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FC Bayern München Wie Orwells großer Bruder

 ·  Der neue Sportvorstand Matthias Sammer steckt beim FC Bayern noch in der Orientierungsphase - hochkonzentriert. Er sagt: „Die wahre Stärke liegt in der eigenen Denkweise.“

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© dpa Matthias Sammer: Der neue Sportdirektor des FC Bayern München

Angenehm fand Matthias Sammer die Woche am Gardasee zumindest in einem Punkt bestimmt nicht. Die Hitze hatte ihm zugesetzt, mehr als 30 Grad zeigte das Thermometer oft schon am späten Vormittag. Der neue Sportvorstand des FC Bayern München verbrachte während des Trainingslagers täglich mehrere Stunden in der prallen Sonne. Freiwillig allerdings, denn er hätte sich auch auf die Tribüne des Stadions von Arco setzen können, in die oberen Reihen, dort gab es Schatten. Aber er wollte näher dran sein an der Mannschaft, ganz nah. Also nahm er bei jeder Übungseinheit auf einer der beiden Bänke am Spielfeldrand Platz und beobachtete, was ein paar Meter von ihm entfernt passierte.

Vor knapp drei Wochen hat er Christian Nerlinger abgelöst, und seitdem beschäftigt sich Sammer intensiv mit Spielern, Trainern, Training. „Die ersten zehn Tage hatte ich ein Schleudertrauma, da wusste ich nicht, wo links und rechts, wo oben und unten ist“, sagte er. Die Orientierungsphase ist noch immer nicht abgeschlossen, weil er erst einen Teil der Mannschaft kennt. Franck Ribéry trainiert seit Donnerstag allein in München, und die deutschen Nationalspieler beginnen die Vorbereitung auf die neue Saison sogar erst an diesem Sonntag, wenn die Bayern ihre Werbetour nach China starten.

Sammer ist kein Fan abgedroschener Phrasen

Sammer hat viele Ideen, eine Menge Gedanken schwirren in seinem Kopf umher, aber es fehlt noch eine Struktur. Es sei deshalb zu früh, „um extern darüber zu reden“, sagte er. Aber Sammer gehört nicht zu jenen Verantwortlichen im Profifußball, die mit Plattitüden und abgedroschenen Phrasen die Begehrlichkeiten der Öffentlichkeit zu befriedigen versuchen. Er ist bekannt für klare, markige Worte, und deshalb fiel es ihm beim FC Bayern bisher besonders schwer, nicht konkret werden zu können.

Immerhin gab er in Riva del Garda ein paar Sätze mit Potential von sich. „Die wahre Stärke liegt in der eigenen Denkweise und Orientierung“, sagte er zum Beispiel. Dann wurde es aber wieder etwas diffuser. Die eigene Identität will Sammer besser herausarbeiten und Individualität stärken; gleichzeitig kritisiert er, dass es im deutschen Fußball zu sehr um Eitelkeiten und die eigene Darstellung gehe. Aber zunächst ist sein Ziel, „auf einem sehr starken Fundament die zwei, drei Prozent zu suchen, um nicht wieder auf dem zweiten Platz zu landen“.

Sammer-Time beim FC Bayern?

Wieder ganz oben zu stehen, ist die vordringliche Aufgabe von Sammer. Die verpassten Titel in den vergangenen beiden Jahren waren auch der Grund für den Wechsel in der Position des sportlichen Verantwortlichen. Sammer zeigt schon in den ersten drei Wochen seiner Arbeit mehr Präsenz als sein Vorgänger in den gesamten drei Jahren seines Wirkens als Sportdirektor. Nerlinger war zu sehr damit beschäftigt, seine Rolle in dem von Alphatieren geführten Verein zu finden, und agierte daher zurückhaltend. Sammer hingegen hat klare Vorstellungen von seinem Job als Sportvorstand, weiß aber auch, dass er bei den Bayern nur eine von mehreren Führungspersönlichkeiten sein kann. „Es liegt an mir, mich in einen funktionierenden Klub zu integrieren und anzupassen.“

Dem Klub dienen und nicht umgekehrt

Als Sammer hochkonzentriert die Abläufe im Training verfolgte, sein Blick in eineinhalb Stunden nicht einmal abschweifte, wirkte er ein bisschen wie der Große Bruder in George Orwells visionärem Roman „1984“. Falls Sammer etwas entgangen sein sollte, würde er das sicher von Karsten Schumann mitgeteilt bekommen. Mit dem Sportwissenschaftler arbeitete er schon beim Deutschen Fußball-Bund zusammen. Gemeinsam veröffentlichten sie eine Broschüre über die Ausbildungskonzeption. Schumann saß in Arco im Schatten auf der Tribüne und machte sich Notizen.

Natürlich ist Sammer weit davon entfernt, alles beherrschen zu wollen wie Orwells Despot im Staate „Ozeanien“. Er redet viel mit Trainer Jupp Heynckes. „Unser Verhältnis ist überragend“, sagte er. „Aber ein Sportdirektor redet dem Trainer in die Tagesarbeit natürlich nicht hinein.“ Er werde sich auch nicht zu Taktik und Aufstellung äußern, betonte er immer wieder. Die Akribie, mit der Sammer zu Werke geht, scheint aber unmittelbare Auswirkungen zu haben. Wenn ihm etwas auffällt, muss er darüber reden, manchmal auch mit den Spielern direkt. Auf dem Weg vom Trainingsplatz in Arco zu dem hinter der Tribüne wartenden Mannschaftsbus schnappte er sich einmal Luiz Gustavo zu einem Gespräch unter vier Augen. Dabei ging es wahrscheinlich nicht, wie Sammer später behauptete, über das Wetter.

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Heynckes mag sich mit einem starken Sportdirektor arrangieren. Es ist wohl sein letztes Jahr beim FC Bayern und vielleicht sogar als Trainer. Er hat sich eine gewisse Gelassenheit angeeignet und weiß zudem Uli Hoeneß hinter sich. Der Präsident wird ihn gegen alle Angriffe verteidigen, und da müsste dann auch Sammer klein beigeben. Deshalb ist vielmehr die Frage, ob die Alphatiere den neuen starken Sportvorstand gewähren, ihn entscheiden lassen. Auch wenn es um die Nachfolge von Heynckes geht. „Ich weiß, dass man dem Klub dient und nicht umgekehrt“, sagte Sammer. „Die Prüfungen kommen noch.“

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