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Euro 2012 Anpfiff auf Europas größter Baustelle

14.08.2009 ·  Polens Antwort auf die Weltwirtschaftskrise heißt Fußball. Die Europameisterschaft 2012 ist ein riesiges Konjunkturprogramm. Noch winken viele Aufträge für den Bau von Stadien, Straßen und Schienen.

Von Sven Astheimer, Warschau/Frankfurt
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Während viele europäische Regierungschefs im vergangenen Jahr milliardenschwere Konjunkturprogramme auf den Weg brachten, konnte sich der polnische Premier Donald Tusk relativ beruhigt zurücklehnen. Denn Polen bereitet sich längst gemeinsam mit dem Nachbarn Ukraine auf die Ausrichtung der Fußballeuropameisterschaft 2012 vor, weshalb schon vor Ausbruch der Finanzkrise umfangreiche Bau- und Infrastrukturmaßnahmen im Gesamtvolumen von rund 20 Milliarden Euro beschlossen wurden. Hegt der europäische Fußballverband noch arge Zweifel an den Fortschritten in der Ukraine, liegt Polen nach anfänglichen Schwierigkeiten drei Jahre vor dem ersten Anstoß alles in allem gut im Plan.

Dabei ist die Herausforderung für das größte der mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländer kaum zu überschätzen. Denn neben den sechs Stadienprojekten muss für die „Euro 2012“ quasi die gesamte Infrastruktur neu erschaffen werden, um die erwarteten 60 Millionen Tagestouristen zu den Spielorten zu befördern. Allein 11 Milliarden Euro sind für rund 1000 Kilometer an neuen Autobahnen und Schnellstraßen vorgesehen. Polens Staatsbahn PKP will rund 1000 Kilometer des völlig veralteten Streckennetzes sanieren. „Wir betreuen 365 Großprojekte“, sagt Sportminister Miroslaw Drzewiecki der F.A.Z. in Warschau. Wie viel davon dem Sportereignis zugerechnet werden können, lasse sich nicht sagen. „Wir hätten vieles sowieso machen müssen“, sagt Drzewiecki.

Eine gewaltige Bedeutung

Deshalb wurden alle Investitionen für die Euro auch von den Einsparungen ausgenommen, die die Regierung gerade am laufenden Haushalt vornimmt. Das Sportereignis genießt absolute Priorität, was sich in einem Euro-Sondergesetz ausdrückt, das verkürzte Entscheidungsverfahren beinhaltet. Auch werden alle Aufträge an private Unternehmen nur über öffentliche Zweckgesellschaften vergeben. „Das Turnier hat eine gewaltige Bedeutung für unser Land“, sagt der Sportminister, „wir möchten beweisen, dass wir das können.“

Für die Umsetzung haben sich die Polen nicht nur in Deutschland ausführlich nach den Erfahrungen mit der Weltmeisterschaft 2006 erkundigt. Deutsche Unternehmen sind auch an vielen Projekten maßgeblich beteiligt. Zbigniew Pszczulny vom Düsseldorfer Architekturbüro JSK erinnert sich noch an den Medienwirbel um die Ausschreibung für das Nationalstadion in Warschau. Vor allem das Dach, eine Art Visitenkarte jeder modernen Sportarena, das an die in der Region Masuren typischen Weidenkörbe erinnern soll, hat die Öffentlichkeit bewegt. Rein betriebswirtschaftlich rechne sich das 1 Milliarde Zloty teure Prestigeobjekt für JSK kaum, sagt Pszczulny. Besonders kostspielig sei der Kurssturz des Zloty im vergangenen Jahr um rund ein Drittel gegenüber dem Euro gewesen, denn die meisten der mehr als 100 beteiligten JSK-Mitarbeiter saßen in deutschen Büros und mussten in Euro bezahlt werden.

