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Essener Georg-Melches-Stadion : Hier stirbt ein Stück Ruhrgebiet

Eleganz in Stahlbeton: Das Essener Georg-Melches-Stadion steht vor dem Abriss Bild: ruhrspecht

Wo „Ente“ Lippens trickste, Pelé zauberte und Özil reifte, steht bald kein Stein mehr auf dem anderen. Das Georg-Melches-Stadion von Rot-Weiss Essen wird abgerissen.

          Im Essener Norden sieht das Ruhrgebiet noch aus, wie es nicht in den neuen Reiseführern steht. S-Bahn-Station Essen-Bergeborbeck: Putz bröckelt von den Wänden, Unkraut sprießt zwischen den Betonplatten, die Fassade ist besprüht. Oben vom Bahnsteig aus geht der Blick in die Hinterhöfe einer ungeordneten Stadtlandschaft, zerschnitten von Straßen und Schienentrassen. Kurze Häuserzeilen wechseln mit Restflächen und Brachen, Gebrauchtwagenhändler, Speditionen und Lagerflächen haben sich breitgemacht, dazwischen eine Tankstelle, Kneipen, ein McDonald’s-Drive-In und ein Autokino, das samstags zum größten Automarkt Europas wird, im Hintergrund der Stadthafen am Rhein-Herne-Kanal mit seinen Kränen, Silos, Kohlehalden.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Fördertürme stehen hier schon lange keine mehr, die Schächte der Zechen sind verschüttet, ihre Tagesanlagen abgerissen, nur Namen wie „Gewerbegebiet Emil-Emscher“ oder „Carolus Magnus Straße“ erinnern an sie. Die Gegend, von der Schwerindustrie gezeichnet und verlassen, hat bessere Zeiten gesehen, und ihre größte Attraktion, ein „Magnet der Massen“, auch: das Georg-Melches-Stadion von Rot-Weiss Essen.

          Als das Stadion an der Hafenstraße, wie es damals hieß, 1957 seine neue Haupttribüne einweihte, war das Ausdruck von Führungsanspruch und Belohnung für sportlichen Erfolg: 1953 hatte Rot-Weiss Essen den Pokal, 1955 überraschend - 4:3 gegen den 1. F.C. Kaiserslautern - die Meisterschaft gewonnen, und im Jahr dazwischen hatte sein bekanntester Spieler, der „Boss“ Helmut Rahn, Deutschland in Bern zum Weltmeister geschossen. Für ein paar Jahre konnte der Verein mit den Revierrivalen Borussia Dortmund (Meister 1956 und 1957) und Schalke 04 (Meister 1958) mithalten. Goldene Jahre, die nicht wiederkamen.

          Das Essener Stadion war das modernste weit und breit: Im August 1956 wurde hier das erste Flutlicht im Fußballwesten angeschaltet, und die Haupttribüne mit 4500 Plätzen, eine elegante Stahlbetonkonstruktion auf leicht geschwungenem Grundriss, war die erste, deren frei schwebendes Dach über siebzehn Meter ohne die Sicht behindernde Stützen auskam. Auch ihre Multifunktionalität setzte Maßstäbe: Unter den Zuschauerrängen sind auf drei Stockwerken (und zweitausend Quadratmetern) eine Gaststätte, die Geschäftsräume, Spielerappartements, ein begehbares Kühlhaus, Umkleidekabinen, die medizinische Abteilung, eine Sporthalle, eine Sauna, zwei Entmüdungsbecken und die Wohnung des Stadionverwalters eingebunden. Sogar mit der Spielstätte des FC Arsenal wurde das Stadion damals verglichen: „deutsches Highbury“.

          Langer Abschied von einer Kultstätte

          Die Investitionen sind dem Engagement eines Mannes geschuldet, der den Verein mit Weitblick führte und viel mit ihm vorhatte: Georg Melches. Der 1893 geborene Sohn eines Betriebsführers auf der Zeche Emil-Emscher schnürt schon 1907 für den - von ihm und seinem Vater gegründeten - Vorgängerverein SV Vogelheim, der nach mehreren Fusionen 1923 zu Rot-Weiss Essen wird, die Fußballschuhe und spielt bis 1927 in der ersten Mannschaft. Auch beruflich bringt er es weit: Nach Praktika unter Tage und auf der Kokerei Helene steigt er zum Prokuristen, später zum kaufmännischen Direktor und Vorstandsmitglied eines weltweit tätigen Unternehmens auf, das Koksöfen und Kokereien baut.

          Nach dem Krieg setzt er seine Karriere fort und versteht es, immer wieder Spieler nach Essen zu lotsen, indem er ihnen Lehrstellen oder Arbeitsplätze in örtlichen Firmen vermittelt und, beruhigend für die Eltern, eines der vier Zimmer unter der Tribüne anbietet. Neben Franz Kremer, dem Präsidenten des 1. FC Köln, gehört Melches früh zu den Befürwortern der Bundesliga, hinter der der Deutsche Fußball-Bund damals nicht so geschlossen stand, wie er heute gern glauben macht. Ihren Anstoß, der ohne Rot-Weiss Essen stattfindet, erlebt er nicht mehr: Melches stirbt am 24. März 1963, im Jahr danach erhält das Stadion seinen Namen.

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