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England : Befreit vom Hooligan-Terror

Fußballstadion in Newcastle: Keine Zäune, keine Stehplätze, teure Eintrittspreise Bild: dapd

Kein Alkohol, numerierte Sitzplätze, Videoüberwachung. „Zero Tolerance“, lautet das Schlagwort in England. Drei Katastrophen waren für das Umdenken nötig.

          Anders als in der Bundesliga gibt es in englischen Stadien kein Bier und keine Stehplätze mehr. Altmodische Fans finden, das gehe auf Kosten der Stimmung. Aber das ist ein schwaches Argument angesichts der Seuche der Gewalt in Englands Stadien bis in die 90er Jahre hinein. Auch heute gibt es dann und wann noch Krawalle, vor allem bei manchen Problem-Derbys. Etwa 2009 die Jagdszenen zwischen den Fans von West Ham United und FC Millwall. Oder Anfang 2011, als ein junger Sunderland-Fan auf den Platz rannte und Steve Harper, den Torwart von Newcastle United, niederschlug.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch das sind Einzelfälle. Der systematische Hooligan-Terror der 70er und 80er wurde ausgerottet. Der Liverpooler Fußballpsychologe Clifford Stott hat festgestellt, dass Gewalt-Fans, denen die Möglichkeit zum Austoben genommen wird, „nach einer Weile nicht mehr zu den Spielen kommen, weil sie sich langweilen“. Sie haben das Feld geräumt für jene, denen der Fußball als Unterhaltung genug ist - darunter eine wachsende Zahl an Frauen und Kindern.

          Wegmarken: Bradford, Brüssel, Sheffield

          Für diesen Wandel waren drei Katastrophen nötig: 1985 das Tribünen-Inferno von Bradford, bei dem 56 Menschen verbrannten; kurz danach die Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion, als 39 Zuschauer auf der Flucht vor Liverpooler Hooligans starben; 1989 das Drama im Hillsborough-Stadion von Sheffield, wo auf einer überfüllten Tribüne 96 Menschen zu Tode gedrückt wurden. Der Bericht des Lord-Richters Taylor, eingesetzt zur Rettung des britischen Fußballs, listete ein Jahr später 76 Vorschläge auf. Einer davon: nur noch Sitzplätze. Ein anderer: keine Zäune mehr. Seitdem wurden mehr als dreißig neue Stadien und über 200 Tribünen gebaut.

          „Zero Tolerance“, so lautet das Schlagwort, mit dem Englands Fußball die Kurve kriegte. Es gelten strikte Regeln und strenge Rechtsprechung. So ist Alkohol nicht nur im Stadion verboten, schon im Bus oder Zug auf dem Weg dorthin. Die numerierten Sitzplätze verhindern Zusammenrottungen von Hooligans, wie sie auf den Stehplatztribünen möglich war. Auf Sitzplatztribünen kann sich auch niemand in der Menge verstecken, sie werden per Videokamera überwacht. Wer gegen die Regeln verstößt, riskiert einen Platz im Register derer, die für mehrere Jahre kein Stadion mehr betreten dürfen. Die Drohung wirkt. Von denen, die eine Stadionsperre verbüßt haben, werden weniger als fünf Prozent rückfällig. Zugleich tritt die Polizei längst nicht mehr so martialisch auf wie in den Schlachtengemälden der Hooligan-Ära. Viele Spiele der 92 englischen Profiklubs kommen mittlerweile ohne Polizeipräsenz aus.

          Nicht mehr Geisel der Fußballfans

          Die „Versitzplatzung“ des englischen Fußballs hat diesen sozial verändert. Weil Sitzplätze mehr Raum beanspruchen, konnten die meisten Klubs weniger Tickets verkaufen als vorher oder mussten in neue Tribünen investieren. Aufgefangen wurde das durch erhöhte Eintrittspreise. 2010 betrug der Durchschnittspreis für ein Ticket der Premier League 44 Euro, fast doppelt so viel wie in der Bundesliga. Das führte dazu, dass das klassische Publikum der Arbeiterklasse mehr und mehr einem gesetzten bürgerlichen Publikum wich, was die Stimmung manchmal steril macht. Als positiver Nebeneffekt aber verschwanden aus Kostengründen vermehrt auch die Hooligans, die zuvor auf den billigen Stehplätzen ihr Unwesen getrieben hatten.

          Heute ist die englische Zivilgesellschaft nicht mehr die Geisel der Fußballfans. In diesem Sommer war es sogar umgekehrt - als wegen der Unruhen in London der Saisonauftakt von Tottenham und das Länderspiel zwischen England und Holland in Wembley abgesagt werden mussten. Der englische Fußball hat sich weitgehend zivilisiert - nur noch nicht das Verhalten einiger Nationalspieler, wie bei Wayne Rooney, der nach seinem Ausraster in Montenegro für die EM-Vorrunde gesperrt ist, oder bei Kapitän John Terry, gegen den wegen rassistischer Ausfälle ermittelt wird. Aber so herum ist es besser: Englands Fans benehmen sich heute besser als ihre Stars.

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