Genua wird gerne als Wiege des Calcio bezeichnet, die Tifosi sind stolz auf ihre Tradition. Vor 119 Jahren wurde der Genoa Cricket and Football Club als erster italienischer Fußballverein von britischen Auswanderern gegründet. Am Sonntag, während des Serie-A-Spiels gegen den AC Siena (1:4), erlebte der Verein den Tiefpunkt seiner Geschichte. Beim Heimspiel im Stadio Luigi Ferraris erwirkten Ultras eine Spielunterbrechung und forderten die Spieler dazu auf, ihre Trikots auszuziehen und der Kurve zu übergeben. Die Fußballer kamen der Anordnung nach. Eine vergleichbare Geste der Unterwerfung unter das Diktat gewaltbereiter Fans ist aus dem europäischen Fußballbetrieb nicht bekannt.
Nach den Ausschreitungen vor dem Länderspiel Italien gegen Serbien 2010 in Genua wurde das Ferraris-Stadion abermals Schauplatz einer Machtdemonstration der Ultras. „Die Kapitulation des Calcio“, titelte „La Repubblica“ am Montag. „Wahnsinn in Genua“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“. Dennoch widmeten fast alle Zeitungen dem 4:0-Sieg von Tabellenführer Juventus Turin gegen den AS Rom am Sonntagabend mehr Platz - als habe man sich in der Serie A an die dunklen Seiten des Calcio gewöhnt. Immer noch sorgt der Wettskandal für Schlagzeilen, jahrelang machte der Calcio vor allem wegen Fan-Randale von sich Reden, immer noch sind rassistische und antisemitische Ausfälle an der Tagesordnung. Die Unterwerfung des Sports unter den Mob der Kurve wird da wie eine dunkle Episode unter vielen aufgenommen.
Als Tabellensiebzehnter befindet sich der CFC Genua im Abstiegskampf und lag schon nach der ersten Halbzeit 0:3 zurück. Kurz nach Wiederanpfiff wurden die 20.000 Zuschauer Zeugen einer unvergleichlichen Machtprobe. Etwa 60 Ultras hatten sich von der Nordkurve aus Zugang zur Tribüne verschafft und sich bedrohlich über dem Zugang zum Kabinentrakt postiert. Nachdem Siena auf 4:0 erhöht hatte (49. Minute), warfen die Tifosi, die die Spieler in den vergangenen Wochen bereits mehrmals beim Training oder nach Punktspielen eingeschüchtert hatten, Feuerwerkskörper und Rauchbomben auf das Spielfeld. Schiedsrichter Tagliavento unterbrach die Partie.
Weinkrämpfe auf dem Rasen
Dann folgt die eigentliche Apokalypse für den Sport, unter Beteiligung einer Reihe zweifelhafter Protagonisten. Die Profis von Siena verließen den Rasen, als der Schiedsrichter die Partie unterbrach, die Spieler von Genua blieben im Mittelkreis. Kapitän Marco Rossi, einer der Beschuldigten im Wettskandal, versuchte mit den Ultras zu verhandeln, sie zur Ruhe zu bewegen. Doch die Rowdys zeigten sich kompromisslos und drohten mit weiteren Randalen, falls ihre Forderung nicht erfüllt würde: Die Spieler müssten ihre Trikots ausziehen und vor der Kurve niederlegen, weil sie es nicht wert wären, die Farben Genuas zu tragen.
Der Präsident Enrico Preziosi, einst sechs Monate lang wegen Sportbetrugs gesperrt, hatte sich inzwischen unter die Spieler auf das Spielfeld gemischt. Das Idol der Fans, Giuseppe Sculli, diskutierte am Spielfeldrand mit den Fans. Ausgerechnet der von Lazio ausgeliehene Stürmer, Enkel eines Mafia-Bosses aus Kalabrien und in der Vergangenheit ebenfalls wegen Sportbetrugs gesperrt, zog sich dann als einziger das Hemd nicht vom Leib. Sculli wurde anderntags von der Presse gefeiert. Die Mannschaft hingegen erfüllte die Forderung, vor laufenden Kameras und unter den ungläubigen Blicken der Zuschauer.
Als Mannschaftskapitän Rossi sich das Trikot vom Leib zog, brach Mittelfeldspieler Giandomenico Mesto in einen Weinkrampf aus, ein Spieler nach dem anderen folgte Rossis Beispiel, zuletzt Mesto. Danach trug Rossi den Haufen Wäsche zur Kurve. Die Ultras hatten gesiegt, weil der Klub einen Spielabbruch und einen sicheren Punktabzug vermeiden wollte. Der Schiedsrichter pfiff die Partie nach einer vierzigminütigen Unterbrechung wieder an.
Zwei Spiele ohne Publikum
Und die Polizei, es war nur eine Handvoll Sicherheitskräfte im Stadion, sah zu. Innenministerin Anna Maria Cancellieri verteidigte das vorsichtige Agieren der Polizei. „Eingreifen kann in manchen Situationen wesentlich größere Schäden hervorrufen“, sagte sie am Montag und wies auf die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen im Stadion von Genua hin, in dem sich die Fans anscheinend ungehindert von einem zum anderen Sektor bewegen können. Auch der CFC Genua und sein Präsident wurden kritisiert. So soll Preziosi nach Angaben des Polizeichefs der Stadt seine Spieler zum Gehorsam gegenüber den Fans aufgefordert haben, Preziosi widersprach dieser Darstellung.
„Es ist undenkbar, dass die Fußballwelt sich von eindeutig identifizierbaren Personen erpressen lässt. Gewisse Leute dürfen keinen Zugang mehr zu Fußballstadien bekommen“, sagte der Präsident des italienischen Fußballverbands, Giancarlo Abete und wies auf die rechtlichen Sanktionen hin.
Stadionverbote gegen elf „Ultras“ verhängt
Das Sportgericht des italienischen Verbandes entschied am Montag, dass der CFC Genua die letzten beiden Heimspiele der Saison ohne Publikum bestreiten muss. Außerdem leitete der italienische Fußballverband (FIGC) Verfahren gegen die Vereinsführung und die Spieler ein. Genuas Polizeichef Massimo Maria Mazza verhängte gegen elf „Ultras“ fünfjährige Stadionverbote. Wie italienische Medien am Dienstag berichteten, wird gegen weitere Randalierer ermittelt.
Trainer Alberto Malesani war schon am Sonntagabend entlassen worden - wegen Erfolglosigkeit.
"Herr Jorgovic" Sie sprechen mir aus der Seele ! In der BBC
ware ihr Beitrag gelost worden,
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 25.04.2012, 00:55 Uhr
Europäische Exekutive läuft verkehrt
Christoph Rohde (prediger1)
- 24.04.2012, 20:18 Uhr
Was ist daran so schlimm?
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 24.04.2012, 15:30 Uhr
Mal die Perspektive wechseln...
Jan Frisch (Bunrakunier)
- 24.04.2012, 13:57 Uhr
Na, Mafia-Gene bei Sculli
gisbert heimes (gisbert4)
- 24.04.2012, 13:30 Uhr