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Fifa Blatter muss Reformen liefern

19.10.2011 ·  Korruptionsbekämpfer sind optimistisch, dass der Fifa-Präsident sein Haus diesmal entschlossen aufräumen will. Doch er kann schon in seiner Exekutive auf Widerstand stoßen.

Von Michael Ashelm, Zürich
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© dpa Listig, unberechenbar - und nun reformwillig? Angeblich ist Blatter „wild entschlossen“

Es war schon immer sehr schwer, Joseph Blatter zu durchschauen. Berüchtigt sind List, Unberechenbarkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der er über die vielen Jahre seine Macht als Herrscher des Weltfußballs durchgesetzt und erhalten hat. Seit sein System in Schieflage geraten ist und er als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) eine besorgniserregende Häufung von Skandalen zu verantworten hat, steht der 75 Jahre alte, derzeit umstrittenste Sportfunktionär unter besonderer Beobachtung.

Noch mehr gilt das für diese Woche. Am Hauptsitz der Organisation in Zürich entscheidet sich, ob mit Nachdruck tiefgreifende Veränderungen im Kampf gegen Korruption, bestechliche Mandatsträger, Verschwendung und Misswirtschaft im Fußball angegangen werden - oder es bei wohlfeilen Ankündigungen bleibt.

Blatter soll sich umfangreich präpariert haben für die wegweisenden Krisen-Meetings. Er hat sich in Zürich mit seinen Finanzleuten, den Juristen der Fifa und Vertrauten intensiv beraten. Zuvor hatte er Gespräche mit Vertretern verschiedener Institutionen auch außerhalb des Fußballs geführt. Die Korruptionsbekämpfer von Transparency International haben ein Papier verfasst, in dem weitreichende Vorschläge für einen Weg aus dem Korruptionssumpf gemacht werden.

Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung könnte zudem einer der renommiertesten Antikorruptionsexperten eine zentrale Kontrollfunktion beim Reformprozess einnehmen: Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, Leiter einer entsprechenden Arbeitsgruppe in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie Berater des Weltbankpräsidenten in Compliance-Fragen, hat ein Gutachten für den Verband erstellt. Die Fifa bestätigt das, doch ist über Inhalt und mögliche Umsetzung Stillschweigen vereinbart worden.

Auch dieser Leitfaden soll im höchsten Fifa-Gremium thematisiert werden, das an diesem Donnerstag zusammenkommt. Das derzeit inklusive des Präsidenten 23 Mitglieder starke Exekutivkomitee ist die Weltregierung des Fußballs. Dazu gehört neuerdings der deutsche Fußballpräsident Theo Zwanziger. Sein Vorgänger Franz Beckenbauer hatte über vier Jahre keinen bleibenden Eindruck - schon gar nicht als Kritiker des Systems - hinterlassen.

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© REUTERS Strippenzieher - auch bedrohlich? Ricardo Teixeira (r.) und Blatter (l.) verbindet eine lange gemeinsame Zeit in der Fifa-Exekutive

Vor und nach der Wiederwahl Blatters im Juni hatte Zwanziger vehement Veränderungen bei der Fifa angemahnt und sich dann als Aufklärer positioniert. Vor den bevorstehenden Sitzungen am Zürichsee wollte er nichts sagen. Mit gemischten Gefühlen dürfte er seiner Premiere auf der Regierungsbank des Weltfußballs entgegensehen, zumal die Erwartungen von außen hoch wie nie und die internen Machtverhältnisse in einem Funktionärszirkel mit Vertretern aus aller Welt schwer kalkulierbar sind. Zudem sind einige von Zwanzigers Kollegen im Exekutivkomitee teilweise schwer belastet und gelten für das Projekt „saubere" Fifa eigentlich als unvermittelbar.

Doch sie haben Macht und sind bedrohliche Strippenzieher wie der brasilianische Fußballpräsident Ricardo Teixeira, gegen den in der Heimat wegen Geldwäsche und Korruption derzeit ermittelt wird - oder wie Fifa-Vizepräsident Julio Grondona, der als nationaler Verbandschef in Argentinien trotz Korruptionsvorwürfen gerade ohne Gegenstimmen bestätigt worden ist.

