich Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichter auch zwei Jahre nach der Durchsuchung nicht in der Lage, entweder Anklage zu erheben oder aber den Fall zu den Akten zu legen? Naturgemäß und verständlicherweise muss Thomas Hildbrand dazu von Amts wegen jede Stellungnahme ablehnen.

Unschön und unfein

Der Fifa-Film, der an diesem Donnerstagabend ausgestrahlt wird, ist journalistisch fair, weil dessen Autoren Blatter zu jedem ihrer vielen Vorwürfe die Möglichkeit einer Antwort einräumten. Und der Mächtige blieb auch keine Antwort schuldig, selbst wenn sie bloß diplomatisch oder absichtsvoll sibyllinisch ausfiel. Die „Fifa-Granden“, heißt es zu Beginn, bildeten „eine ehrenwerte Gesellschaft“, die sich mit Vorliebe an mondänen Orten treffe und sich gegenseitig bevorteile. Einer unter ihnen, Jack Warner aus Trinidad und Tobago, ist nicht nur Vizepräsident der Fifa, nicht nur Chef des Fußballverbandes von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik, sondern zweifellos auch ein fragwürdiger Geschäftemacher: Wem Blatters hauseigene Ethikkommission einen Verweis erteilt, wer der Fifa Geld zurückerstatten muss, ist de facto überführt, auch wenn er de jure all seine Ämter behält.

Zu den Sünden, die die Autoren der Fifa vorrechnen, gehören des Weiteren die zuerst weltweit beworbene und dann abrupt abgesagte Eröffnungsgala zur Fußballweltmeisterschaft 2006 und der Skandal um die Sponsorenverträge zuerst mit Mastercard und dann mit Visa („Lügner, Lügner, Lügner“, so beginnt, die Fifa meinend, die Begründung eines allerdings nicht rechtskräftigen Urteils eines New Yorker Gerichts). Gewiss, all dies ist unschön und unfein - und es passt so gar nicht zu dem hehren Anspruch, den der Weltfußballverband und sein Präsident an sich selbst stellen. Zu Fall bringen aber können diese Probleme Joseph Blatter schon lange nicht mehr.

Was dem Film vorzuwerfen ist: Er zeigt nicht eines der in der Tat vorbildlichen Projekte der Fifa in den Entwicklungsländern des Fußballs. Verdiente Trainer wie Klaus Schlappner oder Holger Obermann etwa, die darüber Erhellendes hätten berichten können, kommen erst gar nicht zu Wort. Über die dubiosen aber soll man auch die fraglos guten Seiten der Fifa nicht übersehen.

Quelle: F.A.Z., 12.10.2007, Nr. 237 / Seite 46
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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