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Felix Magath im Interview „Zuerst kommt der FC Bayern, dann erst die Nationalelf“

05.08.2005 ·  Meistertrainer Magath spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über seine „bayerischen Eigenheiten“, die Champions-League-Ambitionen der Münchner und die Wechselabsichten von Michael Ballack.

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Gleich im ersten hat Felix Magath mit dem FC Bayern München den Meistertitel geholt. Nun beginnt für ihn die zweite Saison als Trainer des Rekordmeisters. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über seine „bayerischen Eigenheiten“, die Champions-League-Ambitionen der Münchner und die Wechselabsichten von Michael Ballack.

Sie gehen in Ihr zweites Jahr als Cheftrainer des deutschen Meisters. Ist der Klub inzwischen auch zu einem FC Magath geworden, oder sind Sie ein bißchen zum Felix Bayern mutiert?

Der FC Bayern war vor mir schon europäische Spitze, und ich mußte erst einmal zeigen, daß ich auf dem Niveau arbeiten kann. Die Skepsis war vorher verbreitet. Insofern kann man nicht sagen, daß sich der Verein nach mir gerichtet hätte. Es war umgekehrt: Ich habe mich natürlich dem FC Bayern angepaßt und habe auch kein Problem damit, mich dahin zu orientieren, wo Erfolg ist. Und so habe ich mich in verschiedenen Dingen korrigiert und teilweise bayerische Eigenheiten angenommen. Ich mußte angesichts der Größe des Klubs und der permanenten Öffentlichkeit erkennen, daß man hier anders arbeiten muß als auf meinen früheren Trainerstationen.

Erlebt die Bundesliga also einen anderen Felix Magath als den, den sie seit Jahren kennt?

Es ist nicht so, daß ich alles umgedreht hätte, schon gar nicht in der täglichen Arbeit auf dem Platz.

Bei Aufsteigern, die es geschafft haben, in der ersten Liga zu bleiben, heißt es oft, das zweite Jahr sei das schwerste. Gilt ähnliches auch für Trainer, die ihre ersten Meisterstücke gemacht haben?

Das ominöse zweite Jahr spielt in meinem Fall keine Rolle. Es ist nun einmal leichter, Titel zu erreichen, als sie zu verteidigen. Als Meister und Pokalsieger haben wir jetzt etwas zu verlieren. Als ich zu den Bayern kam, hatte der Verein keinen Titel in der Hand.

Hat Sie das Thema Bayern und Ihre Aufgabe, möglichst alle Titel zu bestätigen und auch in der Champions League so weit wie möglich zu kommen, bis in den Urlaub beschäftigt, oder konnten Sie wenigstens in dieser Zeit mal abschalten und frische Kräfte sammeln?

Ich fahre ja deshalb in die Karibik, also weit weg, damit ich abschalten kann. Für mich ist es in Anbetracht des Dauerdrucks an Terminen und Verpflichtungen, die danach auf mich warten, ganz wichtig, den Kopf im Urlaub freizubekommen.

Ist das nicht besonders schwer als Trainer des FC Bayern München?

Ganz im Gegenteil. Das geht besser als vorher. Beim VfB Stuttgart etwa war ich ja auch Manager und damit für alle Transfers verantwortlich. Da war an Erholung nur bedingt zu denken. Bei den Bayern tragen Manager Uli Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge für die Profiabteilung sogar noch mehr Verantwortung als ich. Die beiden verstehen ihr Geschäft so gut, daß ich mir keine Sorgen machen mußte. Ich konnte mich darauf verlassen, daß die Dinge auf einen richtigen Weg gebracht waren und ich bei meiner Rückkehr einen Topkader vorfinden würde.

Trotzdem hat man manchmal den Eindruck, daß Uli Hoeneß ruhig in Urlaub fahren könnte und Sie ihn in der Zeit bestens verträten - so sehr haben Sie das Gesamtinteresse des weltweit operierenden Klubs verinnerlicht. Wo Kollegen von Ihnen ob der strapaziösen Japan-Reise kurz vor Bundesliga-Saisonbeginn vielleicht laut geklagt hätten, war von Ihnen kein Wort des Jammerns zu hören.

