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FC Chelsea Drogba am Ende einer bizarren Beziehung

24.10.2007 ·  Der Stürmer der Elfenbeinküste bewahrt den FC Chelsea vor der Mittelmäßigkeit. Aber ohne Trainer Mourinho ist er nicht mehr richtig glücklich. Schalke sollte sich heute trotzdem mächtig vor ihm in acht nehmen. Von Christian Eichler.

Von Christian Eichler
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Es klang wie eine filmreife Trennungsszene. "Ich will weg. Etwas ist zerbrochen." Schlimmer noch: Die Ankündigung der bevorstehenden Scheidung wurde nicht unter vier Augen ausgesprochen, sie stand in der Zeitung. Kein Wunder, dass die Abwanderungsgelüste, die Didier Drogba Mitte letzter Woche im Interview in "France Football" offenbarte, sofort die Krisenmanager des FC Chelsea auf den Plan riefen.

"Didier Drogba hat letztes Jahr einen neuen Vierjahresvertrag unterzeichnet", teilte der Klub mit, der seit dem Abschied von Trainer José Mourinho auf Schlingerkurs ist. "Wir sind sicher, dass Didier sich als Spitzenprofi zu Chelsea bekennt und diesen Vertrag einhält."

Wie das Verhalten von untreuen Ehemännern

Zwei Tage und einige Gespräche später zeigte sich Drogba "nach einigem Nachdenken" von einer verträglicheren Seite. Auf der Klub-Website erklärte er, seine Aussagen inzwischen "zu bereuen". Er leistete Wiedergutmachung mit einem Treffer beim 2:0-Sieg in Middlesbrough am Samstag. Er küsste dabei das Chelsea-Trikot.

Und all das wirkte ein bisschen wie das Verhalten von untreuen Ehemännern, die plötzlich wieder ganz lieb zur Gattin sind. Ist nun alles wieder gut? Vieles spricht dafür, dass die Gestik und die Rhetorik des Sich-wieder-Zusammenraufens die Risse im Verhältnis von Klub und Star vor der Champions-League-Partie gegen Schalke 04 an diesem Mittwoch (20.45 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) nicht lange überdecken werden - einer seit jeher "bizarren Beziehung", wie Drogba es im Interview nannte.

In Tränen ausgebrochen

Zu deutlich waren seine Worte ausgefallen, als dass die folgenden Beschwichtigungen überzeugend wirken könnten: "Ich habe meine Entscheidung getroffen. Nichts wird mich hier noch halten." Drogba ist einer der größten Getreuen Mourinhos. Der Portugiese holte ihn 2004 von Marseille nach London und machte ihn dort zum Weltstar. Als Mourinho, entnervt vom Zerwürfnis mit Klubbesitzer Roman Abramowitsch, vor einem Monat das Handtuch warf, soll Drogba in Tränen ausgebrochen sein. Die Trennung habe ihn "sehr mitgenommen", sagte er zu "France Football", "weil ich den Fehler machte, mir ein zu emotionales Verhältnis mit dem Coach zu erlauben". Er sei "sehr unangenehm überrascht von einigen Leuten" im Klub.

Der FC Chelsea hat allerdings vorgebeugt. Als sich vergangenen Winter der Riss zwischen Milliardär und Startrainer abzeichnete, bot der Klub hastig allen wichtigen Spielern, die als Mourinho-Männer galten, neue, langfristige Verträge mit üppigen Gehaltserhöhungen. Kapitän John Terry ging darauf ein, ebenso Ricardo Carvalho und Michael Essien; nur Frank Lampard lehnte ab, obwohl man ihm mehr bot als die rund neun Millionen Euro pro Jahr, die Schewtschenko und Ballack bekommen.

Der wichtigste Coup aber betraf Drogba - er unterschrieb die Verlängerung bis 2011. Nun, nach der Trennung von Mourinho, für deren Eintreten mit diesen Verträgen einer Abwanderungswelle vorgebeugt werden sollte, zeigt sich die Weitsicht hinter diesem Schachzug. Wer immer nun plötzlich wegwill, kann es nicht - er wäre für Käufer viel zu teuer.

Alarmstufe eins

Die Klubs, die Drogba mag, hätten allerdings die finanziellen Möglichkeiten, dass Chelsea ihn am Ende doch verkauft. "Milan, Inter, Real Madrid, Barcelona", sagt er, seien die einzigen, die ihn interessierten (neben seiner alten Liebe Olympique Marseille). Deshalb wirkt der ganze Trubel um das Interview wie eine jener kalkulierten Medien-Aktionen, mit denen sich Profis gern ins Schaufenster stellen - seht her, ich bin zu haben. Nach dem erwarteten Aufschrei von Fans und Funktionären erklärt man dann reuig seine Treue und seinen guten Willen, alles weiter für den alten Klub zu geben - hat aber die Tür geöffnet für gute Angebote von einem möglichen neuen.

Drogba macht es sich nicht leicht wegzugehen, er hat den größten Teil seines Lebens unterwegs verbracht. Nie blieb er länger als fünf Jahre an einem Ort. Es waren die ersten fünf Jahre seines Lebens, in seiner Heimat, der Elfenbeinküste. Dann, 1983, schickten ihn die Eltern fort von Armut und Unsicherheit, aber auch fort von familiärer Geborgenheit. Sie setzten ihn ins Flugzeug nach Frankreich, zu seinem Onkel Michel, der sich dort als kleiner Fußballprofi durchschlug. Mit ihm wechselte der kleine Didier die Klubs, die Orte, die Wohnungen. Vierzehnmal ist er in seinem Leben umgezogen. "Meine Kinder sollen nicht so oft umziehen", sagt der dreifache Familienvater.

Wenn so einer trotzdem von Abschied redet, muss etwas dran sein. Bei Chelsea herrscht deshalb Alarmstufe eins. Drogba hielt Chelsea letzte Saison fast allein bis zum Ende im Titelrennen, wurde Torschützenkönig in England, schoss das Siegtor im Pokalfinale, es war sein 33. Saisontreffer. Er traf vor zwei Wochen zum Sieg in der Champions League in Valencia, mit dem das Team den Negativtrend unter dem neuen Trainer Avram Grant brach. Ohne Drogba ist Chelsea kaum mehr als Mittelmaß. Aber wie bei jedem Fußballer gilt: Seine Tore sind mehr wert als seine Treueschwüre.

Quelle: F.A.Z., 24.10.2007, Nr. 247 / Seite 38
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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