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Täglich Buch (6) : Die Fußballkrise wird kommen

Dient die Dauerkarte bei Bayern München für die Fans nur als Absicherung, um Karten für das große Spiel gegen Real Madrid ergattern zu können? Bild: dpa

Die Buchmesse ist vorbei. Lesestoff gibt es aber auch weiterhin. Zum Beispiel Christoph Rufs Bestandsaufnahme des noch gar nicht richtig wahrgenommenen Niedergangs des Fußballs.

          Ist der Fußballfan wie ein Frosch, der im aufkochenden Wasser langsam dahinsiecht, während er sich aus bereits kochendem Wasser mit einem Rettungssprung in Sicherheit bringen würde? Christoph Ruf ist als einer der in Fan-Themen kenntnisreichsten Sportjournalisten des Landes unverdächtig, respektlos gegenüber den Zuschauern in den Bundesligastadien zu sein.

          In seinem neuen Buch „Fieberwahn – Wie der Fußball seine Basis verliert“ (Verlag Die Werkstatt, 192 Seiten, 14,90 Euro) nutzt er dennoch das Frosch-Paradoxon, um einen Erklärungsansatz zu finden für einen scheinbaren Widerspruch: Noch immer sind die Fußballstadien voll. Noch immer erreicht der TV-Sport Spitzenquoten. Noch immer können sich Christian Seifert, Karl-Heinz Rummenigge und Co. in Sportstudio, Doppelpass oder sonst eine der mittlerweile immer zahlreicheren Fußball-Talkrunden setzen und vom Wachstum fabulieren. Aber trotzdem ist das Gefühl allgegenwärtig, dass der Fußball in seiner kommerzialisierten Form den Zenit überschritten haben könnte.

          Aufmerksame Fans registrieren, dass bis vor kurzem faszinierte Bewunderer des Spiels am Samstagnachmittag (oder am Abend, oder am Sonntag oder auch am Montagabend) lieber zuhause bleiben statt sich ins Stadion zu setzen. Sie bemerken, dass bei Spielen gegen Augsburg zahlreiche Dauerkartenbesitzer nicht mehr ihr Recht zum Stadionbesuch wahrnehmen und dass die Dauerkarte bei Bayern München für viele nur als Absicherung dient, um Karten für das große Spiel gegen Real Madrid ergattern zu können. Das traditionelle Publikum mit der Liebe zum Spiel weicht, das Eventpublikum erscheint nur zur großen Gala. 

          Ein Buch über die Fußballkrise und deren Überwindung

          Auch jene Stammbesucher, die noch aus Gewohnheit oder Überzeugung ins Stadion gehen, spüren ein Unbehagen, das sich wahlweise mit einer Zahl wie 222 Millionen, einem Spielernamen wie Neymar oder Spitzenklubs aus der Finanzretorte wie RB Leipzig, Manchester City oder Paris Saint Germain, merkwürdigen, leistungsschädlichen und die Basis in der Heimat irritierenden Trainingslagerreisen nach Qatar, China oder Japan oder aber dem Zustand der immerwährenden Langeweile bei der Meisterschaftsvergabe an Bayern München ausdrücken lässt. Das Gastspielrecht der chinesischen U20-Nationalmannschaft in der Regionalliga Südwest ist ein weiteres dieser Ärgernisse.

          Christoph Ruf ist den Zweifeln auf der Spur in der Bundesliga wie im Amateurfußball, bei Fans, Funktionären und Analytikern. Er setzt sich mit prominenten Kritikern auseinander wie Andreas Rettig vom FC St. Pauli und Freiburgs Trainer Christian Streich, lässt aber vor allem die Basis zu Wort kommen beispielsweise rund um die Initiative „Rettet die Amateurvereine“ des früheren Unterhachinger Vereinschefs Engelbert Kupka. Er liefert eine Bestandsaufnahme einer vom Profisport verursachten Krise des Fußballs, die von den Akteuren noch nicht wahrgenommen oder geleugnet wird.

          Ruf weckt aber mit seinen zahlreichen Ortsbesuchen auch Hoffnung. Er erkennt das Anderssein eines SC Freiburg als Chance. In der Nische, auch bei St. Pauli oder Union Berlin, könnte der Fußball sich auch auf Profi-Niveau noch seinen Charme bewahren. Oder Fans wenden sich einem Klub wie Hamborn 07 zu. Der Frosch muss nur dem heißen Wasser entgehen und sein Reservat finden.

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