Doch als Türöffner ebnet das Nationalstadion den Weg zu künftigen Projekten. JSK hat auch die Pläne für den Bau der EM-Arena in Breslau entworfen, außerdem für den Neubau des dortigen Flughafen-Terminals sowie desjenigen in Danzig. Die neue „Baltic Arena“ in der Hafenstadt wird wiederum nach Plänen von RKW, einem weiteren deutschen Architekturbüro, entstehen. Beide Unternehmen verfügen über große Niederlassungen in Polen. Der österreichische Baukonzern Alpine, der als Generalunternehmer den Zuschlag für den Bau gleich dreier Stadien in Warschau, Danzig und Posen erhielt, bildet Arbeitsgemeinschaften mit polnischen Unternehmen.

Chancen für Sublieferanten

Der Breslauer Wirtschaftsanwalt Konrad Schampera hält dieses Vorgehen für sinnvoll. Zwar biete ein polnisches Tochterunternehmen oder die Zusammenarbeit mit einem einheimischen Partner dem deutschen Bewerber formell keine besseren Chancen in Ausschreibungen, sagt der Jurist. „In der Praxis erweist sich aber schon die Überwindung der Sprachbarriere als kaum zu überschätzender Vorteil.“ Das polnische Ausschreibungsrecht weise einige Besonderheiten auf und er erlebe immer wieder, dass deutsche Anbieter schlecht vorbereitet seien und deshalb bei der Vergabe den Kürzeren zögen.

Nach Ansicht von Heiko Steinacher von der Germany Trade and Invest (gtai) winken vor allem kleinen und mittleren Unternehmen noch interessante Aufträge in Polen, denn: „Wo die Großen der Baubranche sind, gibt's auch Chancen für Sublieferanten.“ Außerdem steht im kommenden Sommer noch die Entscheidung aus, welche 16 Städte den Zuschlag für eine der Trainingsbasen erhalten. Für den Bau der Sportanlagen sind umgerechnet rund 6 Millionen Euro vorgesehen, mit dem Ausbau des Umfelds (Hotels, Gastronomie) belaufen sich die Investitionen auf fast 25 Millionen Euro.

Europas größtes Sportanlagenprojekt

Für geradezu prädestiniert für den Mittelstand hält Steinacher das Projekt „Orlik“ - übersetzt „Kleiner Adler“ -, eine Anspielung auf Polens Wappentier. Der ursprüngliche Plan sieht vor, dass bis zur EM 2012 Kommunen einen neuen Sportplatz bauen. Die 3500 Quadratmeter großen Anlagen umfassen neben einem Kunstrasenplatz auch Umkleidekabinen, ein Basketballfeld, Flutlichtanlagen und sogar Videokameras, damit die Eltern via Internet ihren Nachwuchs im Blick haben, bis der Platzwart den Komplex um 23 Uhr abschließt. Sportminister Drzewiecki ist sichtlich stolz: „Das ist Europas größtes Sportanlagenprojekt.“ Die Mittel - ein Platz kostet 350.000 Euro - stammen zu zwei Dritteln aus dem Bundeshaushalt, entsprechend groß ist die Nachfrage. Bis April waren 500 Plätze fertiggestellt. Mittlerweile hat die Regierung das Programm auf 3000 aufgestockt, um dessen soziale Bedeutung gerade für ärmere Regionen zu betonen.

„Wir bauen hier nichts nur für die Euro“, hebt Marcin Hera, der Präsident der staatlichen Organisationsgesellschaft 2012, hervor. Der 35 Jahre alte frühere Shell-Manager nennt Polen „Europas größte Baustelle“ und weist auch auf die Möglichkeiten jenseits der Bau- und Infrastrukturprojekte hin, etwa in der Telekommunikation. So sollen etwa Polens uniformierte Dienste eine digitale Fernmeldetechnik im Wert von 200 Millionen Euro erhalten. Auch viele Projekte im Bereich der Dienstleistungen in und um die Stadien herum seien noch nicht ausgeschrieben. „Die Euro ist mehr als ein Fußballprojekt“, sagt Hera, „das ist ein Katalysator für das ganze Land.“

Informationen zu Ausschreibungen und Projekten im Internet unter www.2012.org.pl und www.gtai.de

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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