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FAZ.NET-Spezial: Bayerns Blamage Unter Niveau

09.03.2006 ·  Beim 1:4 in Mailand zeigt sich, wie weit die Bayern von der europäischen Spitzenklasse entfernt sind. Sportlicher Anspruch und die Wirklichkeit auf dem Platz klaffen nach dem Ende der Ära Hitzfeld viel weiter auseinander als gedacht.

Von Michael Ashelm, Mailand
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Karl-Heinz Rummenigge ließ keines der Wörter aus, die üblicherweise eine bittere Enttäuschung auf drastische Art und Weise beschreiben können: Blamage, Debakel, Desaster, Albtraum. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München ging verbal in die Vollen, als er sich daran machte, den Auftritt des deutschen Rekordmeisters mit ein paar kernigen Botschaften auf den Punkt zu bringen.

Rummenigge sprach zwar ruhig, aber mit kaltem Ausdruck in der Stimme: "Wir sind sehr ernüchtert. Der AC Mailand hat uns eine Lektion erteilt in Sachen Leidenschaft, Willen und Engagement." Die Münchner Spieler hatten zu dem Zeitpunkt längst die Köpfe eingezogen, wenn sie sich an diesem Tag überhaupt einmal mit erhobenem Haupt gezeigt hätten. Kein Kommentar von ihnen, wenn doch, dann nur vereinzelte Relativierungen, die von außen betrachtet ihren Darbietungen im Guiseppe-Meazza-Stadion nicht gerecht wurden.

Unkalkulierbarer Abwärtstrend

Das schnelle Ausscheiden im Achtelfinale der Champions League gehört zum Starwettbewerb dazu, in dem sich die besten Mannschaften Europas drängeln. Doch setzte sich nach dem 1:4 der Bayern im Rückspiel beim Tabellenzweiten der italienischen Serie A den Eindruck durch, als stünde ihre Leistung nicht für einen unangenehmen Ausreißer nach unten, wie es gerne nach solchen Auftritten verkauft wird, sondern für einen unkalkulierbaren Abwärtstrend der Mannschaft.

"Es stimmt", gestand Felix Magath etwas später ein, "wir befinden uns seit der Rückrunde in keiner so guten Phase." Kurz nach dem Spiel reklamierte der Bayern-Trainer noch die Schiedsrichter-Leistung, wegen derer sein Team erst auf die Verliererstraße gekommen sei. Nach dem stürmisch-dynamischen Auftritt der Mailänder, die durch Treffer ihres ausgebufften, manchmal am Rande des erlaubten Reglements agierenden Angreifers Filippo Inzaghi (8. und 47. Minute) sowie von Andrej Schewtschenko (25.) und Kaka das 1:1 aus dem Hinspiel locker übertrafen, wirkte Magaths erste Analyse ziemlich realitätsfern. Wie von Rummenigge zu hören war, soll Manager Uli Hoeneß in der Kabine das Spiel der Mannschaft erzürnt als "Basketball" bezeichnet haben - also körperlos.

Wir haben ja noch Meisterschaft und DFB-Pokal

Wenn die Münchner Profis doch wenigstens am Ball so kraftvoll gewirkt hätten wie Basketball-Profis üblicherweise. Der interne Ärger im Lager des FC Bayern, der in seiner vorerst letzten Champions-League-Nacht nur vom Vorstandsvorsitzenden laut artikuliert wurde, dürfte deshalb erheblich sein; auch wenn Magath es öffentlich vermied, seine Mannschaft in Grund und Boden zu stampfen.

Für einen Trainer verständlich, der zudem für das taktische und technische Niveau der Truppe in der Verantwortung steht. "Ich wehre mich dagegen zu sagen, wir wären international nicht wettbewerbsfähig", so Magath, der die entsprechende "Tagesform" als Hauptkriterium für ein Weiterkommen in der hochkarätig besetzten Meisterliga Europas sieht. "Das ist keine schlechte Saison für uns. Das passiert auch dem FC Chelsea, wo keiner sagen würde, die sind zu schwach für dieses Niveau. Wir haben ja noch die Meisterschaft und den DFB-Pokal", führte der Trainer an. Andererseits zielt die tägliche Arbeit der Bosse des FC Bayern immer darauf, das deutsche Fußball-Flaggschiff längerfristig in die Nähe der anderen europäischen Luxusdampfer zu manövrieren.

Unter Druck auf Höchstniveau wenig einheitlich

Doch der Glaube, mit dieser nun über eine längere Periode zusammenspielenden Mannschaft und der einen oder anderen höherklassigen Ergänzung könne das Feld international aufgerollt werden wie vor fünf, sechs oder sieben Jahren unter dem damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld, hat sich nicht bestätigt. Es scheint, als würden sportlicher Anspruch und die Wirklichkeit auf dem Platz bei den Münchnern nach dem Ende der Ära Hitzfeld wieder viel weiter auseinanderklaffen als zwischenzeitlich gedacht.

Die Mannschaft zeigt sich unter Druck auf Höchstniveau wenig einheitlich. Es mangelt ihr im Vergleich mit Teams wie dem AC Mailand an Dynamik und Spannung, es fehlen in entscheidenden Momenten die perfekt einstudierten Spielzüge, die von erlernter Antizipation und nicht Glücksumständen abhängig sind. Manager Hoeneß sagte etwas kryptisch zum Ablauf auf dem Platz: "Ich habe das eine oder andere gesehen, worüber ich nachdenken muß." Seine Aufgabe wird jetzt sein, neuen Drive in die erlahmte Elf zu bringen, die Planung mit neuen Leuten für das neue Fußballjahr anzugehen.

Ballack in Gedanken schon verabschiedet

Der Ist-Zustand kann nicht zufriedenstellen. Michael Ballack hat sich in Gedanken wohl schon verabschiedet aus München. Anderen Impulsgebern wie Sebastian Deisler fehlt weiterhin die Durchschlagskraft über ein ganzes Spiel. Superstürmer Roy Makaay hängt durch und wird, wie zu hören ist, nicht von allen Mitspielern auf dem Feld in seinen Angriffsbemühungen gefördert; das Feuer des 36 Jahre alten Bixente Lizarazu, der auf der linken Abwehrseite den Vorzug bekam vor dem um Anschluß kämpfenden Philipp Lahm, läßt definitiv nach.

Wenn dann auch noch eine Formschwäche des eigentlich zuverlässigen Innenverteidigers Valerien Ismael dazukommt, dem zwar gegen Milan der 1:2-Anschlußtreffer gelang (35.), der aber dafür an zwei Gegentreffern unglücklich beteiligt war, dann sind die Möglichkeiten einer Mannschaft begrenzt.

Quelle: F.A.Z. vom 10. März 2006
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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