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Europäische Spitzenklubs Ein bißchen Gott

28.02.2004 ·  Fußball-Monopoly auf russisch: Warum die Ölkönige aus dem Osten europäische Spitzenklubs begehren.

Von Markus Wehner
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Die Rettung kommt aus dem Osten. Ein einstiger Waisenjunge aus Sibirien hat den Londoner Fußballklub Chelsea vor dem Ruin gerettet und ihm eine Starmannschaft gekauft. Gerade haben die mit russischen Öldollarsd erworbenen Kicker in der champions League die wackeren Schwaben in Stuttgart geschlagen. Die Londoner Fans singen "Kalinka" mit englischem Text. Sie lieben Roman Abramowitsch, den 37 Jahre alten Rotschopf mit dem Dreitagebart, der ihren Klub wieder in die erste Reihe gebracht hat. Für sie ist der Mann aus Rußland ein Geschenk des Himmels, ein bißchen Gott, "pretty much" sogar.

Gerade ist Abramowitsch, der in Jeans, mit Baseballkappe und Fanschal die Ehrentribüne des Vereins schmückt, in Großbritannien zum bestverdienenden Unternehmer des Jahres gewählt worden. In seiner Heimat hat die Zeitschrift "Finance" ermittelt, daß er der reichste aller russischen Oligarchen ist. Auf zwölf Milliarden Dollar beziffert sie das Vermögen des Mannes, der Chelsea "aus Spaß am Sport" gekauft hat. "Roman Abramovich, he is so f... rich", lautet denn auch die inoffizielle Version des russischen Volkslieds in der englischen Fanversion.

Gut 400 Millionen Euro hat der Besitzer des Ölkonzerns Sibneft bisher für den britischen Klub ausgegeben, nicht soviel, als daß er sich nicht noch mehr leisten könnte. Abramowitsch hat sich mit dem "FC Chelski", wie ihn die britische Presse getauft hat, einen Jugendtraum erfüllt. Nun will er auch in die Formel 1 einsteigen, soll den Rennstall Jordan im Visier haben. Anderen Unternehmern ist ihre Sportleidenschaft indes teuer zu stehen gekommen.

Das Licht aus Rußland

Franco Sensi, Präsident des AS Rom, steckt seit Jahren zweistellige Millionensummen in den Traditionsverein. Nun soll dem 78 Jahre alte Padrone angesichts von 250 Millionen Euro Schulden das Wasser bis zum Hals stehen. Doch Rettung naht, wieder kommt das Licht aus Rußland. Man verhandle mit dem russischen Unternehmen Nafta-Moskwa, hat Sensi dieser Tage bestätigt. Die Russen seien bereit, 400 Millionen Euro für Sensis Anteil von 62 Prozent zu zahlen.

Nafta-Moskwa war in den neunziger Jahren das führende russische Unternehmen im Ölhandel. Noch vor drei Jahren machte der Jahresumsatz mehrere Milliarden Dollar aus. Die Firma, offiziell geführt von einem ehemaligen Industrieminister Boris Jelzins, soll hingegen nach Angaben ihrer Besitzer nur verdächtig geringe 17 Millionen wert gewesen sein. Heute hat man sich aus dem Handel zurückgezogen, nur ein kleines Büro im Moskauer Zentrum existiert noch, das keine Auskunft erteilt. Die Mehrheit an Nafta-Moskwa besitzt nach Berichten der russischen Presse Sulejman Kerimow. Sein Büro im Parlament möchte nichts sagen. Der 37 Jahre alte Unternehmer aus Dagestan sitzt als Abgeordneter für die Partei des Ultranationalisten Schirinowskij in der Duma. Kerimows Vermögen wird auf 500 Millionen geschätzt, leider nur Platz 43 der inoffiziellen Reichenliste.

Zu seinen Geschäftsfreunden gehören der 36 Jahre alte Aluminiumkönig Oleg Deripaska und - welch Zufall - Roman Abramowitsch. Der sportbegeisterte Neulondoner soll zwanzig Prozent an Nafta-Moskwa besitzen. Wenn "Roma", so der Rufname Abramowitschs, nun auch noch "AS Roma" erwirbt, kann man die Marke gleich zweifach verwerten. Die Verhandlungen zwischen den Russen und dem italienischen Hauptstadtklub hat der Agent Pini Zahavi eingefädelt. Er hatte für Abramowitsch auch das Geschäft mit Chelsea ins Rollen gebracht.


