Die Ära Klinsmann ist mit zwei großen Rückschlägen verbunden. Das 1:4 in Florenz im März 2006 gegen Italien und das 0:2 in Bratislava im September 2005 gegen die Slowakei erschütterten das Vertrauen in den Fußball-Erneuerer nachhaltig.
Eine erfolgreiche Heim-WM schien vielen Kritikern nach diesen armseligen Vorstellungen der deutschen Nationalmannschaft nicht mehr möglich. Was folgte, ist bekannt: ein einziger Triumphzug durch Deutschland, Klinsmanns Rücktritt, obwohl er Heldenstatus erreicht hatte und die Fortsetzung der Siegesserie durch seinen Nachfolger Joachim Löw. Kaum zu glauben, einfach märchenhaft, wie sich das sportliche Schicksal des Nationalteams seit jenen bitteren Stunden entwickelt hat.
Ballack warnt vor Zufriedenheit
Jetzt ist die deutsche Auswahl nach Bratislava zurückgekehrt, um an diesem Mittwoch (20.45 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) gegen die Slowakei den dritten Schritt zur Qualifikation zur Europameisterschafts-Endrunde 2008 in Österreich und der Schweiz zu machen. Und die Frage stellt sich, ob dieses stabile Fußball-Hoch auch am Ort der bösen Erinnerung bestand hat.
Vor allem Mannschaftskapitän Michael Ballack hat sich diese Frage gestellt - und er hat gewarnt, vor Selbstzufriedenheit und vor dem starken Gegner. „Das sind doch die gefährlichsten Situationen im Sport: Wenn man selbstbewußt auf einen Gegner trifft, der ebenfalls gut drauf ist, der aber einen nicht so bekannten Namen hat und es einem unbedingt beweisen will.“ Ein paar Prozent weniger Konzentration, ein paar Nachlässigkeiten, die sich einschleichen - und schon sei sie da, die Niederlage.
Kein Raum für Zweifel
Es ist lange her, daß im Kreise der deutschen Nationalmannschaft das Wort Niederlage in den Mund genommen wurde. Seit Klinsmann und Löw die Regie übernahmen, war es tabu. Optimismus hieß die heilbringende Formel, die keinen Zweifel Raum gab. Ballacks Warnung darf auch als Zeichen von wahrer Stärke genommen werden. Die Zeiten sind vorüber, in denen das Team unter allen Umständen starkgeredet werden mußte. „Wir sind viel reifer und stabiler geworden seit dem 0:2“, sagte denn auch Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag nach der Ankunft in Bratislava.
Über die Begegnung vor einem Jahr werde er keine Worte mehr gegenüber der Mannschaft verlieren. „Fünf, sechs Spieler sind nicht mehr dabei, es macht keinen Sinn, noch mal speziell auf die Niederlage einzugehen“. So eine Leistung wie damals werde die Mannschaft nicht mehr abliefern (Siehe auch: 2:0 gegen Georgien: Lob für Debütanten, Kritik an Podolski).
Hilfestellung in einer schwierigen Situation
Ballack behauptet, bisher keine Anzeichen von Selbstzufriedenheit ausgemacht zu haben, dies sei nicht sein Beweggrund für seine Wachsamkeit fordernden Sätze gewesen: „Ich meinte die Tabellensituation. Eine Niederlage könnte viel kaputtmachen.“
Der Mannschaftskapitän wies jedoch auch daraufhin, daß Warnungen verschieden interpretiert würden. Und vielleicht ist ihm das manchmal gar nicht so unlieb. Nachdem der 30 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Chelsea am Montag Lukas Podolski unter anderem darauf hingewiesen hatte, mit seiner fußballerischen Entwicklung nicht zufrieden sein zu können, verkaufte er es am Tag darauf als eine Art Hilfestellung in einer schwierigen Situation.
Mahnungen und Warnungen
Kritik am Bayern-Jungstar? „Auf keinen Fall.“ Nur ein Hinweis, daß die volle Konzentration auf die tägliche Trainingsarbeit den Kopf freimache, die Sicherheit zurückbringe. „Als Stürmer ist es gar nicht so schlecht, sich auf dem Platz nicht zu viele Gedanken zu machen. Aber neben dem Platz muß das geschehen.“ Als Ballack bewußt wurde, daß das schon wieder nach Kritik klang, schickte er die Bemerkung hinterher: „Wir wissen alle, wie sehr Lukas alles dem Fußball unterordnet.“ Welcher Teil der widersprüchlichen Aussage wohl eher seiner Überzeugung entsprang? (Siehe auch: EM-Qualifikation: Slowakei setzt Zeichen, Trainerdiskussion in Spanien).
Löw schlüpfte überzeugender in die Rolle des Podolski-Verteidigers. „Er ist ein Juwel, eines der größten deutschen Talente seit vielen Jahren. Wir alle stehen in der Pflicht, Lukas in Schutz zu nehmen.“ Für den Bundestrainer zählen schwächere Leistungen in manchen Begegnungen zur normalen Entwicklung eines 21 Jahre alten Profis. Auch die Rote Karte wegen einer Tätlichkeit am Samstag im Spiel gegen Georgien nimmt er ihm nicht übel. „Das ist nicht schlimm, Lukas wird daraus lernen.“ Er werde ihm die Unterstützung geben, die ein junger Spieler gerade in einem Tief brauche.
Oliver Neuville wieder fit
Das kann nur bedeuten, daß Podolski an diesem Mittwoch in der deutschen Anfangsformation stehen wird, obwohl sich Oliver Neuville nach seiner Achillessehnenreizung wieder fit gemeldet hat. Da Podolski in einem „Freundschaftsspiel“ vom Platz flog, ist er nur für diese Art von Spielen gesperrt. Ein Tor des Stürmers wäre das beste Beruhigungsmittel für ihn.
Die Slowaken haben derzeit überhaupt keinen Diskussionsbedarf im Sturm. Nach sechs Treffern gegen Zypern schossen die Nürnberger Bundesligaprofis Vittek und Mintal in Cardiff Wales 5:1 ab. „Eindrucksvoll“, gab Löw zu. „Der Gegner hat seine Durchschlagskraft bewiesen, wir wissen, es wird ein echter Härtetest.“ Aber eingeschüchtert sei seine Mannschaft keineswegs. „Wir gehen davon aus, daß wir gewinnen.“ Und wenn nicht, dann wird es nach all den Warnungen sicher nicht daran gelegen haben, daß aus Selbstsicherheit Selbstzufriedenheit geworden ist.
Podolski
gisbert heimes (gisbert4)
- 11.10.2006, 12:29 Uhr