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FC Bayern verliert beim BVB Tatort Westfalenstadion: Das Ende aller Titelträume

 ·  Ein umstrittener Elfmeter und ein Drehschuß von Christian Wörns beendeten alle bayerischen Spekulationen auf einen Sieg beim Erzrivalen und auf die Verteidigung der deutschen Fußballmeisterschaft.

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Vier Augen sehen mehr als zwei, Kamera-Augen haben die allerbeste Optik - oder? Ein entscheidender Augenblick jedenfalls hat am Samstag nachmittag die Gemüter im brodelnden Westfalenstadion erregt wie lange nicht bei einem Bundesliga-Spiel. War der Dortmunder Jungprofi Salvatore Gambino schon so schlitzohrig-abgehoben, im Schwalbenflug den übel Gefoulten zu simulieren, oder hatte ihn der für sein zupackendes Wesen bekannte Münchner Hasan Salihamdzic schlicht zu Fall gebracht?

Einer mußte entscheiden und ließ sich damit etwas mehr Zeit als üblich: Schiedsrichter Markus Merk, nahe am Tatort, beriet sich in dieser 55. Minute mit seinem vertrauten Assistenten Heiner Müller, der, obwohl weiter weg, ein Foul gesehen haben wollte. Also deutete Deutschlands trotzdem bester Schiedsrichter unter wütenden Protesten der Bayern auf den Punkt. Eine günstige Gelegenheit für die auf einen UEFA-Pokalplatz erpichte Dortmunder Borussia, die Ewerthon zum 1:0 nutzte.

"War doppelter Kontakt mit beiden Beinen"

"Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen und bin mir jetzt hundertprozentig sicher", hob Merk weit nach Spielschluß die Richtigkeit seines Pfiffs des Tages hervor, "es war sogar ein doppelter Kontakt mit beiden Beinen." Andere, die dasselbe Bildmaterial geprüft hatten, kamen zum gegenteiligen Schluß: Kontaktarmut. Vorneweg natürlich die Bayern, deren Manager Uli Hoeneß nach Spielschluß in die Schiedsrichterkabine stürmte und Merk seine Ansicht lauthals schilderte, ehe er sich in stiller Wut in den Münchner Mannschaftsbus zurückzog.

Zurück zum Spiel: Der BVB-Abwehrchef Christian Wörns erkannte in der Momentaufnahme mit Merk als entscheidendem Einzelrichter blitzlichtartig das Signal zur Wende und erhöhte sechs Minuten später mit einem Schuß aus der Drehung zum 2:0 - sein erster Treffer seit dem 30. März 2002. Er beendete alle bayerischen Spekulationen auf einen Sieg beim Erzrivalen und auf die Verteidigung der deutschen Fußballmeisterschaft. Als der bei den Tumulten rund um den Elfmeter schon verwarnte Ballack gegen Gambino kräftig nachtrat (68.) und daraufhin per Gelb-Roter Karte für diese Begegnung ausgemustert worden war, hatte sich die letzte Hoffnung des FC Bayern München auf den Turnaround erledigt.

Stuttgart hat sich herangepirscht

Trainer Ottmar Hitzfeld sprach zwar tapfer von der "rein rechnerisch noch immer möglichen deutschen Meisterschaft", wirkte aber einen Tag bevor Tabellenführer Werder Bremen seinen Vorsprung auf zehn Punkte ausbauen konnte, reichlich desillusioniert. Die Münchner laufen nun sogar Gefahr, die sichere Qualifikation für die kommende Champions-League-Saison zu verspielen. "Wenn wir jetzt die Saison abhaken", sagte Ballack, "ist auch der zweite Platz in Gefahr." Der VfB Stuttgart hat sich schon bis auf zwei Punkte Rückstand an die Bayern herangepirscht.

