Fabio Capello hat einen eindrucksvollen Lebenslauf als Trainer. Das half ihm vor neun Monaten, den bestbezahlten Job seiner Zunft zu erhalten. Nun hilft es ihm nicht mal mehr gegen Häme vom anderen Ende der Fußball-Hierarchie. „Englische Medien machen sich über Andorras Spieler lustig, weil sie keine Profis sind und einige von ihnen Berufe außerhalb des Fußballs haben“, sagte David Rodrigo, der Trainer von Andorra, gegen dessen Team sich die englischen Stars am Samstag zu einem 2:0 gequält hatten. „Aber diese elf Kerle schaffen es, dass die englischen Fans sich gegen ihr eigenes Team wenden. Was bedeutet das? Es bedeutet: Wenn Andorra es schafft, elf Profis auf den Platz zu bekommen, wird England verlieren.“
Neun Monate England, es ist die Halbwertzeit für den Ruf des Welttrainers Capello. Er braucht an diesem Mittwoch in Zagreb gegen Kroatien eine Trendwende – gegen jenes Team, das England mit zwei Siegen aus der EM-Qualifikation warf und Capellos überforderten Vorgänger Steve McClaren den Job kostete. Die anfängliche Hoffnung, dass der Neue ihr Nationalteam endlich erwecken werde, ist bei den Engländern schon wieder ganz schwach geworden.
Aus Siegertypen werden Mitläufer - auch unter Capello
„Die Revolution ist ausgeblieben“, schrieb der „Guardian“ und klagte: „Es gab den Glauben, dass der Italiener jenes Team, das unter McClaren so elend scheiterte, drastisch verändern würde. Aber, wenn überhaupt, ist der Status quo geblieben.“
In neun Monaten hat Capello knapp fünf Millionen Pfund verdient, sonst hat sich nicht viel getan. Es sind dieselben Gesichter im Team, selbst Beckham ist noch dabei. Es ist dasselbe Rätsel, wie aus Siegertypen der Champions League Mitläufer im Nationalteam werden. Und es sind nun auch noch dieselben Gegner, in der WM- wie schon vorher in der EM-Qualifikation, zumindest zu Beginn: Andorra und Kroatien.
Verzweifelt der Stratege an der taktischen Einfalt?
Und zumindest Teil eins verlief ohne jeden Fortschritt. Vor anderthalb Jahren hatte sich McClarens Team nach torloser erster Hälfte zu einem 3:0-Sieg in Barcelona gegen den Fußballzwerg gezittert, ausgebuht von den eigenen Fans. Nun, unter Capello, derselbe Ort, derselbe Gegner, dasselbe Bild: 0:0 zur Pause, am Ende ein kläglicher Sieg, buhende Fans.
Aufgebracht ruderte Capello mit den Armen, schlug sich bei den tempo- und ziellosen Passfolgen seines Teams zornig die Faust in die offene Hand. Die viel zu weit zurückhängenden Offensivleute Rooney und Cole blaffte er an, fassungslos wie ein Schulmeister, dessen Viertklässler das kleine Einmaleins vergessen haben. Verzweifelt hier der Großstratege des kontinentalen Klubfußballs an der ewigen taktischen Einfalt englischer Kicker?
Die Stürmer treffen nicht
Nein, Capello sah es anders: Gemein, wie defensiv die Andorraner spielten! Für den Kollegen Rodrigo war das eine Vorlage: „Herr Capello sagt, er verstehe Andorras defensive Taktik nicht. Nun, er kann ja versuchen, Andorra zu coachen, und ich werde versuchen, England zu coachen. Ich bin sicher, wir werden Andorra höher schlagen als 2:0.“
Immerhin, einige zarte Fortschritte hat Capello bewirkt, zumindest statistisch. Unter ihm hatte England bisher mehr Ballbesitz als jeder Gegner. Und es gab nur halb so viele Tacklings wie zuvor. Zeichen einer zarten Modernisierung, die sich in Resultaten aber noch nicht äußert. Die Stürmer treffen nicht, nur gegen Trinidad gelang ein Stürmertor, und der einzige englische Angreifer, der in den letzten zehn Jahren halbwegs verlässlich war, Michael Owen (40 Tore in 89 Länderspielen), fehlt wegen Formschwäche nach Verletzungen und Mumps.
Der Neue ein Mann aus einer untergehenden Fußballwelt
Fast schon verzweifelt erscheinen Capellos seltene Versuche, die erstarrte Gruppendynamik im Kader aufzubrechen. So nominierte er, als Ersatz für die verletzten Gerrard, Hargreaves und Carrick, den Mittelfeldspieler Jimmy Bullard, der sich vor der Weltmeisterschaft 2006 dank einer deutschen Großmutter sogar als möglicher deutscher Nationalspieler ins Gespräch bringen wollte – was Jürgen Klinsmann dankend ablehnte. Nun hat er es in England geschafft, er steht vor einem Debüt als Nationalspieler, und das nach sechzehnmonatiger Verletzungspause und keine zwei Monate vor dem dreißigsten Geburtstag. Verjüngung sieht anders aus.
Und doch, vielleicht bringt Bullard etwas Neues. Der Mann vom FC Fulham stammt aus einer anderen, untergehenden Fußballwelt: einer, der sich noch hocharbeiten musste, anders als die Starkollegen, die schon als Jungkicker mit Luxusverträgen verhätschelt wurden. Bullard verdiente als Jungprofi beim Sechstligaklub Gravesend & Northfleet keine 350 Euro im Monat und musste nebenher als Maler und Dekorateur arbeiten. Ist er die Lösung für England: endlich ein Fußballer aus dem richtigen Leben? Vielleicht verpasst er einem farblosen Team einen neuen Anstrich.