17.08.2011 · In „einer Liga mit Xavi und Iniesta“? Jupp Heynckes' Vergleich ist gewagt. Zumal Schweinsteiger Ende der vergangenen Saison eher überfordert schien. Immerhin ist eine Trendwende in Sicht - und zur Champions-League-Qualifikation nötiger denn je.
Von Elisabeth Schlammerl, MünchenPhilipp Lahm musste lachen. Die Frage nach Oliver Kahn hatte der Kapitän des FC Bayern München erwartet. Er war gut darauf vorbereitet, wie er mit der vom ehemaligen Teamkollegen in einem Internetblog geäußerten Ansicht von Führungsqualität umzugehen habe. Der frühere Bayernspieler hatte der deutschen Spielergeneration um Lahm und Schweinsteiger vorgeworfen, vehement zu leugnen, „dass eine Mannschaft heutzutage echte Führungsspieler braucht“, und unterstellte den Kapitänen des FC Bayern indirekt, dass ihnen das eigene Image wichtiger sei als der Erfolg. Lahm ließ sich nicht auf eine Hierarchiedebatte ein. „Es interessiert uns nicht, was ein ehemaliger Spieler in seinem Blog abgibt. Wir sehen das ganz gelassen.“ Nicht ganz so beiläufig hatte zuvor schon sein Kapitänskollege Bastian Schweinsteiger reagiert, als er anmerkte, „dass Oliver früher nichts mehr gehasst hat als die Kritik von Ex-Kollegen, die über die Medien ausgeübt wird. Von so einem großen Spieler erwarte ich, dass er sich an seine Worte erinnert.“
Die Bayern lassen sich nicht locken vor der ersten der beiden bedeutsamen Partien gegen den FC Zürich an diesem Mittwoch (20.45 Uhr im FAZ.NET-Liveticker, bei denen es um die Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League geht. Sie konzentrieren sich auf ihr Spiel, das noch nicht rund läuft. Der Auftritt in der Bundesliga in Wolfsburg zeigte, dass nicht nur von der Offensivabteilung viel abhängt, sondern, so wie es sich Trainer Jupp Heynckes wünscht, auch von Schweinsteiger. Als der sich am Samstag in der zweiten Halbzeit steigerte und sich mehr zutraute, wurde auch das Angriffsspiel der Münchner etwas druckvoller. Wenn Schweinsteiger in Topform sei, sagte Heynckes vor Saisonbeginn, „dann spielt er in einer Liga mit Xavi und Iniesta“.
Der Vergleich ist ziemlich gewagt. Denn Schweinsteiger hatte auch in der Form von vor mehr als einem Jahr, als er mit dem FC Bayern in der Champions League und der Nationalmannschaft bei der WM brilliert hatte, nicht das hohe Tempo der beiden Mittelfeldakteure des FC Barcelona im Kurzpassspiel erreicht. Nach der vergangenen Saison war Schweinsteiger nun erst einmal bemüht, wieder Sicherheit ins Spiel zu bringen. Die war am Ende der vergangenen Saison auch wegen ständig wechselnder Partner im Mittelfeld verlorengegangen, er schien überfordert damit, immer überall auszuhelfen. Er gibt zu, er hätte in jener Phase vielleicht „noch brutaler sein müssen, um den einen oder anderen aufzuwecken“.
In Gustavo hat sich nun jener Spieler auf der zweiten defensiven Mittelfeldposition durchgesetzt, mit dem Schweinsteiger nach dem Abschied von Mark van Bommel laut eigener Aussage am besten zurechtgekommen war. Unter Trainer van Gaal hatte der Brasilianer aber kaum spielen dürfen, wo er am effektivsten ist, sondern wurde dort eingesetzt, wo der Gegner am gefährlichsten schien. Allerdings ließ schon im vergangenen Februar sein Auftritt im Champions-League-Spiel bei Inter Mailand an der Seite von Schweinsteiger ahnen, wo er am besten aufgehoben ist. Gustavo zerstörte das Spiel von Wesley Sneijder erfolgreich.
Vor Saisonstart schien Heynckes lange Zeit mit Anatoli Timoschtschuk als Stammspieler zu planen, entschied sich in der Pokalbegegnung bei Eintracht Braunschweig überraschend doch für Gustavo, rein intuitiv, wie er zugab. Der frühere Hoffenheimer hat beim FC Bayern schnell gelernt, worauf es ankommt, auch verbal. „Ich bin kein Verlierertyp“, sagte er nach seinem Siegtreffer am Wochenende in Wolfsburg und fügte hinzu, dass jeder Spieler an den Sieg glauben müsse, „auch noch über die 90. Minute hinaus“.
Schweinsteiger hat nun einen Partner, für den er nicht die Verantwortung übernehmen muss. Die Arbeitsteilung klappt schon ganz gut und auch die Abstimmung. „Es ist natürlich leichter, wenn sich Automatismen bilden“, sagt er. Bei der Ballbehauptung und der Zweikampfstärke nähert er sich langsam seinen früheren Topwerten. Die Konsolidierung in der Defensive hemmt allerdings noch die Risikobereitschaft im Spiel nach vorne, lässt die Präzision und die Schnelligkeit beim Abspiel vermissen, nicht nur bei Schweinsteiger. „Das sind Dinge, die verschüttet sind“, sagt Heynckes. „Aber vielleicht sind sie schon gegen Zürich wieder zu sehen.“