Immerhin waren die auf dem Platz noch mosernden Münchner nachher selbstkritisch genug, die Webfehler dieses Tages, der für sie mit einer locker, aber nicht bedrohlich dominierten ersten Hälfte gar nicht so unerfreulich begonnen hatte, nicht bei den anderen zu suchen. Sie waren diesmal selbst falsch gestrickt. Als nämlich die Dortmunder aggressiver als zuvor aus der Pause gekommen waren und Merk seinen Auftritt gehabt hatte, fehlte den Bayern jeglicher konstruktive Widerstandsgeist. "Wenn wir uns etwas vorzuwerfen haben, dann, daß wir nach dem 0:1 die Köpfe haben hängen lassen", kritisierte Kapitän Kahn sein Team, das sich in den zweiten 45 Minuten von den Dortmundern das Gesetz des Handelns aus der Hand nehmen ließ.

Sturmlauf zum Linienrichter

Schon vor dem achten Elfmeter gegen die Bayern in dieser Saison beklagten die Münchner eine weitere Merkwürdigkeit, die sich bei näherem Hinschauen jedoch als eine nachvollziehbare Tatsachenentscheidung erwies. Von Santa Cruz' Brust war der Ball im Dortmunder Strafraum an die Hand seines Nebenmanns Wörns geprallt (15.), der nicht sofort die Finger weg vom Spielgerät zog. "Wörns nimmt den Ball mit der Hand mit, das war die Verhinderung einer klaren Torchance", sagte Hitzfeld, "da muß man Elfmeter pfeifen." "Wörns konnte seinen Arm nicht abschrauben - kein Elfmeter", konterte Merk.

Daß Kahn bei seinem Sturmlauf zu Linienrichter Heiner Müller kurz vor Merks Elfmeterentscheidung gehört haben will, daß der Assistent "nichts gesehen" habe, mutete im nachhinein dagegen unglaublich an. "Ich habe mit meinem Assistenten gesprochen", stellte Müllers langjähriger Weggefährte Merk klar, "und er hat mir gesagt, daß es ein Elfmeter war."

Der Mann, der, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist, jedes Spiel mit einem entspannten Augenzwinkern angeht, wirkte in Dortmund keineswegs grüblerisch oder von Selbstzweifeln angekränkelt. Merk glaubte sogar vis a vis 83.000 Zuschauern im ausverkauften Westfalenstadion ein "im Grundsatz leichtes Spiel" geleitet zu haben, "das durch zutreffende Einzelentscheidungen schwieriger wurde". Daß er selbst im Blickpunkt stand und nicht ein Spieler in Schwarz-Gelb oder Rot-Weiß, hat Merk achselzuckend in Kauf genommen. Er hatte an diesem Samstag ja auch etwas zu feiern: Es war Merks 241. Bundesliga-Einsatz, und damit wurde der Pfälzer zum Rekordschiedsrichter. Und so sprach denn auch er das Wort zum Samstag: "Das war ein weiteres denkwürdiges Duell BVB gegen Bayern, das in Erinnerung bleiben wird."

Borussia Dortmund - Bayern München 2:0 (0:0)
Dortmund: Warmuz - Demel (46. Odonkor), Bergdölmo, Wörns, Jensen - Rosicky (79. Leandro), Kehl, Dede - Gambino (88. Senesi), Koller, Ewerthon
München: Kahn - Salihamidzic, Kuffour, Jeremies, Linke - Schweinsteiger (65. Pizarro), Hargreaves, Ballack, Ze Roberto (84. Trochowski) - Makaay, Santa Cruz (86. Demichelis)
Schiedsrichter: Merk (Kaiserslautern)
Tore: 1:0 Ewerthon (55., Foulelfmeter), 2:0 Wörns (61.)
Zuschauer: 83.000 (ausverkauft)
Beste Spieler: Ewerthon, Gambino, Wörns - Jeremies, Schweinsteiger
Gelb-Rote Karte: Ballack wegen Foulspiels (68.)
Gelbe Karten: Dede (5) - Kuffour (4), Jeremies (3)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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