Ich habe bei keinem Verein, bei dem ich vorher war, ein Problem mit Rahmenbedingungen gehabt. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn ein Verein mir weniger zur Verfügung stellt, als ich brauche, und darüber hinaus Ziele proklamiert, die gar nicht zu erreichen sind. Von all diesen Dingen kann beim FC Bayern sowieso keine Rede sein. So etwas wie die Fernosttour gehört heute zum Repertoire eines Klubs, der so international aufgestellt ist wie wir hier. Da gibt es nichts zu klagen. Ich beklage mich auch nicht über die vielen Nationalmannschaftsabstellungen meiner Spieler, erlaube mir lediglich ab und zu den Hinweis, daß aus meiner Sicht manches auch mal zu viel ist. Ich komme damit zurecht. Ob alle Beteiligten damit immer zurechtkommen, weiß ich nicht.

Wie kompensieren Sie die im Vergleich zu anderen Bundesligaklubs mit weniger Nationalspielern komplizierte Saisonvorbereitung mit Spielern, die wegen ihrer Teilnahme am Confederations Cup teils erst vor zwei Wochen aus dem Urlaub zurückgekehrt sind?

Ich habe ein gutes Zeitmanagement. Man muß in einer solchen Situation flexibel sein, das Beste draus machen und auch einmal phantasievoll trainieren wie beim Treppenlauf der Mannschaft nahe unserem Tokioter Hotel. Wer flexibel bleibt, findet immer sachgerechte Lösungen.

Sie müssen derzeit mit einer doppelten Schwierigkeit fertig werden. Einerseits sind Ihre Spieler zum Saisonbeginn in einem unterschiedlichen Fitneßstand - diejenigen, die vom Trainingsbeginn an dabei waren, sind schon weiter als die später hinzugestoßenen Kahn, Ballack, Schweinsteiger, Deisler, Lucio, Ze Roberto, Demichelis; andererseits herrscht um Ihre Stars die große WM-Vorfreude, als wäre der schöne Alltag Bundesliga selbst für den FC Bayern nur noch ein Weltmeisterschafts-Vorprogramm.

Daß nicht alle meiner Spieler jetzt schon in allerbester Verfassung sind, damit muß ich, muß ein Trainer dieses Klubs wohl alle Jahre wieder leben. Wir werden uns schon so durch den Saisonauftakt schlagen, daß wir, ohne größeren Schaden zu nehmen, immer besser in Form kommen. Was das zweite Thema angeht: Tatsache muß sein, daß zuerst der FC Bayern und dann erst die Nationalmannschaft kommt.

Gilt das, was für Sie selbstverständlich ist, auch für Ihre Spieler?

Selbstverständlich. Wir haben doch das beste Beispiel geliefert, und deshalb habe ich mich sehr gefreut, daß der Confederations Cup so gut gelaufen ist. Alle meine Spieler haben bei diesem Turnier überzeugt. Das zeigt, wie wichtig es ist, daß die Spieler in ihren Vereinen gute Leistungen bringen und erfolgreich sind. Die gehen dann mit einer ganz anderen Einstellung und Sicherheit zu so einer Veranstaltung wie dem Confederations Cup. Es hat allen Spielern von uns geholfen, daß wir Meister und Pokalsieger wurden. Alle sind auch danach an ihre Leistungsgrenze gegangen. Genau das braucht die Nationalmannschaft nächste Saison auch. Nur wer mit voller Konzentration auf seinen Klub eine gute Saison spielt, steckt im kommenden Jahr auch die Zusatzbelastung WM viel leichter weg.

Sind die Profis aber auch so vernünftig, einzusehen, daß Sie nicht jeden Ihrer Spieler mit Stammplatzanspruch jedesmal spielen lassen wollen und können? Erschwert es nicht vielmehr Ihren Job, daß Bundestrainer Jürgen Klinsmann viel Spielpraxis als Voraussetzung für die Berufung in den WM-Kader gestellt hat?

Wenn sich etwas im Spitzenfußball geändert hat, ist es die Stammplatzdefinition. Früher gab es bei den Mannschaften im Grunde nur elf Spieler, die top waren. Die anderen waren Ersatzspieler. Heute gibt es das auf dem Topniveau, auf dem wir sind, nicht mehr. Vereine wie wir haben 23 Spieler auf höchstem Niveau. Da gehören Einwechslungen qualitativ hochwertiger Spieler in der zweiten Halbzeit zum Standard, wenn man Spiele gewinnen will.

