06.09.2011 · Polen will sich bei der EM als sympathischer Gastgeber präsentieren. Doch selbst der Ministerpräsident warnt vor den Krawallmachern. Für die Regierung ist die Bekämpfung der Gewalt eine nationale Aufgabe.
Von Michael AshelmDer polnische Ministerpräsident weiß, wovon er spricht. In seinen Jugendjahren war Donald Tusk Mitglied eines Fanklubs und stimmte im Stadion für seinen Heimatverein Lechia Danzig Fußballgesänge an. Gerne erinnert sich Tusk auch an spätere Zeiten, als Fußballspiele von den Zuschauern zur politischen Manifestation für Solidarnosc und Lech Walesa und gegen die kommunistische Staatsmacht genutzt wurden. Von solch engagierten, aber friedlichen Meinungsbekundungen können die Polen heute in ihren Stadien nur träumen. Die Realität zeigte zuletzt ein Bild voller Gewalt und Chaos, dass der Ministerpräsident zeitweise sogar die Mitausrichtung der Europameisterschaft im nächsten Jahr nicht mehr garantieren wollte. „Vereine und Fanorganisationen haben zugelassen, dass sich auf den Tribünen Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle unter die Zuschauer mischen“, sagte Tusk in drastischen Worten.
Ein von Sicherheitskräften und Polizeibehörden vielbeachteter Test findet an diesem Dienstag in Danzig statt, wenn die deutsche Nationalelf in einem Länderspiel auf die Auswahl des polnischen Fußballverbandes treffen wird. Nicht nur, dass die eigenen Hooligans den Anlass wieder zu einem gefährlichen Aufmarsch nutzen könnten, auch die gefürchteten Tätergruppen aus Deutschland planen aller Voraussicht nach einen Kurztrip über die Grenze - ein wahrer EM-Probelauf. „Die Zahl deutscher Problemfans, die gewaltbereit sind, lag bei den letzten Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft in Brüssel und Wien bei mehreren Hundert. Hinzu kommen natürlich noch Mitläufer und Sympathisanten, die sich je nach Situation anschließen können“, sagt Ingo Rautenberg. Er ist Leiter der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis), die zur Polizei in Nordrhein-Westfalen gehört und Fußball-Gewalttäter bundesweit beobachtet.
Nicht zuletzt die Warnung des polnischen Ministerpräsidenten hat dafür gesorgt, dass die Probleme in den Köpfen der Verantwortlichen auf allen Seiten präsenter sind als je zuvor. Sogar der Europarat in Straßburg ist aufmerksam geworden und fördert aufgrund der Gefahrenlage die polizeiliche Zusammenarbeit, aber auch Trainingslager zur Deeskalation und vorbeugende Maßnahmen. Zuletzt wurden Repräsentanten der Polizei mit Führungsfiguren der Ultra-Fanszene an einen Tisch gebracht. Im Mai endete das polnische Pokalfinale in Bydgoszcz zwischen Legia Warschau und Lech Posen in einem Gewaltausbruch. Hooligans hatten das Spielfeld gestürmt, Werbebanden zerstört, eine Tribüne verwüstet und Menschen verletzt. Während in Deutschland oder England die Hooligans im Lauf der Jahre aus den großen Stadien verdrängt und von einem neuen Eventpublikum ersetzt wurden, sind polnische Fußballveranstaltungen Tummelplatz für Randalierer.
Schlägereien und Messerstechereien, gerade vor und nach den Spielen, sind keine Seltenheit. Nur in Argentinien bekämpfen sich rivalisierende Hooligans noch erbitterter. Es kommt jedes Jahr zu Todesfällen. Im Januar wurde ein Anführer der Ultras von Cracovia Krakau auf der Straße regelrecht hingerichtet. Die Polizei zählte 60 Einstiche am Körper. Später wurden fünf Verdächtige festgenommen, die der gewalttätigen Fanszene des Stadtrivalen Wisla Krakau zugeordnet wurden. Wenn beide Mannschaften in der ersten Liga aufeinandertreffen, herrscht in Krakau aus Sicht der Sicherheitskräfte „Krieg“. Anfang des Jahres starb in Lodz ein junger Hooligan.
Für die Regierung ist die Bekämpfung der Gewalt nun eine nationale Aufgabe - das Land will sich während des EM-Turniers als sympathischer Gastgeber präsentieren. Was also viele Jahre versäumt wurde, soll nun aufgeholt werden. Es gibt gute Ideen und vielversprechende Projekte. Dariusz Lapinski ist einer, der Hoffnung verbreitet. Er ist bei der staatlichen EM-Behörde zuständig für Gewaltprävention. Lapinski wird von Experten zugeschrieben, dass er gewaltbereite Gruppen aus der Anonymität herausgeholt hat und erste zarte Pflänzchen friedlicher Fankultur hochpäppelt. „Ich mache ganz einfache Sachen“, sagt Lapinski, der in Potsdam Politikwissenschaft studiert hat und als Anhänger des Drittligaklubs Babelsberg 03 erste praktische Einblicke in die Fanarbeit in Deutschland bekam.
