Home
http://www.faz.net/-gtm-74ed2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehkritik Traurige Reise durch die Kurven Italiens

Italien war einmal das gelobte Land der Fankultur. Zwei Groundhopper haben den Niedergang aus der Nähe betrachtet. Und ZDFinfo war selbst im Allerheiligsten der Inter-Ultras dabei.

© Marc Quambusch Vergrößern Einsingen: Ultras aus Catania auf dem Weg zum Spiel

Italien war einmal der Sehnsuchtsort für Romantiker unter den Fußballfans. Als vor zwei oder drei Jahrzehnten hierzulande alleine tumbe Pöbeleien und dumpfe Klatschrhythmen von den Tribünen schallten, wurde in Rom, Neapel oder Palermo schon nahezu opernreif gesungen (und dabei nicht nur der Triumphmarsch aus Aida) oder mit farbenprächtigen Choregraphien samt bengalischer Feuer Helden wie Maradona gehuldigt.

Daniel Meuren Folgen:      

Verantwortlich für die in Europa damals einzigartig kreative Stadionatmosphäre waren die Ultras, eine Jugendbewegung, die in den 60er Jahren die Stadionkurven Italiens für sich eroberten. Die „Tifosi“ unterschieden sich von den rein gesanglich imponierenden englischen Fans vor allem durch riesengroße Transparente, mit denen sie ganze Kurven mit oftmals kunstvollen, oft satirischen Gemälden überspannten.

Stimmungsarmut auf den Rängen

Mit diesen Bildern im Kopf haben sich zwei Fußballverrückte auf den Weg gen Süden gemacht, um sich selbst vom Niedergang der Fußballkultur auf dem Appenin zu überzeugen. Der Filmemacher Marc Quambusch hat Jan-Henrik Gruszecki und Jan Krapf auf dieser Reise für einen Dokumentarfilm begleitet. Gruszecki und Krampf sind Groundhopper, also Fußballanhänger, die schon entfernteste Länder der Erde allein zu dem Zweck bereist haben, neue Stadien in ihre persönliche Sammlung aufnehmen zu können.

22173856 © Marc Quambusch Vergrößern Groundhopper in leeren Stadien: Jan-Henrik Gruszecki (l.) und Jan Krapf (r.) mit Italienexperte Kai Tippmann

Es werden stimmungsvollere Spiele dabei gewesen sein als auf dieser Reise von Sizilien nach Mailand. „Mir war schon vorher bewusst, dass in Italien ganz viel schief läuft“, sagt Gruszecki an einer Stelle. „Dass es so schlecht ist, hat mich aber schockiert.“ Bei Derbys stießen die Groundhopper auf nahezu leere Fanblöcke, da der Gesetzgeber in Italien Auswärtsreisen beispielsweise durch die Notwendigkeit zur persönlichen Registrierung beim Kartenkauf und der Nicht-Übertragbarkeit der Tickets erschwert. Auf diese Weise will Italien der Gewalt Herr werden, die aufgrund der Konfrontation zwischen Ultras und dem korrupten Fußballsystem zu eskalieren droht.

22173859 © Marc Quambusch Vergrößern Aufwärmprogramm: Ultras in Catania beim friedlichen Vorspiel zum Stadionbesuch

Mahnung auch für deutsche Debatte

Es ist das besondere Verdienst des Films, dass er sich den beiden schlimmsten Vorfällen der jüngeren Vergangenheit auf bemerkenswerte Weise nähert: dem noch heute nicht abschließend geklärten Tod eines Polizisten bei Fankrawallen auf Sizilien sowie der Erschießung des Fans Gabriele Sandri durch einen Polizisten.

22173857 © Marc Quambusch Vergrößern Seit Jahren legen Fans am Gedenkstein des von einem Polizisten erschossenen Fans Gabriele Sandri Schals nieder

Der Vater des unabsichtlich getöteten und wohlgemerkt friedlichen Fans spricht Worte, die eine Versöhnung zwischen „Tifosi“ und Staat möglich machen sollten, aber vermutlich zu wenig Gehör finden. Stattdessen droht in Italien eine Fortsetzung der reinen Repression. . „Man kann natürlich die Autobahn sperren, um die Verkehrsopfer zu reduzieren“, sagt der Italien-Kenner und Übersetzer Kai Tippmann in dem Film. „Genauso kann man natürlich auch die Kurven leeren. Es bleibt dann aber völlig unbeantwortet, was die Jungs dann machen.“ 

So ist der Film auch als Mahnung in der aktuellen deutschen Debatte zu betrachten, wo die Dämonisierung der Ultras bereits zu Diskussionen über eine Abschaffung der Stehplätze geführt hat.

In den heiligen Hallen der Inter-Ultras

Bei so viel Grund zu Pessimismus ist es ein kleines Wunder, dass der Film ein farbenfrohes Ende zu bieten hat. Die deutschen Fußballreisenden dürfen die Ultras von Inter Mailand in ihre Gruppenräume begleiten, wo diese unter strengster Geheimhaltung in tagelanger Arbeit eine selbstfinanzierte Choreographie fürs Derby gegen den Lokalrivalen AC vorbereiten.

22173855 © Marc Quambusch Vergrößern Ultras von Inter Mailand lassen ZDFinfo in das größte Geheimnis einer Ultragruppe schauen: Die Erstellung einer Blockfahne für eine Choreographie

So findet Gruszeckis Glaubensbekenntnis schließlich doch noch eine Bestätigung: „Es gibt nichts Schöneres, als die Welt kennenzulernen und dabei Fußball zu schauen, weil man beim Fußball die Welt besser kennenlernt“.

Mehr zum Thema

„Verrückt nach Fußball – Eine Reise durch die Fankurven Italien“ läuft
erstmals am Montag, 19. November, um 18:30 Uhr auf ZDFinfo und ist in der ZDF-Mediathek zu finden.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Industrielle Revolution Das Spinnrad der Geschichte

Was vor 300 Jahren in Italien mit Wirtschaftsspionage begann, setzte sich in England mit einem Auftragsmord fort und mündete in die moderne Industrie. Mehr

24.08.2014, 10:19 Uhr | Wirtschaft
Balotelli wechselt zu Liverpool „Super Mario“ zurück auf der Insel

Liverpool verpflichtet einen Nachfolger für Luis Suarez - in vielerlei Hinsicht. Nicht nur sportlich, sondern auch neben dem Platz ist Balotelli für Schlagzeilen gut. Jetzt wird sogar über eine „Benimmklausel“ spekuliert. Mehr

25.08.2014, 21:05 Uhr | Sport
Plastikracer Porsche Carrera 911 Höchstgeschwindigkeit 20 km/h

Der kleine Flitzer von Carrera eignet sich gut für den Einstieg in die Welt der ferngesteuerten Autos. Die Akkulaufzeit und die zuverlässige Steuerung bei großen Entfernungen überzeugen. Mehr

24.08.2014, 12:45 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.11.2012, 13:04 Uhr

Umfrage

Wer soll Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Die olympische Frage

Von Michael Reinsch, Berlin

Berlin und Hamburg müssen Zweifel an ihrer Kompetenz zur Umsetzung von Großprojekten ausräumen. Und aus Lausanne steht auch eine wichtige Antwort aus: Kann das IOC überhaupt noch Olympia? Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik