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Mittwoch, 19. Juni 2013
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FC Barcelona Raus aus dem Schatten des Chefs

 ·  Als Nachfolger von Pep Guardiola führt Tito Vilanova das katalonische Erfolgsmodell fort und legt mit dem FC Barcelona einen Traumstart hin. An diesem Sonntag (19.50 Uhr) trifft er im Clásico auf Real Madrid und José Mourinho.

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© REUTERS Gebildet, intelligent und fleißig: Francesc „Tito“ Vilanova

Hin und wieder hört man, das Nachwuchsmodell des FC Barcelona könne auch für große Konzerne interessant sein. Wer würde den Erfolg im Fußball nicht gern in die Geschäftswelt exportieren, wenn man nur wüsste, wie? Je genauer man sich ansieht, wie es wirklich bei Barça läuft, desto erstaunlicher wird das Phänomen.

Zum Beispiel der heutige Cheftrainer Francesc „Tito“ Vilanova, Jahrgang 1969, ein ehemaliger Mittelfeldspieler ohne größeren Glanz. Im vergangenen Jahr machte der Assistent des damaligen Trainers Pep Guardiola vor allem durch zweierlei von sich reden. Am 18. August, in der Schlussphase eines hitzigen clásico, piekte Real-Trainer José Mourinho ihm ins Auge, eine der hässlichsten Gesten, die sich der Portugiese jemals geleistet hat. Und im November musste sich Vilanova einer Tumoroperation unterziehen.

Freundschaft, Vertrauen und Zusammenarbeit

Abermals fünf Monate später, nach der Ankündigung von Guardiolas Rücktritt, wurde der zweite Mann, der nie alleinverantwortlich einen Erstligaklub trainiert hatte, zum neuen Coach des erfolgreichsten Fußballvereins der vergangenen Jahre erklärt. Wie geht man mit dem Erbe einer so gewaltigen Titelsammlung um? Die guten Worte, die Vilanovas Ernennung begleiteten, bedeuteten einen hohen Anspruch. „Von Tito erwarte ich mir das Beste“, sagte Guardiola. „Er weiß, wie wir funktioniert haben, und wir hatten die gleichen Vorstellungen. Ich glaube, er wird diesem Verein geben, was ich ihm nicht mehr geben kann.“

Man kann das Erfolgsmodell aus Katalonien auch anhand von Freundschaft, Vertrauen und jahrzehntelanger Zusammenarbeit erklären. Dann ergibt sich ein weitverzweigtes Bezugssystem, in dem jedes Element mit allen anderen zusammenhängt. Guardiola und Vilanova trafen schon als Jugendspieler in der Kaderschmiede „La Masia“ zusammen und errangen ein paar schöne Triumphe, darunter einen spanischen Jugendtitel nach einem 6:2-Sieg gegen Real Madrid. Während Guardiola in die A-Elf des FC Barcelona aufrückte, suchte Vilanova bei kleineren Vereinen sein Glück und pendelte zwischen erster, zweiter und dritter Liga.

Geschichte hat viel Gewicht

Doch die Verbindung hielt, man ging regelmäßig miteinander essen und hatte dieselben Ideen, wie kreativer Fußball aussehen sollte. Als Vilanova als Jugendtrainer zu Barça zurückkehrte, betreute er ein paar hochbegabte Jungs namens Lionel Messi, Cesc Fàbregas und Gerard Piqué, die heute zu den Stützen des Teams zählen. Zehn Jahre ist das her, aber die Geschichte hat im katalanischen Fußball viel Gewicht. Johan Cruyff, der Identitätsstifter des katalanischen Offensivfußballs, trainierte Guardiola; dieser war fünf Jahre lang Vilanovas Chef, erst bei den Barça-Amateuren, dann bei der ersten Mannschaft; und jetzt ist der Neue an der Reihe. Weitere Referenzen nicht erforderlich.

In der Primera División hat Vilanova einen Traumstart hingelegt: sechs Siege in sechs Spielen. Der spanische Supercup ging gegen Real Madrid knapp verloren. Wenn es an diesem Sonntag (19.50 Uhr/live in Laola1.tv) im Stadion Camp Nou wieder zum clásico gegen den Erzrivalen kommt, geht Barça mit acht Punkten Vorsprung relativ entspannt in die Partie. Vilanova würde allerdings gern zeigen, dass die 1:2-Heimniederlage gegen Mourinhos Team, die vergangenes Frühjahr die Meisterschaft schon so gut wie entschied, eine Ausnahme war. Er macht vieles wie sein Vorgänger, dessen Charisma er gar nicht anstrebt, doch in wichtigen Entscheidungen erkennt man auch eine eigene und durchaus eigenwillige Handschrift.

In Schale geworfen, wie der frühere Chef

Dazu gehörte, gleich in den ersten Ligapartien Messi auf die Bank zu setzen.Dazu gehört ferner, nach größeren Überraschungen in der Offensive zu suchen und zuzulassen, dass der dynamische Cesc Fàbregas das quergestrickte, manchmal vorhersehbare Passspiel der Katalanen durch vertikale Attacken aufmischt. Bisher gibt der Erfolg Vilanova recht: Fàbregas hat unter ihm zur alten Torgefährlichkeit zurückgefunden. Auch der nach langer Verletzung genesene Nationalmittelstürmer David Villa macht wieder von sich reden: Kaum wird er eingewechselt, schießt er ein Tor.

Er sei gebildet, diskret, hochintelligent und fleißig, sagten die Spieler über den neuen Chefcoach, als die Vereinsführung letzten April ihre Entscheidung bekanntgab. Er könne gut erklären und druckreif reden. Außerdem, meinte Mittelfeldmann Busquets, sei Vilanova „ruhiger“ als sein Freund und Vorgänger Guardiola. Tatsächlich wusste man von dem genialen früheren Trainer seit langem, dass ihn die Leidenschaft für den Fußball von innen verzehrte und er irgendwann die Brocken hinwerfen würde. „Ausgebrannt“ nannte Guardiola sich selbst, bevor er sich eine Auszeit in New York gönnte. Tito Vilanova, der Mann des Hauses, mag zwar mehr Ruhe ausstrahlen, doch bei Champions-League-Partien wirft er sich in Schale und sieht aus wie sein früherer Chef: schwarzer Anzug, schwarze Schuhe, schmale Krawatte. Fehlt nur noch der Sieg im clásico.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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