Er organisiert Workshops, führt persönliche Gespräche mit einschlägig bekannten Rädelsführern und versucht, dass sich an den verschiedenen Fußballstandorten in Polen überhaupt einmal Fanprojekte bilden. In Danzig, Breslau und Gdingen ist das schon der Fall. Im Vergleich zu anderen Fußballnationen in Europa ist das noch immer ein verschwindend geringer Organisationsgrad. Aber zuvor gab es in Polen nicht ein einziges Fanprojekt und nur eine Handvoll Idealisten, die sich des Themas annahmen.
Wo Lapinski arbeitet, geht die Gewalt offenbar zurück. In Danzig wären Hooligans in der Fankurve schon nicht mehr akzeptiert. „Wir wollen beweisen, dass wir nicht das heilige Land des Hooliganismus sind“, sagt er. Der Experte sieht zwar weiterhin die Probleme, glaubt aber daran, dass sich im Zusammenspiel mit Polizei, geschulten Sicherheitsdiensten und einsichtigen Fans Gewalttäter isolieren lassen und sich die Atmosphäre zur EM entspannt. „Die Stadien sind sicher - und auch außerhalb werden wir gut vorbereitet sein“, behauptet Lapinski. Noch vor dem Turnier will die Regierung elektronische Fußfesseln für Hooligans mit Stadionverbot einführen. Während der EM sollen Schnellgerichte die Täter gleich an Ort und Stelle verurteilen.
Aber nicht nur die Randale beschäftigt die Organisatoren - auch der latente Rassismus. Er geht meist mit den Krawallen einher. Eine von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) in Auftrag gegebene Studie hatte festgestellt, dass bei Fußballspielen in den beiden EM-Ausrichterländern Polen und Ukraine Neonazi-Gruppen oftmals völlig ungehindert auf den Rängen faschistische Symbole zeigen können und Hasstiraden gegen Schwarze, Juden, Muslime oder Homosexuelle zunehmen.
Der für die EM zuständige Uefa-Direktor Martin Kallen sprach ganz offen davon, dass polnische Fans ein „großes Imageproblem“ hätten. So werden immer wieder dunkelhäutige Spieler in der Liga unflätig beschimpft und vom Publikum bedroht. Fans von Legia Warschau johlten bei einer Partie in Lodz „Juden in die Gaskammern!“ und lieferten sich dann mit der Polizei eine Schlacht. Vor zwei Jahren hatte die Uefa in Warschau ein Anti-Rassismus-Zentrum begründet, in dem die Vorfälle dokumentiert werden. Die Stelle ist Teil der von der Uefa finanzierten Anti-Rassismus-Kampagne - für die osteuropäischen Länder.
Für das Spiel am Dienstag in Danzig ist aber auch die deutsche Polizei gewarnt. Bei den zurückliegenden Auswärtsspielen der deutschen Elf in Brüssel und Wien gab es jedes Mal mehr als 200 Festnahmen deutscher Krawallmacher. Diese sollen nicht schon wieder zuschlagen. Der Deutsche Fußball-Bund hatte im Vorfeld nur 500 Karten in den Verkauf gegeben, um die Gruppe mitreisender Fans überschaubar zu halten. Aber niemand der Verantwortlichen kann eine genaue Prognose abgeben, welche gewaltbereiten Gruppen trotzdem auf eigene Faust nach Danzig kommen. Nichts wäre schlimmer als ein Aufeinandertreffen von Gewalttätern beider Seiten.
Die polnische Polizei wird Anfang der Woche von szenekundigen deutschen Beamten unterstützt. Die Zis schickt ein 14-köpfiges Team nach Danzig, das sich über die neuralgischen Punkte in der Stadt verteilen wird. Und auch die Koordinierungsstelle Fanprojekte, welche die Arbeit mit den organisierten Fangruppen in Deutschland begleitet, tritt fast in Mannschaftsstärke auf. Deutsche Fans werden an mobilen Stationen mit Informationen versorgt und betreut, was es sonst in dieser Form nur bei den Turnieren gibt. An diesem Wochenende trifft man sich in Danzig schon mit den polnischen Kollegen zur Vorbereitung. Da ist dann auch Dariusz Lapinski dabei. Und der zeigt sich offen für eine ehrliche Diskussion der Probleme: „Wir wollen hier nichts unter den Teppich kehren.“
Hooligans
Konrad Kugler (kritkakons)
- 07.09.2011, 12:01 Uhr
@Herrn Wichura
Michael Scheffler (Striesner)
- 07.09.2011, 10:06 Uhr
Von sogenannten "No-go-Areas"
Denis Bossert (denisbossert)
- 07.09.2011, 01:25 Uhr
Polen - Deutschland 2:2
PAUL WICHURA (Wichura)
- 07.09.2011, 01:06 Uhr
Lodz
PAUL WICHURA (Wichura)
- 06.09.2011, 18:16 Uhr