Am Montagnachmittag waren die vier Unglücklichen schon nicht mehr dabei. Marc-André ter Stegen, Julian Draxler, Sven Bender und Cacau fehlten, als Joachim Löw seine Nationalspieler in Tourrettes zur zweiten Einheit des Tages bat.
Für sie hatte der Bundestrainer keinen Platz in seinem endgültigen Kader für die EM, wie er ihnen im Laufe des Montags in persönlichen Gesprächen offenbart hatte. 23 Spieler darf er auf die Liste für den europäischen Verband (Uefa) setzen. Und Löw verzichtete darauf, die Frist bis zum Ende auszureizen. Erst an diesem Dienstag, bis 12 Uhr, hätte das Aufgebot die Uefa erreichen müssen.
Eine ganz große Überraschung war nicht unter den Namen der Gestrichenen – alle vier hatten als Wackelkandidaten gegolten. Besonders bitter aber ging die gut zweiwöchige Vorbereitungszeit damit für einen zu Ende: Marc-André ter Stegen.
Nicht, weil er sich nun als größter Verlierer fühlen müsste. Das kann man bei einem 20 Jahre alten Torwart, dem mutmaßlich eine glänzende Zukunft bevorsteht, ganz bestimmt nicht sagen. Aber schon zwei Tage vorher, beim 3:5 gegen die Schweiz in Basel, war vieles gegen den Mann von Borussia Mönchengladbach gelaufen.
Eigentlich hatte es ein ganz besonderer Abend für ihn werden sollen. Das erste Länderspiel, noch dazu von Beginn an – das verhieß ebenso süßen wie verdienten Lohn für eine herausragende Bundesliga-Saison im Gladbacher Trikot und eine bis dahin durchweg überzeugende Vorstellung in den Trainingslagern der Nationalmannschaft.
Am Samstagabend aber schlich dann einer vom Rasen des St.-Jakob-Stadions, dem die Laune gründlich vermiest worden war. Dass seine oft orientierungslosen Vorderleute ihm keine große Hilfe waren, wäre ja noch zu verkraften gewesen.
Aber weil er sich selbst ein paar Mal zu oft vergriff mit seinen Aktionen, endete der Abend für ihn verständlicherweise im Hader. „Verzweifelt“, sagte er, sei vielleicht das „falsche Wort“. Aber: „Ich bin sehr enttäuscht, auch von mir.“
Der Bundestrainer hatte sich danach noch keinen Fingerzeig im Hinblick auf die Nominierung entlocken lassen. Er kritisierte zwar, dass ter Stegen „in der einen oder anderen Situation unglücklich ausgesehen“ habe, stärkte seinem traurigen Debütanten aber auch den Rücken.
„Er muss den Kopf nicht hängen lassen. Er wird seinen Weg machen.“ Das scheint tatsächlich gewiss bei einem, der so viel Talent mitbringt und so früh eine solche Gemütsruhe ausstrahlt. Nur geht es jetzt eben ein bisschen langsamer, als es während der vergangenen Woche noch möglich schien.
Da hatte Löw allen drei Kandidaten, die in Abwesenheit von Manuel Neuer mit dem deutschen Team trainierten, Tim Wiese, Ron-Robert Zieler und ter Stegen, „überragende“ Leistungen bescheinigt. Und so schien es nicht unrealistisch, dass ter Stegen einen der Plätze würde erkämpfen können.
Zugleich allerdings hatte der Bundestrainer die Erwartungen der Jugend schon etwas gedämpft, als er die EM-Vorbereitung auch zu einem Schnupperkurs für Hochtalentierte erklärte. „Der eine oder andere jüngere Spieler wird auf das vorbereitet, was in Zukunft kommt“, sagte Löw und fügte hinzu, wie wichtig es ihm sei, den einen oder anderen „18- oder 19-Jährigen im Umfeld zu haben“, um ihn „auf weitere Turniere vorzubereiten“.
Dass die Nominierung immer als Streichung gesehen werde, sei ihm deshalb „ein bisschen zu negativ“. Der Bundestrainer wollte lieber die „Chance“ in den Vordergrund rücken, „zwei Wochen auf allerhöchstem Niveau zu trainieren“. Insofern passte es dann doch ins Bild, dass ter Stegen und der 18 Jahre alte Schalker Draxler, der als Löws Überraschungsgast im vorläufigen Kader aufgetaucht war, am Ende außen vor blieben.
Hoffnungen, wenn schon nicht jetzt, dann zumindest in der Zukunft eine Rolle beim DFB-Team zu spielen, darf sich neben Draxler und ter Stegen natürlich auch noch der Dortmunder Sven Bender machen. Den Ausschlag für dessen Zwillingsbruder Lars dürfte gegeben haben, dass Löw den Leverkusener für etwas vielseitiger hält. Für Cacau hingegen gilt das alles nicht.
Mit 31 Jahren geht seine Zeit im Nationalteam zu Ende. Dass er den Cut nicht schaffte, hatte vor allem damit zu tun, dass Löw eine andere Lösung für die Rolle des Jokers im deutschen Team ausgemacht hat: den Gladbacher Marco Reus. In Basel, an diesem Abend zum Vergessen, war er noch der Einzige, der Werbung in eigener Sache hatte betreiben können.
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