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Veröffentlicht: 17.11.2006, 13:09 Uhr

Ferenc Puskás gestorben Die Ungarn trugen ihn auf Händen

Ferenc Puskás ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Das ungarische Fußball-Idol führte die Magyaren beim legendären 2:3 im WM-Finale 1954 gegen Deutschland als Kapitän an. „Ich weinte nur einmal auf dem Platz, damals in Bern“, hat Puskás einmal gesagt.

von Stefan Lazar
© Reuters Ferenc Puskás gestorben: die Ungarn trugen ihn auf Händen

Ungarn ist um seinen populärsten Bürger ärmer geworden. Nach langer Krankheit verstarb in Budapest Ferenc Puskás. Der Kapitän der „Wundermannschaft“ der fünfziger Jahre litt an Alzheimer, war seit geraumer Zeit Patient einer Klinik in den Bergen von Buda und zeigte sich in Begleitung seines Krankenpflegers nur noch selten in der Öffentlichkeit. Zuletzt war er wegen einer Lungenentzündung auf die Intensivstation des Kútvölgyi-Krankenhauses verlegt worden.

Die Magyaren sahen in Puskás den weltweit bekanntesten Vertreter ihres Landes. Weder die mit Nobelpreisen dekorierten Wissenschaftler, noch die so berühmten Komponisten, Musiker und Literaten konnten mit ihm konkurrieren. „Die ungeheure Popularität des Fußballs hievte die Legende Puskás über alle bekannten Persönlichkeiten hinaus“, sagte Dr. Imre Bozóky, Präsident des ungarischen Fußball-Verbandes (Siehe auch: Stimmen zum Tod von Puskás: „Der beste Linksfuß der Welt“).

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Der geniale Spiellenker

Der Junge aus dem Arbeiterviertel Kispest war ein genialer Spieler und wurde - wenn auch ungewollt - eine historische Figur der ungarischen Politikgeschichte. „In Bruchteilen von Sekunden überschaute er die Spielsituationen und wählte fast immer die überraschendste Lösung“, so beschrieb ihn der damalige Teamchef Gusztáv Sebes.

bfb neu 2 Ungarischer Kapitän 1954 in Bern: Puskas © picture-alliance/ dpa Vergrößern Ungarischer Kapitän 1954 in Bern: Puskás

Von einer ganzen Schar außergewöhnlicher Kollegen umgeben - Grosics, Lóránt, Bozsik, Kocsis, Hidegkuti, Czibor - führte Puskás die Nationalelf zum Olympiasieg 1952 in Helsinki, zum historischen 6:3-Erfolg gegen England in Wembley 1953 und zum zweiten Platz bei der 1954 in Bern (Siehe auch: Schweiz 1954: „Das Wunder von Bern“). In dem inzwischen abgerissenen Wankdorf-Stadion verloren die Ungarn nach dramatischen neunzig Minuten gegen die Herberger-Elf 2:3. Später gab Ferenc Puskás zu: „Während meiner dreißigjährigen Profilaufbahn weinte ich nur einmal auf dem Platz, damals in Bern.“

Der harte Profi

Von den Fans liebevoll „Öcsi“ (Brüderchen) genannt, agierte er als harter Profi immer unter der Parole „kleines Geld kleines Spiel - großes Geld großes Spiel“. Mit der Mannschaft des aus politischen Überlegungen erschaffenen Armeevereins Honvéd Budapest, die auch das Rückgrat der legendären Nationalelf bildete, wurden Puskás und Kollegen zum Aushängeschild eines Regimes, dessen brutale Machtpolitik das öffentliche Leben bestimmte: Schauprozesse, Verstaatlichung der Wirtschaft, Verfolgung der Opposition - gleichzeitig jedoch enorme Unterstützung des Sports, besonders des Fußballs.

„Wir waren keine hochintelligenten Menschen, um die wahren Hintergründe zu begreifen. Uns trug man auf Händen, mit Politik beschäftigten wir uns nicht“, so äußerte sich Puskás in einem der insgesamt ein Dutzend Bücher, die in Ungarn über ihn erschienen. Die ihm zugebilligten Privilegien setzte „Öcsi“ mit an Frechheit grenzender Wortwahl um und teilte zum Beispiel dem allmächtigen und gefürchteten Parteipotentaten und Verteidigungsminister, Mihály Farkas mit: „Minister kann jeder werden, aber Puskás gibt es nur einen.“

Der Deserteur

Der Übermut verließ ihn jedoch nach der von den Russen niedergeschlagenen Revolution 1956. Das Honvéd-Team befand sich in Westeuropa und trat eine vom Verband nicht legalisierte Reise nach Brasilien an - organisiert vom späteren Manager von Real Madrid und von Schalke 04, Emil Östreicher. Nach Abschluß dieser Tournee kehrte der „fliegende Major“ (er bekleidete den Rang eines Oberst der ungarischen Armee) nicht nach Budapest zurück. Er fürchtete als Deserteur eine spezielle Strafverfolgung.

Der Internationale Fußballverband sperrte ihn für zwei Jahre. Arbeitslos und ohne Training, dabei aber immer noch ein Freund von gutem Essen und Trinken, nahm er rapide zu. Seine weitere Karriere hing am seidenen Faden. Die Rettung kam durch Östreicher, der den allmächtigen Real-Präsidenten Santiago Bernabeu überzeugen konnte, Puskás sei noch immer ein Juwel der Fußballkunst. „Ich bekam mit 31 Jahren einen Fünfjahresvertrag, nahm in 3 Monaten 16 Kilo ab und hatte Verstand genug, um zu begreifen, daß in Madrid Di Stefano der ,König‘ war. Ich ordnete mich den Interessen der Mannschaft unter.“

Diese überraschende Einsicht des ehemaligen Budapester „enfant terrible“ war die Grundlage für einen ruhmreichen zweiten Frühling: drei Siege im Europapokal der Landesmeister, sechs spanische Meistertitel und zwei Pokalerfolge, dazu 324 Tore für die „Königlichen“. Im Europapokalfinale der Landesmeister 1960 traf Puskás beim 7:3 von Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt viermal. In 84 Länderspielen bis 1956 erzielte er 83 Tore. Es folgten noch vier Länderspiele für Spanien.

Der Arbeiterjunge

Seine Heimat sah er fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr, der stets unpolitische Mensch konnte sein Mißtrauen vor der politischen Macht noch nicht überwinden. Erst im Mai 1981 trat er auf Einladung des Verbandes in einer Altherren-Mannschaft an. Im voll besetzten Népstadion, das heute seinen Namen trägt, jubelten ihm achtzigtausend Menschen zu, darunter viele, die ihn vorher nie hatten spielen sehen. Nach seinem Herzenswunsch befragt, kam später wieder der einfache Arbeiterjunge zum Vorschein: „Bringt mir ein Schmalzbrot mit roten Zwiebeln.“

Nach Trainerstationen in den Vereinigten Staaten, Griechenland, Saudi Arabien, Chile und Ägypten kehrte er Anfang der neunziger Jahre endgültig in seine Geburtsstadt zurück und bezog aus der Staatskasse die für alle Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen übliche monatliche Zuwendung von 95.000 Forint (etwa 400 Euro).

Die Pflegekosten im Krankenhaus übernahm das Amt des jeweiligen Ministerpräsidenten. Jetzt starb - mit 79 Jahren - nicht nur eine außergewöhnliche Spielerpersönlichkeit des internationalen Fußballs, sondern auch die Personifizierung des nationalen Selbstbewußtseins der Magyaren.

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