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Fernsehen Manche verfolgt dieses Spiel bis in den Tod

27.04.2004 ·  Die Entschnipselung der WM 1954: ARD und ZDF zeigen das „Wunder von Bern“, in Farbe, aber nicht als Skandal. Zu sehen sind bewegende Emotionen in den Stimmen und Blicken alter Männer.

Von Christian Eichler
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Bern 1954: zwei Männer, zwei Überlebende, zwei, deren Leben seit fünfzig Jahren von einem Fußballspiel bestimmt wird. Ottmar Walter: "Wenn meine Frau ruft, da kommt was von Bern 54, da werden mir die Augen schon naß." Jenö Buzansky: "Nach dem Finale weinte ich auf meinem Zimmer, zum letzten Mal in meinem Leben. Selbst bei der Beerdigung meines Vaters und meiner Mutter konnte ich nicht mehr weinen."

Die Sätze fallen verteilt auf die beiden großen Dokumentationen von ARD ("Die Helden von Bern") und ZDF ("Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte“) zum großen Memory-Thema dieses Sommers. Das beweist: Man sollte beide sehen. Sie ergänzen sich prächtig: das ZDF-Stück, das heute abend in Fußballspiellänge ein farbiges, vielschichtiges, wenngleich oft melodramatisch überladenes Zeitbild entwirft; und die vom SWR erstellte einstündige Sendung am Pfingstmontag, die knapper, nüchterner die historischen und biographischen Fäden aufdröselt, die sich in Bern verknüpften - und die zum Teil im tragischen Abseits endeten wie bei Werner Kohlmeyer oder beim ebenfalls dem Alkohol verfallenen Helmut Rahn. Der Held von Bern mied die Heroisierung bis zu seinem Tod 2003 immer mehr: "Mit das dritte Tor", so zitiert ein Freund Rahns Meinung in dessen Essener O-Ton, "fing die ganze Scheiße in mein Leben an."

Zum ersten Mal alle fünf Endspieltore in Farbe

Rahns 3:2 ist im ZDF aus fünf Kameraperspektiven zu sehen. Zum ersten Mal gibt es alle fünf Endspieltore in Farbe. Besonders der ZDF-Film bereichert die übliche, von schwarzweißen Wochenschauschnipseln geprägte Kollektiverinnerung an Bern 1954 durch neu- oder wiederentdecktes Bildmaterial. Es bietet Farbe, Tiefe, neue Blickwinkel, unbekannte Strafraumszenen und die Gelegenheit, statt der bekannten Sekundenhäppchen ganze Spielzüge zu verfolgen - etwa den, der im Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Ungarn zu jenem folgenreichen Tritt Liebrichs gegen den Fuß von Puskas führte, mit dem der deutsche Verteidiger den ungarischen Star, so dessen Mitspieler Buzansky, "liquidierte".

Auch wenn die Komplettaufzeichnung des Finales Ende der fünfziger Jahre vernichtet wurde und ein Gesamtbild wohl nie mehr rekonstruierbar sein wird - die zwanzigminütige Folge von Spielszenen (der demnächst eine fünfundvierzigminütige Zusammenstellung im ZDF folgen soll) ist eine Art Entschnipselung von Bern. Sie gibt jener sensationellen Partie wenigstens ansatzweise die Dimension, die ein Fußballspiel optisch erlebbar macht - Raum, Zeit, vernetzte Bewegung, Kontinuität.

Herbergers Konzept von Fußball als "Krieg im Frieden"

So wird das Wunder auch zu einem ganz normalen Fußballspiel. Der Mythos von Bern - er ist wie die meisten Mythen und Fußballspiele kaum mehr als Resultat vieler banaler Zufälligkeiten und Zwangsläufigkeiten. Es ist ein Verdienst des ZDF-Films, dieses Mosaik zusammenzusetzen: das ewige Singen im Bus, Herbergers Konzept von Fußball als "Krieg im Frieden", seine Analyse des revolutionären Systems der Ungarn, der "Geist von Spiez", die Schraubstollen, der Regen, die Holztreffer der Ungarn, ihr Abseitstor durch Puskas kurz vor Schluß, das für den deutschen Ersatzmann Alfred Pfaff "ein einwandfreies Tor war, jetzt kann ich es ja sagen".

Die politischen und persönlichen Hintergründe dagegen überläßt der ZDF-Film (Sebastian Dehnhardt, Guido Knopp, Manfred Oldenburg) weitgehend der ARD-Konkurrenz Stefan Keber und Oliver Merz: von Herbergers Nazi-Mitgliedschaft bis zu den Irritationen um den "Deutschland über alles"-Gesang der Schlachtenbummler und andere neonationalistische Untertöne, die Bundespräsident Heuss ausräumen mußte.

"Vitamin C, sonst nichts"

Keiner der beiden Filme spart ein Detail aus, das den sportlichen Glorienschein ein wenig eintrübt: jene ominöse Spritze, die deutschen Spielern vor dem Finale verabreicht wurde. Albert Sing, Herbergers Quartiermeister, nennt sie als Ursache für die im Team nach der WM ausgebrochene Gelbsucht - später starb der Ersatzspieler Richard Herrmann mit 39 Jahren an Leberzirrhose. Doch was, außer einem Infektionsherd, war noch drin in jener Lösung, die mehreren Spielern, stets mit derselben Nadel, injiziert wurde? Dopingmittel, wie Ferenc Puskas einst vermutete? Sing spricht im ZDF von Traubenzucker, Mannschaftsarzt Franz Loogen im SWR-Film von "Vitamin C, sonst nichts". Braucht man für Vitamin C eine Spritze? Schließlich wurde ein Schweizer Hausmeister aufgetan, der sich erinnerte, Ampullen in der Kabine gefunden zu haben. Für einen begründeten Dopingverdacht reichte das nicht aus. Doch ein Schatten bleibt; ein bißchen Medienwirbel als Werbung für die Fernsehfilme auch.

Viel mehr Neues wird man nach diesen Darstellungen nun wohl nicht mehr erfahren können über Bern 1954, was nach fünfzig Jahren noch ungesagt ist, wird es bleiben. Die noch lebenden Beteiligten haben, bis auf den schwerkranken Puskas und den zurückgezogenen Hans Schäfer, ihre Erinnerungen zuletzt immer wieder der großen Bern-54-Medienmaschine preisgegeben. Doch immer noch gibt es Entdeckungen zu machen, bewegende Emotionen in den Stimmen und Blicken alter Männer, deren Leben seit fünfzig Jahren von einem Fußballspiel geprägt ist.

So wie Ungarns Torwart Gyula Grosics, der "noch heute aufwacht" mit dem "Albtraum" von 1954. Oder Verteidiger Buzansky, dem beim deutschen Ausgleichstreffer der Ball am Schienbein entlangstrich: "Zwei Zentimeter höher, das Spiel wäre anders verlaufen." Und, so der bittere Unterton: das Leben auch. Manchen verfolgt Bern gar bis in den Tod. Reporter György Szepesi schildert, wie er Ungarns Trainer Gusztav Sebes zum letzten Mal sah. "Er lag auf dem Totenbett. Er sagte: Wir haben verloren."

"Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte" läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF. "Die Helden von Bern" zeigt der SWR Pfingstmontag, 31. Mai, um 21.45 Uhr im Ersten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2004, Nr. 98 / Seite 37
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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