Home
http://www.faz.net/-gtm-6zd5s
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eklat in Italien Genua unterwirft sich den Ultras

 ·  Spielunterbrechung wegen Randale: Die Fußballprofis des CFC Genua ziehen unter Tränen ihre Trikots aus, weil es der Mob von ihnen verlangt. Die Serie A erlebt einen nicht für möglich gehaltenen Tiefpunkt.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (17)
© dapd Der Kapitän bringt die Wäsche: Rossi erfüllt die Forderungen der Ultras

Genua wird gerne als Wiege des Calcio bezeichnet, die Tifosi sind stolz auf ihre Tradition. Vor 119 Jahren wurde der Genoa Cricket and Football Club als erster italienischer Fußballverein von britischen Auswanderern gegründet. Am Sonntag, während des Serie-A-Spiels gegen den AC Siena (1:4), erlebte der Verein den Tiefpunkt seiner Geschichte. Beim Heimspiel im Stadio Luigi Ferraris erwirkten Ultras eine Spielunterbrechung und forderten die Spieler dazu auf, ihre Trikots auszuziehen und der Kurve zu übergeben. Die Fußballer kamen der Anordnung nach. Eine vergleichbare Geste der Unterwerfung unter das Diktat gewaltbereiter Fans ist aus dem europäischen Fußballbetrieb nicht bekannt.

Nach den Ausschreitungen vor dem Länderspiel Italien gegen Serbien 2010 in Genua wurde das Ferraris-Stadion abermals Schauplatz einer Machtdemonstration der Ultras. „Die Kapitulation des Calcio“, titelte „La Repubblica“ am Montag. „Wahnsinn in Genua“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“. Dennoch widmeten fast alle Zeitungen dem 4:0-Sieg von Tabellenführer Juventus Turin gegen den AS Rom am Sonntagabend mehr Platz - als habe man sich in der Serie A an die dunklen Seiten des Calcio gewöhnt. Immer noch sorgt der Wettskandal für Schlagzeilen, jahrelang machte der Calcio vor allem wegen Fan-Randale von sich Reden, immer noch sind rassistische und antisemitische Ausfälle an der Tagesordnung. Die Unterwerfung des Sports unter den Mob der Kurve wird da wie eine dunkle Episode unter vielen aufgenommen.

  1/3  
Rauchbomben in Genua: Rund 45 Minuten war die Partie gegen Siena unterbrochen © dapd Rauchbomben in Genua: Rund 45 Minuten war die Partie gegen Siena unterbrochen

Als Tabellensiebzehnter befindet sich der CFC Genua im Abstiegskampf und lag schon nach der ersten Halbzeit 0:3 zurück. Kurz nach Wiederanpfiff wurden die 20.000 Zuschauer Zeugen einer unvergleichlichen Machtprobe. Etwa 60 Ultras hatten sich von der Nordkurve aus Zugang zur Tribüne verschafft und sich bedrohlich über dem Zugang zum Kabinentrakt postiert. Nachdem Siena auf 4:0 erhöht hatte (49. Minute), warfen die Tifosi, die die Spieler in den vergangenen Wochen bereits mehrmals beim Training oder nach Punktspielen eingeschüchtert hatten, Feuerwerkskörper und Rauchbomben auf das Spielfeld. Schiedsrichter Tagliavento unterbrach die Partie.

Weinkrämpfe auf dem Rasen

Dann folgt die eigentliche Apokalypse für den Sport, unter Beteiligung einer Reihe zweifelhafter Protagonisten. Die Profis von Siena verließen den Rasen, als der Schiedsrichter die Partie unterbrach, die Spieler von Genua blieben im Mittelkreis. Kapitän Marco Rossi, einer der Beschuldigten im Wettskandal, versuchte mit den Ultras zu verhandeln, sie zur Ruhe zu bewegen. Doch die Rowdys zeigten sich kompromisslos und drohten mit weiteren Randalen, falls ihre Forderung nicht erfüllt würde: Die Spieler müssten ihre Trikots ausziehen und vor der Kurve niederlegen, weil sie es nicht wert wären, die Farben Genuas zu tragen.

