Eigentlich war Hamburger Beteiligung an diesem Fußballabend gar nicht vorgesehen. „Ich werde mir das Spiel mit Sicherheit nicht anschauen“, hatte etwa David Jarolim angekündigt. „Weder im Stadion noch im Fernsehen.“ Der Kapitän des Hamburger SV hatte stellvertretend zum Ausdruck gebracht, was viele in der Hansestadt empfanden vor dem Endspiel der Europa League zwischen dem FC Fulham und Atlético Madrid. Der Schmerz über das eigene Ausscheiden im Halbfinale gegen Fulham saß tief, da wollte man nicht noch daran erinnert werden, wie schön alles hätte sein können im eigenen Stadion.
Dann aber hatte doch noch ein Hamburger einen sehenswerten Auftritt. Uwe Seeler, die HSV-Legende höchstpersönlich, brachte den Pokal am Mittwochabend auf den Rasen der Hamburger Arena, und wie er von Disco-Musik begleitet den Platz betrat - das hatte schon etwas von einem Popstar. Hundertzwanzig Minuten später war es eine Party ganz in Rot und Weiß. Atlético gewann ein äußerst unterhaltsames Finale dank der beiden Tore von Diego Forlan (32. und 116. Minute) 2:1 nach Verlängerung und feierte den ersten Europacup-Sieg seit 1962.
Simon Davies hatte vor 49.000 Zuschauern in der - zumindest offiziell - ausverkauften Arena für die wackeren Engländer ausgeglichen. Am Ende war es ein etwas schmeichelhafter Triumph der Spanier, die zwar deutlich besser begannen und in Reyes, Agüero und Forlan auch die größeren Einzelkönner in ihren Reihen hatten. Danach aber bestimmte Fulham weitgehend das Spiel. Ein stimmungsvoller Abend war es jedenfalls auch ohne fußballerischen Hamburger Beitrag.
Deutsche Geringschätzung gegenüber Finale
Am Nachmittag in der Stadt hatte darauf noch nicht allzu viel hingedeutet. Zwar waren immer wieder Fangruppen beider Teams zu sehen, von besonderer Atmosphäre war aber wenig zu spüren - vielleicht auch weil die Reize Hamburgs bei kühlem Wetter und Nieselregen nicht zur Geltung kamen. Alles passte irgendwie zur Geringschätzung, mit der dieses Finale in Deutschland insgesamt bedacht wurde. Es spielte ja nur der Neunte der spanischen Liga gegen den Zwölften der englischen. Was war das schon gegen das deutsche Pokalfinale am Samstag oder gar das Champions-League-Endspiel in zehn Tagen mit Münchner Beteiligung.
Etliche Hamburger jedenfalls wollten ihre Tickets noch kurzfristig loswerden. Aber was kümmerten (nord-)deutsche Befindlichkeiten Spanier wie Engländer? Als es losging, waren zwar ein paar Plätze im neutralen Bereich frei. Was die Fans aber in ihren Blöcken hinter den Toren veranstalteten, hatte allemal europäisches Format. Auf dem Platz sorgten die Spanier in ihrem elegant-klassischen rot-weiß-blauen Outfit für die ersten Farbtupfer. Nach zwölf Minuten traf Forlan den Pfosten, Fulhams Kapitän Murphy hatte sich zuvor einen haarsträubenden Fehlpass geleistet. Ein Freistoß von Reyes war die nächste gute Gelegenheit (16.), Schwarzer parierte mit ein wenig Mühe.
Fulham machte in der ersten halben Stunde nur einmal auf sich aufmerksam: als Davies eine Direktabnahme wagte (20.). Dann jedoch zeigte Atlético, wie man sich unaufhaltsam ins Ziel kombiniert. Nach glänzender Vorarbeit von Reyes und Simao schoss Agüero, Forlan stand am richtigen Fleck lenkte den Ball ins Tor - 1:0. Es waren vielleicht nicht die prominentesten Teams, die dieses erste Europa-League-Finale (im letzten Jahr firmierte der Wettbewerb noch als Uefa-Cup) erreicht hatten. Verdient hatten es sich aber beide, schließlich hatte jeder in den Runden zuvor beachtliche Hindernisse aus dem Weg geräumt: Atlético war gegen den FC Valencia und den FC Liverpool erfolgreich gewesen, Fulham gegen Titelverteidiger Donezk, Juventus Turin, den deutschen Meister aus Wolfsburg und den HSV. Und die Engländer hatten auch am Mittwoch eine Antwort. Wieder war es Davies, der zu einem weiteren Direktschuss kam, Torwart de Gea war angesichts der kurzen Distanz diesmal ohne Chance.
Forlan wird zum Helden
Es war ein Ausrufezeichen, mit dem bis dahin nicht zu rechnen gewesen war. Und es schien die „Cottagers“ zu beflügeln. Nach der Pause entdeckten sie die Lust am Offensivfußball - und bestimmten zunehmend das Tempo. Wer anders als der nimmermüde Davies sollte den nächsten Volleyschuss abfeuern, de Gea im Atlético-Tor hatte seine liebe Müh und Not (60.). In jedem Fall war es der Startschuss zu einer packenden letzten halben Stunde der regulären Spielzeit. Beide Teams suchten bei nun empfindlicher Kälte und Hamburger Regen die Entscheidung. Zwingende Chancen allerdings brachten sie nicht mehr zustande - und so ging dieses Finale in die Verlängerung. Gelungene Aktionen gab es nun kaum noch.
Doch unmittelbar vor dem Pausenpfiff hätte Atlérico beinahe noch einmal den Schlüssel gefunden. Forlan durchlief die halbe Fulham-Abwehr, doch Agüero traf nur das Außennetz. In der 116. Minute war es dann aber doch so weit. Der Einsatz von Agüero an der Grundlinie wurde belohnt, seine Flanke erreichte Forlan, und der Uruguayer vollendete, wenn auch mit etwas Glück, zum 2:1.