Der Drang nach Westen

Den Russen traut man mittlerweile auch den Kauf der Größten im Sportgeschäft zu. So kursierte vor wenigen Wochen das Gerücht, der in den Londoner Russenkreisen bekannte Ralif Safin wolle Manchester United erwerben. Der 50 Jahre alte Baschkire, früher selbst aktiver Boxer, gehört zu den Gründern des russischen Ölriesen Lukoil. Als Sportmäzen, unter anderem als Sponsor von Spartak Moskau, hat er sich zudem einen Namen gemacht. Bekannter als Safin ist indes seine schöne Tochter Alsu, ein russischer Popstar, die schon den europäischen Schlagerwettbewerb gewann. Sohn Marat kontrolliert von London aus große Teile des russischen Zuckermarkts. Vater Safin hat nach Auskunft der russischen Medien nur ein Vermögen von 215 Millionen Dollar (Platz 72). Welchen Anteil er noch am Giganten Lukoil, wo er offiziell ausgeschieden ist, besitzt, gilt als ungewiß.

Wen wundert's, daß auch die ganz Reichen Rußlands, die 25 Dollar-Milliardäre, sich der Gerüchte erwehren müssen, sie wollten angesichts des neuen sportlichen Drangs nach Westen den Konkurrenten nicht nachstehen. Wladimir Potanin, der den Metallgiganten Norilsk Nickel besitzt, mußte unlängst dementieren, daß er Arsenal London kaufen wolle. Mit einem geschätzten Vermögen von rund fünf Milliarden Dollar hätte er das nötige Kleingeld gehabt.
Doch Potanin will weiter in Rußland Geschäfte machen. Da ist es für die Imagepflege nicht gut, sein Geld in englische oder italienische Sportvereine zu investieren. Als "unpatriotisch" ist Abramowitschs Rettungsaktion für Chelsea von russischen Politikern kritisiert worden. Und auch der gemeine Russe ist kaum begeistert davon, daß "seine" Öldollars, die ein gewiefter Junge aus Omsk sich in die Tasche gesteckt hat, in England landen. Der Chef des russischen Rechnungshofs war über Abramowitsch gar so empört, daß er überprüfen will, ob jener denn in seinem Nebenberuf als Gouverneur von Tschukotka, der Halbinsel im Fernen Osten gegenüber von Alaska, auch seinen sozialen Verpflichtungen nachkommt.

Eintrittskarte in die feine Gesellschaft

Doch dort hat Abramowitsch nicht nur Rentierzüchter und Walfänger von Elend und Hunger befreit, sondern hat der Hauptstadt Anadyr auch einen Supermarkt, zwei Hotels, ein Freizeitzentrum, ein Internetcafe und ein College geschenkt, neue Häuser errichten und den Flugplatz erweitern lassen. Mindestens 200 Millionen Dollar hat Abramowitsch bei den Tschuktschen investiert, und die Einwohner sehen mit Bangen dem Jahr 2005 entgegen, wenn das Geschenk des Himmels nicht mehr Gouverneur im ewigen Eis spielen will.
Doch zurück in wärmere Gefilde, nach Rom und London, wo die Abramowitschs und Safins die meiste Zeit des Jahres verbringen. Ihre Investitionen in den Sport sind nicht nur eine Laune, sie sind zugleich die Eintrittskarte in die feine Gesellschaft im Westen. Abramowitsch, der mit Hilfe des Londoner Exilanten Boris Beresowskij reich und zum Financier der Jelzin-Familie wurde, hat in jüngster Zeit große Anteile seines Vermögens, an der Fluggesellschaft Aeroflot und am Aluminiumriesen Rusal, verkauft.

Es heißt, er bereite seinen Abschied aus Putins Rußland vor, wo ihm der Boden zu heiß werden könnte. Seine fünf Kinder gehen schon lange in England zur Schule, zur Erholung reist man in die Villa nach Saint Tropez. So werden aus ungeliebten russischen Oligarchen, denen die rasche Bekanntschaft mit der harten Pritsche hinter Gittern droht, angesehene englische Bürger. Der Russe wolle sich doch nur einen britischen Paß erkaufen, hat Uli Hoeneß nach Abramowitschs Chelsea-Kauf gemault. Man kann verstehen, daß der Bayern-Manager beleidigt ist. Vom Interesse der russischen Retter an einem deutschen Fußballklub ist so gar nichts zu hören.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.02.2004, Nr. 9 / Seite 17
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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