Michael Thurk war nach dem Spiel ein begehrter Mann. Die Fragen der Journalisten prasselten nur so auf ihn ein. Der ehemalige Mainzer genoß sichtlich die Aufmerksamkeit um seine Person. „Drei Tore in einem Spiel, etwas Schöneres gibt es nicht“, sagte der Eintracht-Stürmer. Als sich seine Kollegen längst zum Auslaufen ins Stadion begaben, stand Thurk immer noch Rede und Antwort. „Jetzt ist er endgültig bei der Eintracht angekommen“, sagte Friedhelm Funkel, „zumindest sind nun die letzten Zweifler beruhigt“.
Es war eine glanzvolle Vorstellung, die Thurk und seine Kollegen beim 4:0-Sieg im Uefa-Pokal gegen Bröndby IF Kopenhagen über 90 Minuten dargeboten hatten. Dabei war es besonders imponierend, wie ruhig die Eintracht bei ihrer Rückkehr auf die europäische Fußballbühne agierte. „Wir sind sehr diszipliniert und konzentriert aufgetreten“ lobte Funkel. Und genau diese Eigenschaften machten vor 40.000 Zuschauern den Unterschied aus.
Zwei Rote Karten für Bröndby
Als Henrik Kildentoft kurz nach der Halbzeit einen Torschuß von Albert Streit nur mit der Hand abwehren konnte, sah der Abwehrspieler die Rote Karte. Hitzige Diskussionen folgten, im Tumult verlor Bröndby-Spieler Mark Howard die Nerven und schubste Thurk zu Boden. Rot auch für Howard. Thurk wiederum verwandelte den fälligen Handelfmeter sicher und erzielte sein erstes Pflichtspieltor für die Eintracht (51.). „Ich habe keine Worte für das, was da passiert ist“, sagte Bröndby-Trainer René Meulensteen. „Das Ergebnis ist nach der guten ersten Halbzeit natürlich enttäuschend für uns.“
Mit zwei Mann Überzahl hatten die Frankfurter die Dänen nun voll im Griff. „Wir haben über 90 Minuten keine Möglichkeiten zugelassen“, stellte Funkel heraus, „und immer auf unsere Chancen gewartet. Von einem solchen Ergebnis haben wir noch nicht einmal zu träumen gewagt“. Die Frankfurter erarbeiteten sich in der zweiten Halbzeit eine Vielzahl an Möglichkeiten, nachdem die defensiv eingestellten Gäste im ersten Durchgang nur wenige Chancen der Eintracht durch Sotirios Kyrgiakos (12.), Thurk (37.) und Kapitän Markus Weissenberger (19.) zugelassen hatten.
„Perfekt geschossene Elfmeter“
„Die Platzverweise waren wirklich dumm, man muß doch den Kopf dabei haben“, kritisierte Meulensteen das Verhalten seiner Spieler. Es war tatsächlich der Knackpunkt im Spiel. Funkel reagierte und brachte Benjamin Köhler für Michael Fink, der ein „ganz ordentliches Debüt“ (Funkel) im Eintracht-Trikot feierte. „Einen besseren Einstand kann es ja wohl nicht geben“, freute sich der ehemalige Bielefelder, der nach seinem Zehenbruch im defensiven Mittelfeld zusammen mit Benjamin Huggel den Dänen nur wenig Raum gab.
Die Eintracht erhöhte nach den Platzverweisen den Druck und kam durch Patrick Ochs und Weissenberger zu Chancen. Doch es dauerte bis zur 71. Minute, bis die Frankfurter zum zweiten Mal jubeln durften. „Wir haben auch in Überzahl geduldig weitergespielt“, sagte Funkel, kritisierte aber, daß seine Mannschaft nicht noch konsequenter über die Außen gespielt habe. Nach einem Foul von Torwart Ankergren im Strafraum an Streit entschied sich Thurk beim Strafstoß für dieselbe Ecke. „Beide Elfmeter waren perfekt geschossen“, lobte Funkel.
Die Gruppenphase zum Greifen nahe
Die Erleichterung nach dem 2:0 war den Spielern anzumerken, mußte die Eintracht gegen acht Gäste nach dem ersten Tor doch unbedingt nachlegen. Albert Streit, der zusammen mit Weissenberger das Offensivspiel der Eintracht vorantrieb, flankte sechs Minuten später mustergültig in den Strafraum und Thurk machte per Kopf seinen Hattrick perfekt. Den vierten Treffer erzielte Benjamin Köhler (90.) aus Abseitsposition nach Hereingabe von Weissenberger.
In einer insgesamt „aggressiv geführten Partie“ (Köhler) behielt die Eintracht die Nerven. „Natürlich war ich am Anfang ein wenig nervös“, gestand Patrick Ochs. „Wenn wir im Rückspiel so auftreten, haben sie keine Chance“, gab sich der 22jährige siegessicher. Leisere Töne kamen in dieser Hinsicht von einigen Kollegen und Trainer Funkel. „Wir fühlen uns keineswegs sicher, es wird schwer genug“, blickte der Coach auf das Rückspiel in zwei Wochen voraus. „Wir müssen hellwach sein, um die Gruppenphase zu erreichen.“ Kapitän Weissenberger sah das ähnlich: „Wir wollten den Grundstein legen, das haben wir getan. Im Europapokal ist aber alles möglich.“
Die Personalprobleme reißen nicht ab
Doch nach dem „Erfolgserlebnis“ (Funkel) gegen Bröndby hatte Funkel auch einige Sorgenfalten auf der Stirn. Stürmer Ioannis Amanatidis, der nie richtig ins Spiel fand, mußte in der 42. Minute durch Naohiro Takahara ersetzt werden, nachdem Spelmann ihn am rechten Knöchel getroffen hatte. Funkel hofft auf eine baldige Genesung des griechischen Nationalspielers („Wir brauchen ihn“); ob und wie lange er ausfällt, ist noch nicht klar. Funkel richtete schon den Blick auf das nächste Heimspiel gegen Bayer Leverkusen am Sonntag. „Wir müssen jetzt viel schlafen und alle Kräfte bündeln“, sagte der 52jährige, der neben dem verletzten Alexander Meier wohl auch auf Amanatidis sowie auf die gesperrten Vasoski und Spycher verzichten muß. Zudem droht mit Kyrgiakos (Rückenverletzung) sogar ein dritter Verteidiger auszufallen.
Einer wird aber sicher wieder von Beginn an stürmen, nachdem er im DFB-Pokal gegen Siegen (2:0) nur auf der Bank saß. „Michael weiß wie wir spielen, er ist ein intelligenter Spieler“, sagt Funkel über seinen Schützling. „Ich bin überglücklich, nach der ersten Halbzeit hätte ich nicht gedacht, daß wir noch vier Tore schießen“, gestand Thurk. „Ich fühlte mich sicher und wollte unbedingt die Elfmeter ausführen“, sagte der Frankfurter stieß damit für die Hessen das Tor zur Gruppenphase im Uefa-Pokal ganz weit auf. Geduldig, so wie die Eintracht beim Europapokal-Comeback zum Erfolg kam, beantwortete er alle Fragen. Erst als er von Torwarttrainer Andreas Menger zum Auslaufen abkommandiert wurde, mußte sich der Neuzugang von der Journalistenschar losreißen. Und verschwand mit dem Spielball unter dem Arm in der Frankfurter Kabine.