Ein Achtzehnjähriger, der sich am liebsten in schrille Designerklamotten wirft - trägt der freiwillig ein Hemd, das ihm ein Opa gab? Kein Problem für Cristiano Ronaldo. Schließlich ist es die coolste Arbeitskleidung der Welt. Der junge Portugiese kam diesen Sommer von Sporting Lissabon zu Manchester United, und Trainer Alex Ferguson gab ihm das rote Trikot mit der Nummer sieben. So etwas ist im Mutter- und Mythenland des Fußballs alles andere als eine belanglose Zahlenzuteilung. Es ist fast schon ein politisches Statement. Denn die Nummer sieben trugen die größten Volkshelden des heute populärsten Klubs der Welt - George Best, Eric Cantona und, bis diesen Sommer, David Beckham.
Daß Ferguson nicht nur bereit war, rund 18 Millionen Euro, den halben Erlös aus dem Beckham-Verkauf, in einen Burschen von der Blumeninsel Madeira zu investieren, sondern ihm auch die bekannteste Sieben der Insel neben der von James Bond zu geben, ließ die Erwartungen vor dem ersten Auftritt des Cristiano Ronaldo in fast schon ungesunde Höhen steigen. Fürs erste erfüllte er sie mühelos. Die 29 Minuten, die er im Heimspiel gegen Bolton als Einwechselspieler debütierte, brachten ein Feuerwerk juveniler Fußballkunst - aus einem wackligen 1:0 wurde ein triumphales 4:0 und aus einem unbekannten Debütanten, so Ferguson, "ein neuer Publikumsliebling".
Einige reden schon vom "neuen George Best". Mit dem legendären Dribbler aus Belfast verbindet den Jungstar aus Funchal eine Neigung, seine Gegenspieler provozierend schlecht aussehen zu lassen mit Fummeln, Finten und Finessen. Der Vergleich ist natürlich noch übertrieben. Doch mit etwas Glück können die 47 000 Zuschauer an diesem Abend im Gottlieb-Daimler-Stadion irgendwann sagen, sie seien dabeigewesen - beim Champions-League-Debüt eines kommenden Weltstars. Auf jeden Fall sollte sich das Warten auf seine erwartete Einwechslung lohnen. "Einer der aufregendsten jungen Spieler, die ich je sah", urteilt Ferguson, der mit der Verpflichtung Real Madrid und Chelsea London zuvorkam - noch eher war sein Dauerrivale Arsène Wenger da, doch der konnte den Kauf nicht finanzieren, weil Arsenal London für ein neues Stadion sparen muß.
"Ein extrem begabter Fußballer", sagt Ferguson, "ein beidfüßig starker Angreifer, der überall spielen kann, links, rechts, durch die Mitte." Links wirbelte er gegen Bolton, rechts spielte er Arsenals Nationalspieler Ashley Cole so schwindlig, daß sich bald noch ein zweiter Verteidiger um Ronaldo kümmern mußte. Kürzlich machte er sein erstes Länderspiel für Portugal; die EM 2004 in der Heimat könnte seine Bühne werden. Im Marketing-Königreich von Manchester United, das am Dienstag einen Rekordjahresgewinn von 39,3 Millionen Pfund (rund 57 Millionen Euro) bekanntgab, scheint Ronaldo jr. wie geschaffen für die Neubesetzung der Beckham-Planstelle. Vorerst hat er sich schon im selben Ort einquartiert. In Alderley Edge, wo Beckham sein schloßähnliches Anwesen bewohnte, kaufte sich die neue Nummer sieben ihr erstes Apartment.
Er ist ein anderer Spielertyp als Beckham, eher eine Kreuzung aus Figo und Ronaldo: leichtfüßig und geschickt, dazu groß und wuchtig genug, um im körperlichen englischen Spiel zu bestehen. Angst hat er nicht, sonst zöge er sich nicht die schwarzen Stutzen so hoch über die Knie und die weißen Socken wie Stulpen darüber, daß diese ballettartige Anmutung auf weniger kunstsinnige britische Verteidiger wie eine Aufforderung zum Zutreten wirken muß. Anderen Teenagern wäre wohl auch das Herz in die Hose gerutscht, hätte man sie mit den Insignien der Megastars - dem Namen von Ronaldo und der Nummer von Beckham - vor 67 000 Menschen in den Tempel Old Trafford geschickt. Er aber spielte drauflos, als wär's ein Kick am Strand. Kurz darauf meldete sich Beckham aus Madrid und gab seinen Segen: "Meine Nummer sieben ist bei ihm gut aufgehoben." Nur ein Torjäger ist er noch nicht; nur drei Treffer in 25 Spielen für Sporting Lissabon, noch keiner für Manchester. Dafür haben sie ja einen anderen, der die bundesligafeste Stuttgarter Abwehr einem internationalen Härtetest unterziehen wird. Ruud van Nistelrooy zeigte sich am Samstag von seinem verschossenen Elfmeter und den Nackenschlägen der Gegenspieler im Spitzenspiel gegen Arsenal bestens erholt und erzielte beim 4:1 in Leicester drei Tore - seine Treffer 85 bis 87 im 110. Spiel für United. Doch Ferguson dürfte klar sein, daß die Offensive des englischen Meisters ohne den Holländer recht harmlos aussähe: Solkskjær am Knie operiert, Giggs schwankend, Forlan ein Fehlkauf, dazu ein - mit Ausnahme des zuletzt verletzten Scholes - wenig torgefährliches Mittelfeld. Giggs fordert: "Wir können uns nicht nur auf Ruud verlassen." Zumal der nach 18 verwandelten Elfmetern zuletzt drei verschoß. "Ruud wird auch den nächsten schießen", befiehlt Ferguson dennoch. "Und er wird ihn reintun." Die Feldtore sollen aber ruhig mal andere machen: eine schöne Aufgabe für den neuen Ronaldo.