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Eklat um Boateng Rassismus-Welle im europäischen Fußball

 ·  Nach dem Eklat um den Mailänder Kevin-Prince Boateng mahnen Experten, den auffälligen Fans die Grenzen aufzuzeigen. Die weltweite Fußballer-Gewerkschaft Fifpro greift nun in der Sonntagszeitung Verbände an.

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© dpa Vergrößern Abgang und eindeutiger Protest: Kevin-Prince Boateng

Der Fall um die rassistischen Beleidigungen gegen den Mailänder Fußballprofi Kevin-Prince Boateng, Halbbruder des deutschen Nationalspielers Jerome Boateng, weitet sich aus. Nun schaltet sich die weltweite Fußballer-Gewerkschaft Fifpro ein und fordert Fußballverbände sowie Regierungen in betroffenen Ländern zu konkreten Gegenmaßnahmen auf.

„Die Fußballwelt muss endlich realisieren, dass dieses Verhalten ein Ende haben muss. Rassismus darf weder in der Gesellschaft noch im Fußball toleriert werden“, teilte der zuständige Fifpro-Vertreter Tony Higgins der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit.

„Unsere Gewerkschaft unterstützt die Aktion von Kevin-Prince Boateng und seinen Mannschaftskameraden. Es ist schlimm, dass die Spieler den Platz aufgrund des Verhaltens einiger sogenannter Fans verlassen mussten. Aber jetzt musste einfach eine Linie gezogen werden“, sagte Higgins. „Die Spieler von Milan haben die eindeutige Botschaft ausgesendet: Wenn der Rassismus nicht aufhört, dann stoppt eben der Fußball.“

Der gebürtige Berliner Boateng, der für die ghanaische Nationalelf spielt, hatte am Donnerstag im Testspiel gegen den Viertligaklub Pro Patria in der 26. Spielminute das Spielfeld verlassen, weil er und seine dunkelhäutigen Teamkollegen M’Baye Niang, Urby Emanuelson und Sulley Muntari wiederholt von gegnerischen Fans rassistisch verhöhnt worden waren. Der Mittelfeldspieler drosch den Ball auf die Tribüne, zog sein Trikot aus und verließ den Platz.

Die Teamkollegen vom AC Mailand folgten ihm. „Als Fußballprofi hat Kevin-Prince Boateng einen privilegierten Beruf. Aber er ist auch ein Mensch. Er hat das Recht auf ein gewaltfreies Umfeld ohne Rassismus und andere Formen der Diskriminierung. Würden wir es akzeptieren, wenn uns jemand bei der Arbeit ständig auf die übelste Weise beleidigen würde?“, sagte der Gewerkschaftsmann Higgins.

Über den Mitteilungskanal „Twitter“ erhielt Boateng Unterstützung von anderen Fußballprofis. „Es ist tapfer, was er da gemacht hat - und richtig. Wir müssen jetzt aufstehen und uns dagegen wehren“, sendete zum Beispiel der ehemalige französische Nationalspieler Patrick Vieira. Dieser hatte in seiner Karriere schon ähnliche Erfahrungen machen müssen.

Piara Powar, Direktor der Organisation Fare, ein Netzwerk gegen Diskriminierung, sagte: „Es ist nicht das erste Mal, dass in Italien ein rassistisch geschmähter Spieler vom Feld läuft. Wir wünschen uns eine starke Reaktion durch den italienischen Fußballverband. Italien beginnt das Jahr 2013 so, wie Russland das Jahr 2012 beendet hat“, sagte Powar. Die größte und bedeutendste Fangruppe des Vereins Zenit St. Petersburg hatte die Offiziellen des Klubs in einem Protestmarsch vor Weihnachten aufgefordert, von der Verpflichtung von dunkelhäutigen und homosexuellen Profis abzusehen.

Fare-Direktor Powar warf dem Verein, bei dem der Deutsche Dietmar Beiersdorfer derzeit als Sportdirektor arbeitet, vor, nichts gegen die hasserfüllte Stimmung zu unternehmen. Der farbige französische Mittelfeldspieler Yann M’Vila verwarf im Sommer einen Wechsel nach St. Petersburg, nachdem ihn Anhänger der berüchtigten Ultra-Gruppe mit eindeutigen Botschaften gewarnt hatten: „Es gibt kein Schwarz in den Vereinsfarben von Zenit.“

Fußball kompakt: Boatengs Gedanken

Kevin-Prince Boateng selbst zieht inzwischen einen Abschied aus der Serie A in Betracht. „Ich werde jetzt drei Nächte drüber schlafen und mich nächste Woche mit meinem Berater Roger Wittmann treffen. Dann muss man schauen, ob es weiter Sinn macht, in Italien zu spielen“, sagte Boateng der „Bild“-Zeitung. „Wir dürfen Rassismus nicht mehr tolerieren. Weggucken ist einfach, Handeln schwieriger. Aber ich hätte das auch in der Champions League beim Spiel gegen Real Madrid gemacht - und werde es immer wieder tun.“ Dass so etwas im Jahr 2013 passiere, sei eine Schande.

Ein Problem hat der europäische Fußball. Zuletzt hatten sich die Fälle rassistischer Beleidigungen gehäuft, nicht nur in Osteuropa oder Italien. Außerdem geht es um eine ernsthafte Aufarbeitung. Erst nach aufkommender Kritik vor den Feiertagen will die Uefa-Spitze gegen ein viel zu mildes Urteil der eigenen Spruchkammer angehen.

Ein peinliches Eingeständnis, dem Rassismus zu wenig hart zu begegnen. Es ging um Strafen gegen den serbischen Fußballverband und Vorfälle von den Rängen beim U-21-Play-off im Oktober gegen England. Aber auch auf der Insel ruft das Thema nach einer Reihe von Vorfällen vor allem unter Spielern in der Premier League Besorgnis hervor.

Bestraft wurde unter anderen der frühere Nationalmannschaftskapitän John Terry, weil er einen Gegenspieler beleidigt haben soll. Lord Ouseley, der Vorsitzende einer Anti-Rassismus-Kommission, warf dem englischen Verband und der Premier League fehlende moralische Kompetenz und Führungsschwäche vor. Selbst der britische Sportminister Hugh Robertson sah sich zum Eingreifen genötigt und forderte den Fußball auf, entschiedener gegen den aufkommenden Rassismus vorzugehen.

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