Der Präsident Enrico Preziosi, einst sechs Monate lang wegen Sportbetrugs gesperrt, hatte sich inzwischen unter die Spieler auf das Spielfeld gemischt. Das Idol der Fans, Giuseppe Sculli, diskutierte am Spielfeldrand mit den Fans. Ausgerechnet der von Lazio ausgeliehene Stürmer, Enkel eines Mafia-Bosses aus Kalabrien und in der Vergangenheit ebenfalls wegen Sportbetrugs gesperrt, zog sich dann als einziger das Hemd nicht vom Leib. Sculli wurde anderntags von der Presse gefeiert. Die Mannschaft hingegen erfüllte die Forderung, vor laufenden Kameras und unter den ungläubigen Blicken der Zuschauer.

Als Mannschaftskapitän Rossi sich das Trikot vom Leib zog, brach Mittelfeldspieler Giandomenico Mesto in einen Weinkrampf aus, ein Spieler nach dem anderen folgte Rossis Beispiel, zuletzt Mesto. Danach trug Rossi den Haufen Wäsche zur Kurve. Die Ultras hatten gesiegt, weil der Klub einen Spielabbruch und einen sicheren Punktabzug vermeiden wollte. Der Schiedsrichter pfiff die Partie nach einer vierzigminütigen Unterbrechung wieder an.

Zwei Spiele ohne Publikum

Und die Polizei, es war nur eine Handvoll Sicherheitskräfte im Stadion, sah zu. Innenministerin Anna Maria Cancellieri verteidigte das vorsichtige Agieren der Polizei. „Eingreifen kann in manchen Situationen wesentlich größere Schäden hervorrufen“, sagte sie am Montag und wies auf die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen im Stadion von Genua hin, in dem sich die Fans anscheinend ungehindert von einem zum anderen Sektor bewegen können. Auch der CFC Genua und sein Präsident wurden kritisiert. So soll Preziosi nach Angaben des Polizeichefs der Stadt seine Spieler zum Gehorsam gegenüber den Fans aufgefordert haben, Preziosi widersprach dieser Darstellung.

„Es ist undenkbar, dass die Fußballwelt sich von eindeutig identifizierbaren Personen erpressen lässt. Gewisse Leute dürfen keinen Zugang mehr zu Fußballstadien bekommen“, sagte der Präsident des italienischen Fußballverbands, Giancarlo Abete und wies auf die rechtlichen Sanktionen hin.

Stadionverbote gegen elf „Ultras“ verhängt

Das Sportgericht des italienischen Verbandes entschied am Montag, dass der CFC Genua die letzten beiden Heimspiele der Saison ohne Publikum bestreiten muss. Außerdem leitete der italienische Fußballverband (FIGC) Verfahren gegen die Vereinsführung und die Spieler ein. Genuas Polizeichef Massimo Maria Mazza verhängte gegen elf „Ultras“ fünfjährige Stadionverbote. Wie italienische Medien am Dienstag berichteten, wird gegen weitere Randalierer ermittelt.

Trainer Alberto Malesani war schon am Sonntagabend entlassen worden - wegen Erfolglosigkeit.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wie halten Sie es mit dem Confed-Cup?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Wer war Ihr Spieler der Rückrunde?

3171 Stimmen wurden abgegeben.

45%
Franck Ribéry
25%
Robert Lewandowski
25%
Bastian Schweinsteiger
5%
Mario Götze
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Umfrage

Wer war der beste Torwart der Rückrunde?

2338 Stimmen wurden abgegeben.

26%
Manuel Neuer (München)
12%
René Adler (Hamburg)
49%
Roman Weidenfeller (Dortmund)
10%
Kevin Trapp (Frankfurt)
3%
Marc-André ter Stegen (M’gladbach)
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen

Mit Tiger im Fischglas

Von Wolfgang Scheffler

Lindsey Vonn bringt Tiger Woods kein Glück - zumindest nicht auf den Greens. Als Twitter-Begleiterin unterhält sie immerhin ihre Follower - und wundert sich über die eigenen Verfolger mit Kamera. Mehr 1