Andererseits kann es im Extremfall bei Ihrem hochqualifizierten Personal zu einer Situation wie im Vorjahr kommen, als sich ein Nationalspieler wie Sebastian Schweinsteiger über die Regionalligamannschaft bis auf die große Bühne Bundesliga und Champions League vorankämpfen mußte.

Er war doch derjenige, der von der vergangenen Saison am meisten profitiert hat. Er ist positiv damit umgegangen, am Anfang in der Regionalliga gespielt zu haben. Ob die Spieler es immer verstehen, wenn sie nicht von Anfang an spielen, ist schwierig zu sagen. Natürlich hat sich letzte Saison hier und da ein Spieler etwa aus unserem überragend besetzten Mittelfeld beschwert, wenn er mal nicht erste Wahl war. Das waren manchmal jene, die so taten, als könnten alle gleichzeitig spielen. Noch aber wird Fußball mit elf Mann gespielt. Der Ze Roberto war mal nicht einverstanden, der Schweinsteiger nicht und auch nicht der Deisler, der Frings, der Hargreaves. Und doch hatten sie alle zum Schluß eine sehr erfolgreiche Saison und haben dann noch, sofern dabei, einen exzellenten Confed Cup gespielt.

Ab wann hat sich denn der Nationalspieler Felix Magath früher mit einer Welt- oder Europameisterschaft gedanklich konkret auseinandergesetzt?

Nach der Bundesligasaison. Dafür war man während der Saison viel zu sehr eingespannt. Damals kam kein Mensch auf die Idee, ein großes Turnier schon zum Bundesligastart derart intensiv zu thematisieren wie heute. Wer hat denn im Jahr davor groß über die Weltmeisterschaft berichtet?

Stören Sie die an Soap Operas erinnernden Fußballgeschichtchen über die „Schweinis“ und „Poldis“ dieser Welt zuweilen?

Auch das hat sich in unserem Fußballgeschäft sehr geändert. Bunte Randgeschichten drängen sich anders als zu meiner aktiven Zeit viel stärker in den Vordergrund. Da mag man manches beklagen oder nicht. Die Dinge sind, wie sie sind, und wir bekommen ja auch alle wesentlich mehr Geld als früher. Ich würde einen Teil davon nicht als Schmerzensgeld bezeichnen, weiß aber, daß manches auch anders ginge, doch dann verdienten wir bei entsprechend geringerer Medienpräsenz auch alle wesentlich weniger. Die Tendenz deutet darauf, daß es keine Umkehr mehr geben wird. Damit muß auch ich mich arrangieren. Das habe ich spätestens beim FC Bayern verinnerlicht. Ich kann damit inzwischen gut leben.

Kann die offene Frage, ob Michael Ballack beim FC Bayern bleibt oder nicht, Ihre Arbeit beeinträchtigen?

Bei uns ist im Moment nichts zu spüren. Solange es die Mannschaft und den Spieler nicht irritiert, habe ich damit überhaupt kein Problem. Erst wenn die Leistung darunter litte, müßte ich mir Gedanken machen. Das heißdiskutierte Thema nimmt auch viel von anderen Fragen weg, da die Verträge von Kahn, Deisler oder Sagnol ebenfalls auslaufen.

Glauben Sie, daß Ballack seinen Vertrag bei den Münchnern letztlich verlängert?

Ich glaube, daß er bleiben wird. Ich denke, er hat in der letzten Saison gesehen, daß er hier eine sichere Position und Situation hat. Er weiß, daß er bei uns der Führungsspieler ist, nach dem sich vieles richtet. Woanders müßte er sich das erst einmal erarbeiten.

Was wäre, wenn er ginge?

Als zu meiner Zeit beim HSV Kevin Keegan ging, sind wir auch nicht schlechter geworden. Als bei Bayern Rummenigge aufgehört hat, ist der Klub auch nicht zusammengebrochen. Wenn ein sehr starker Spieler geht, wachsen für andere neue Chancen, in die Lücke hineinzustoßen und mehr Verantwortung zu übernehmen.

