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Schiedsrichter-Kommentar : Der falsche Anpfiff

Abgang: Die Schiedsrichter streiken im Fußballkreis Weser-Ems Bild: dpa

In Ostfriesland haben Schiedsrichter auf den Verlust von Anstand und Respekt im Amateurfußball reagiert – und gestreikt. Denn der Verband hat mit seiner Reaktion auf eine Widerwärtigkeit ein völlig falsches Zeichen gesetzt.

          Der Tipp ist schon mehr als zehn Jahre alt, aber er ist sicher nicht schlechter geworden. Was sollte ein Schiedsrichter tun, wenn ein Zuschauer seinen Ärger über die Spielleitung auf grob beleidigende, niederträchtige, gar widerwärtige Weise kundtut? Wenn einer von draußen ruft: „Euch sollte man vergasen“, zum Beispiel? Abpfeifen, Polizei rufen, Personalien aufnehmen lassen, Anzeige erstatten. Das hatte der Vorsitzende des Dortmunder Handballkreises seinen Schiedsrichtern im Jahr 2006 in einem offenen Brief an die Hand gegeben und den zitierten Satz als trauriges Beispiel aus der Praxis genannt.

          „So etwas wie euch sollte man vergasen“: Am Sonntag sind die Fußball-Schiedsrichter im niedersächsischen Nordwesten wegen des Umgangs mit ebendiesem Satz in den Streik getreten. 22 von 39 Spielen in der Landesliga und den Bezirksligen des Fußball-Bezirkes Weser-Ems fielen aus, weil die Schiedsrichter aus Protest zu Hause blieben. In Firrel, Samtgemeinde Hesel, Landkreis Leer, hatte ein Zuschauer im September nach dem Spiel von Grün-Weiß Firrel gegen TuRa Westrhauderfehn die Schiedsrichterleistung für so schlecht befunden, dass er ihm den Tod nach Art des von den Nazis industrialisierten Massenmords wünschte.

          Vollkommen hemmungslos

          Wer die Verwahrlosung der Sportplatz-Sitten, den Verlust von Anstand, Respekt und Wertschätzung für den freiwilligen Einsatz von Schiedsrichtern für ein großstädtisches Phänomen gehalten hat, wird also eines Besseren belehrt: Auch auf ostfriesischen Dorfsportplätzen kann es vollkommen hemmungslos zugehen.

          Was aber die Schiedsrichter in den Streik getrieben hat, war nicht diese Widerwärtigkeit an sich, sondern der Umgang der Sportschiedsgerichtsbarkeit des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) mit derselben. Das Oberverbandssportgericht hatte die in erster Instanz verhängte Geldstrafe gegen den Heimatverein – 400 Euro – aufgehoben. Begründung: Der Verein Grün-Weiß Firrel habe keine Möglichkeit gehabt, den Vorfall zu verhindern, sei schuldlos und mithin nicht zu belangen.

          Falsches Zeichen

          Nun stellt sich die Frage, wieso es die Verantwortlichen des SV Grün-Weiß Firrel für eine gute Idee hielten, durch die Instanzen zu gehen, anstatt die Strafe zu akzeptieren. Das hätte ja nicht einmal stillschweigend geschehen müssen, im Fußball ist ja häufig die Rede davon, dass Zeichen gesetzt werden müssen. „Seht her“, hätten sie sagen können in Firrel, „wir konnten unseren Fan nicht bremsen, aber wir unterstützen unsere Schiedsrichter. Wir zahlen die 400 Euro – und seid gewiss, liebe Referees: Der Mann taucht auf unserem Platz nicht wieder auf.“ Ein Zeichen eben wider die allfällige Gewalt gegen Schiedsrichter, sogar in Ostfriesland. Chance vertan.

          Es mag ja sein, dass die Oberschiedsrichter des NFV Recht gesprochen haben mit Blick auf das, was ein Urteil gegen Grün-Weiß Firrel zur Folge gehabt hätte: Haftungsfälle ohne Ende. Denn es wird beleidigt ohne Ende, Wochenende für Wochenende. Was tun also? Die Dortmunder Handballspieler hatten schon vor zehn Jahren einen Tipp.

          Beim NFV aber legt der Präsident Karl Rothmund Wert auf die Feststellung, der Streik der Schiedsrichter sei eine Maßnahme „ausschließlich des Bezirks Weser-Ems, ohne jede Abstimmung“. Auch das ist, offensichtlich, ein Zeichen. Und zwar das falsche. Dass die Schiedsrichter längst allen Grund haben zur Klage, steht außer Frage. Im Bezirk Weser-Ems haben sie am Sonntag ein Zeichen gesetzt. Es geht offenbar nicht anders.

          Quelle: F.A.Z.

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