Vergleiche mit dem IOC

Dennoch werden Vergleiche der Fifa-Krise mit der Lage des Internationalen Olympischen Komitees 1999 gezogen. Damals wurde ein Bestechungsskandal aufgedeckt. Vor der Vergabe der Winterspiele an Salt Lake City hatten sich mindestens 24 IOC-Mitglieder vom amerikanischen Bewerbungskomitee bestechen lassen. Als Folge traten vier IOC-Mitglieder zurück und fünf weitere wurden suspendiert. Dem IOC gelang es durch tiefgreifende Veränderungen, neue Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Zwei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals endete die langjährige Präsidentschaft des inzwischen verstorbenen Juan Antonio Samaranch.

Dass der Fifa mit dem seit 1998 amtierenden, am 1. Juni bis 2015 wiedergewählten Blatter jetzt ein ähnlicher Befreiungsschlag gelingen und damit ein wichtiges Zeichen an die restliche Sportwelt ausgesendet werden könnte, halten einige Beteiligte und Beobachter trotz aller Skepsis für möglich. „Es ist eine sporthistorisch unglaublich spannende Situation", findet Sylvia Schenk. Die Juristin und ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer ist die Sportbeauftragte von Transparency International. Sie traf Blatter zu Unterredungen über das Kooperationsangebot, zum ersten Mal am Rande des Finales der Frauenfußball-WM in Frankfurt.

Im Hintergrund sollen die großen Sponsoren auf die Fifa eingewirkt haben. Die multinationalen Konzerne aus den unterschiedlichsten Branchen unterwerfen sich selbst inzwischen einem strengen Compliance-Code und müssen das auch von ihren Partnern erwarten. Auf Anfrage heißt es beispielsweise bei Adidas: „Wir sehen den Ergebnissen der Sitzung mit großem Interesse entgegen."

Fragen und Zweifel

Die Reformbewegung in der Fifa setzt darauf, dass Blatter mitzieht. Es gibt jedoch viele Fragen und Zweifel: Wie weit geht der Präsident bei seiner Selbstkritik und dem Veränderungsprozess? Nutzt er das externe Fachwissen spezialisierter Organisationen bei der Korruptionsbekämpfung nur als Feigenblatt? Werden die Akten zur Klärung der dunklen Fifa-Vergangenheit, zu der etwa die skandalumwitterten Deals des vor zehn Jahren in Konkurs gegangenen Fifa-Vermarkters ISL/ISMM gehören, geöffnet? Werden die umstrittenen Vergaben der WM-Turniere 2018 (an Russland) und 2022 (an Qatar) nochmals überprüft? Oder sind die Gegenkräfte, auch in der Exekutive selbst, am Ende zu stark?

Dass Blatter durch neue Vorwürfe selbst noch in Bedrängnis geraten kann, ist nicht ausgeschlossen. Gerade kündigte der ehemalige Fifa-Vizepräsident Jack Warner abermals einen „Tsunami" an Korruptionsvorwürfen gegen den Fifa-Chef an. Der zwielichtige Geschäftsmann und Verkehrsminister aus Trinidad und Tobago war im Sommer unter Druck zurückgetreten, als Blatters Gegenspieler um das Präsidentenamt, Mohamed Bin Hammam aus Qatar, wegen des Vorwurfs der Bestechung karibischer Fußballfunktionäre zu Fall kam.

Die beiden ehemaligen Fifa-Spitzenfunktionäre zählten lange Jahre zu den engsten Vertrauten und Helfern Blatters. Der Qatarer ist inzwischen lebenslang von allen Funktionen im Fußball ausgeschlossen, dagegen klagt er aber vor dem Internationalen Sportgerichtshof. Dazu wurden zuletzt weitere Funktionäre von der Ethikkommission der Fifa suspendiert. „Wir haben das Gefühl, dass Blatter etwas bewegen will und sind optimistisch", sagt Sylvia Schenk. Das ist vorerst aber nicht mehr als eine vorsichtige Hoffnung.

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