Zu Ihrem Kader: Sie haben Ihr starkes Personal mit Philipp Lahm, Ali Karimi und Valerien Ismael personell maßvoll angereichert. Reicht Ihnen das?

Wir sind personell sehr gut aufgestellt, haben noch Potential, können uns weiterentwickeln. Daß wir in dieser Saison auf Kontinuität setzen würden, darüber waren Uli Hoeneß und ich uns zum Ende der vorigen Saison völlig einig. Wir wollten uns punktuell verstärken und den Kader von 26 Spielern verringern. Mit der jetzigen Ist-Stärke von 23 Profis kann ich sehr gut leben.

Dennoch scheinen die Bayern bei aller breit gestaffelten Klasse in Mittelfeld und Angriff in der Innenverteidigung vergleichsweise dünn besetzt zu sein. Dort müssen Sie darauf hoffen, daß Lucio und Ismael verletzungsfrei über die Runden kommen.

Man kann nicht alles vorher einplanen. Unser Kader kann das Ziel, in allen drei Wettbewerben - Champions League, deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal - Sieger zu werden, erreichen. Fielen unsere beiden Innenverteidiger verletzungsbedingt länger aus, müßten wir uns im Winter noch einmal umsehen, aber das sind Unwägbarkeiten, über die wir uns jetzt keine Gedanken zu machen brauchen.

Ist das Ziel Champions-League-Triumph ein Traum oder eine realistische Möglichkeit?

Das ist eine realistische Möglichkeit. Wir hätten es bei etwas mehr Glück schon in der vergangenen Saison erreichen können. Du mußt auf diesem Niveau gute Gegner zum richtigen Zeitpunkt bekommen. Du darfst zum falschen Zeitpunkt nicht zu viele Verletzte haben wie wir bei unserem Ausscheiden gegen Chelsea, als unsere beiden besten Stürmer Makaay und Pizarro verletzt waren. Mit Ismael haben wir im übrigen einen kopfballstarken Verteidiger dazubekommen - so einer hat uns gegen Chelsea in der Vorsaison gefehlt.

Wen sehen Sie in der Bundesliga als Hauptkonkurrenten?

So wie die auf dem Transfermarkt zugelangt haben, muß man die Schalker als ersten Mitbewerber um die Meisterschaft ansehen. Dann bleibt abzuwarten, was der VfB Stuttgart noch tut. Die haben mit Tomasson und Grönkjaer auch zwei Spitzenleute geholt. Insofern ist der VfB mit in der Verlosung und natürlich Werder Bremen, die bisher immer gezeigt haben, daß sie Abgänge gut kompensieren können. Die werden mit oben sein. Gewisse Chancen haben auch Leverkusen, Hertha BSC und vielleicht der Hamburger SV.

Sie eröffnen an diesem Freitag die 43. Bundesliga-Saison in einem nagelneuen Stadion, der Allianz-Arena. Was erwarten Sie von Ihrer neuen sportlichen Heimat, nachdem andere Klubs - zum Beispiel die Schalker - mit neuen Fußballarenen ihre Anlaufschwierigkeiten hatten?

Wir waren schon im vergangenen Jahr die beste Heimmannschaft und haben im Olympiastadion gerade fünf Punkte abgegeben. Ich bin sehr zuversichtlich, daß wir diesen Trend fortsetzen. Ich sage sogar, hätten wir unser Champions-League-Heimspiel gegen Chelsea im Frühjahr in der Allianz-Arena ausgetragen, wir wären eine Runde weitergekommen. Daß die Schalker mit ihrer Arena zunächst Probleme hatten, ihre Heimspiele zu gewinnen, lag wohl an der damaligen Mannschaft. Wir haben ein Team, das eine solche Atmosphäre, wie sie uns an diesem Freitag erwartet, gewohnt sind. Wir kennen nur volle Stadien und sind immer unter Druck. Wir werden wie immer auch gegen Mönchengladbach nicht kopflos nach vorne rennen, nur weil uns die Zuschauer näher gerückt sind als im Olympiastadion. Unsere Mannschaft ist so abgeklärt, daß wir unsere Vorteile aus dem neuen Stadion nutzen werden.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 28
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