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Euro 2004 "Zizou", "Titi" und die Aufräumkolonne

10.06.2004 ·  Frankreichs Fußball hat wieder Freude an sich selber. Nicht einmal der bevorstehende Abgang des bei den Spielern beliebten Trainers Jacques Santini scheint die Stimmung zu beeinträchtigen.

Von Christian Eichler
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Robert Pires ist schon oft im Sommer zum Fußball nach Portugal gekommen. Nur war die Anreise nicht so komfortabel wie diesmal. "Jedes Jahr saßen wir wie die Sardinen hinten im Ford Escort, bei drückender Hitze, Papa am Steuer, Mama ständig dabei, uns zu beruhigen", schwärmt er dem Magazin "France Football" vor: "Das war ein Abenteuer, ein Fest!" 2000 Kilometer am Stück, jeden August, von Reims nach Ponte di Lima, von Nordfrankreich nach Nordportugal, der Heimat von Papa Antonio Pires.

Und dann die ganzen Ferien Fußball spielen und mit der Sippe aus Vaters Dorf fröhliche Tafelgelage feiern: Das mag wie eine im Gedächtnis verschmolzene Traumwelt aus Kindheitserlebnissen und Asterix-Lektüre klingen. Doch im Grunde sieht der Plan von Pires und seiner heutigen Reisegruppe in Portugal immer noch genauso aus: hinfahren, Spaß haben in der Gruppe, gut essen, gewinnen.

Glänzend eingespielt

Frankreichs Fußball hat wieder Freude an sich selber. Vor zwei Jahren war das anders, weil neben Zinedine Zidane auch dessen Partner Pires verletzt war und ohne das Duo im offensiven Mittelfeld der Esprit auf der Strecke blieb. Heute ist das WM-Debakel von 2002 als Betriebsunfall abgehakt. "Ein paar Spinnweben abgefegt", so Trainer Jacques Santini, schon gewann Frankreich wieder. Und ist nun fest davon überzeugt, als erstes Team einen Europameistertitel verteidigen zu können. Teilziele gibt es nicht: "Wir sind hier, um zu gewinnen", sagt Pires.

Man muß wirklich lange suchen, um etwas zu finden, das nicht für die Franzosen spricht. Sie haben "Zizou" und "Titi", wobei es sich nicht um zwei Comic-Figuren handelt, sondern um die beiden vielleicht weltbesten Spieler, Zidane und Henry. Sie sind glänzend eingespielt mit ihren kongenialen Partnern Pires und Trezeguet. Dahinter, im defensiven Mittelfeld, bilden Vieira und Makelele die gründlichste Aufräumkolonne Europas. Auch der Verlauf der Klubsaison spielte den Franzosen in die Hände.

Französische Schwächen

Für die meisten Spieler war schon Mitte April der Streß ausgestanden, weil ihre Teams in der Champions League früh ausschieden und in der Meisterschaft vorzeitig als Meister (Arsenal London) oder Verlierer (Juventus Turin, Real Madrid) feststanden. So blieben die späten Verletzungen aus, wie sie oft in den letzten zwei, drei Saisonspielen passieren. Dasselbe gilt allerdings auch für Auftaktgegner England, bei dem einige sich überzeugt äußern, die Franzosen ein zweites Mal zu treffen: drei Wochen später im Finale.

Wo sind die französischen Schwächen? Bliebe nur die Abwehr. Für den gerade in Liverpool entlassenen französischen Trainer Gérard Houllier ist sie "vielleicht diesmal die Achillesferse". Tatsächlich stemmt sich den gegnerischen Angreifern ein wahrer Methusalem-Komplex entgegen - mit Lizarazu, Thuram, Desailly und Torwart Barthez sind vier der fünf Positionen noch mit Weltmeistern von 1998 besetzt. Doch zeichnet sich für den einzigen Problemfall, den 36 Jahre alten Kapitän Desailly, die Lösung ab, daß Thuram für ihn neben Silvestre nach innen rückt und rechts der junge Gallas spielt. Ganz so gravierend sehen die Schwierigkeiten sowieso nicht aus. Die Franzosen haben seit elf Spielen kein Tor mehr kassiert. Solche Abwehrprobleme hätte mancher gern.

WM-Trauma im Kopf

Dafür trafen zuletzt die Stürmer nicht mehr. 0:0 gegen Holland, 0:0 gegen Brasilien, nur 1:0 im letzten Test gegen die Ukraine - aber das ist wohl weniger ein Zeichen für Ladehemmung als für ein Einstimmen aufs EM-Motto: Vorsicht geht vor. "Sie haben noch das WM-Trauma gegen Senegal im Kopf", glaubt Arsène Wenger, der französische Trainer von Arsenal London, "sie wären auch mit einem Unentschieden zufrieden." Anders als beim sorglosen Auftritt im WM-Debütspiel 2002, das die Afrikaner überraschenderweise 1:0 gewannen, wollen die Franzosen sich diesmal auch vom eigenen Überlegenheitsgefühl nicht zur Unvorsicht verführen lassen.

Nicht einmal der bevorstehende Abgang des bei den Spielern beliebten Trainers Jacques Santini scheint die Stimmung zu beeinträchtigen. Als er seinen Wechsel zu Tottenham Hotspur dem Team vor einer Woche mitteilte, gab es Unmut und Protest. Aber die Entscheidung ist für alle Seiten zu gut nachvollziehbar, als daß sie verbrannte Erde hinterließe. Der Verband wollte Santini eine Verlängerung nur abhängig vom Verlauf der EM geben.

Gehalt vervielfacht

Das ist verständlich, denn kurz vor der WM 2002 hatte man es anders gemacht, mit Roger Lemerre verlängert und diesen nach dem WM-Debakel und der Entlassung teuer entschädigen müssen. Ebenso plausibel, daß Santini nun lieber den Spatz in der Hand wählte, zumal der viel mehr im Schnabel hatte als die Taube auf dem Dach: Er wird mit dem Wechsel von Europas bester Nationalelf zu einem mittelmäßigen englischen Klubteam sein Gehalt vervielfachen. Bisher verdient er rund 600 000 Euro, kaum mehr als ein Zehntel des Jahressalärs von Englands Trainer Sven-Göran Eriksson, für das sein französischer Kollege "sogar nach England schwimmen würde".

Nun kann er ruhig fliegen, erster Klasse. Und denen, die von seinem Abgang nach England eine negative EM-Wirkung erwarten, eine schöne Statistik vorweisen. Vor der Europameisterschaft 1984 stand fest, daß Michel Hidalgo, und vor der WM 1998, daß Aimé Jacquet gehen würde. Frankreich wurde Europa- und Weltmeister.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.06.2004, Nr. 133 / Seite 35
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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