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Eine kleine WM-Geschichte (3) Tiefpunkte der Friseurkunst und Kaiser im Korsett

09.06.2010 ·  Ein wichtiger Hinterkopf. Ein Torwart mit Hitzschlag. Ein „Spiel des Jahrhunderts“. Ein lazarettreifer Feldherr. Ein Telefonat in der Nacht. Ein entwendeter Bus. Und schottische Koteletten-Teppiche. Teil 3 der FAZ.NET-WM-Geschichte.

Von Christian Eichler
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Vom 11. Juni bis zum 11. Juli wird in Südafrika die 19. Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen - es wird die erste auf dem afrikanischen Kontinent sein. In 64 Spielen wird dann wieder Geschichte geschrieben. Oft sind es kleine Anekdoten, die in Erinnerung bleiben - auch wenn die Turniere in grauer Vorzeit medial bei weitem nicht so grell ausgeleuchtet waren wie es heute der Fall ist. Christian Eichler erinnert im dritten von fünf Teilen der kleinen FAZ.NET-WM-Geschichte an einen Masseur, der den Torwart anweist, die Magie eines Medizinmannes und die wischmobartige Löwenmähne von Carlos Valderrama.

WM-Geschichte (1) - Brasilianischer Leichtfuß und indischer Plattfuß

WM-Geschichte (2) - Taufpaten für Tore und Tod eines Trophäensammlers

41. Keine Thatcher ohne Seeler

Es war der Beginn eines deutschen WM-Traumas für England. Und der ewigen selbstzerfleischenden Fragen. Warum verlor England? Wegen der Auswechslung von Charlton? Wegen „Montezumas Rache“ an Banks? Ein englischer Autor kam zu dem Schluss, England hätte ohne Seelers 2:2 den Titel gewonnen, Premier Wilson wäre nicht abgewählt worden und die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher dem Land erspart geblieben. So kann ein Hinterkopf die Welt verändern - oder eine Darmstörung.

42. Torwart mit Fernbedienung (1970)

Die größte Hitzeschlacht der WM-Historie war Leon nicht. Eher schon die 1954 bei über 35 Grad in Lausanne. Zwischen der 16. und 38. Minute fielen neun Tore, der Schweizer Kapitän Bocquet erlitt einen Hitzschlag, Österreichs Torwart Schmied auch - er glaubte in der Pause, das Spiel sei aus, musste aber, weil es Auswechslungen erst seit 1970 gibt, noch 45 Minuten ins Tor. Dahinter stand der Masseur und sagte dem halb Bewusstlosen, wohin er springen solle. Es klappte, Österreich gewann 7:5 (und war dann gegen Deutschland platt).

43. Italien, lang gemacht

Platt waren nicht nur die Spieler, auch die Zuschauer nach dem „Spiel des Jahrhunderts“. Besser: der Verlängerung des Jahrhunderts. Deutschland - Italien 1970: das Anrennen, die Fouls, die Schauspielerei, das Pech, die verrinnende Zeit, der schwindende Glaube. Und dann „ausgerechnet Schnellinger“. Und die Verlängerung mit fünf Toren und mehr Dramatik, als man erfinden kann. Wer ein Getränk verlängert, verwässert es. Wer ein Fußballspiel verlängert, verbessert es. Später fand irgendwer, dass man so was verhindern müsse. Und erfand das Golden Goal.

44. Kaiser im Korsett

Unvergessliche Requisiten fürs WM-Museum: Teil eins, Beckenbauers Binde. Sie illustriert die heroische Grazie, mit der der „Kaiser“ nach Facchettis Foul mit gezerrter Schulter und verschnürtem Leib weiterspielte. Nie hatte er größere Grandezza als mit jener Bandage, die Brustkorb und Oberarm wie bei einer Mumie umwickelte. Der lazarettreife Feldherr, der, die Hand am Herzen, die Kameraden nicht im Stich lässt - eine der Äußerungen von Leidensfähigkeit, die jedes Volk an seinen Monarchen liebt.

45. Magier mit Eimer

Requisiten, Teil 2: Americos Eimer. Der brasilianische Masseur mit der Boxerfigur und der Glatze hatte zwei feste Begleiter: den schweren Gürtel mit Tinkturen und Essenzen und den legendären Plastikeimer. Stets bei seinen sieben WM-Turnieren versprühte er etwas von der Magie des Medizinmannes; einer, der nicht nur Muskeln knetete und Tränke rührte, auch Seelen pflegte.

46. Fußball auf der Höhe

1970 brachte den dritten WM-Titel für Americo - und für Pelé. Felix, Carlos Alberto, Brito, Wilson, Everaldo, Clodoaldo, Gerson, Jairzinho, Tostao, Pelé, Rivelino: Vielen gilt diese Namensfolge als beste Elf von allen. Hitze und Höhenluft in Mexiko bevorteilten Brasiliens Spielkunst. Allerdings hatten sie auch einen kleinen, fiesen Trick. Sie verspäteten sich und ließen europäische Gegner in der mexikanischen Sonne schwitzen. Zehn Minuten warteten allein die Engländer. „Das Warten kostete sie Energie“, sagte Pelé später.

47. Ballgefahr

Das 4:1 gegen Italien wurde berühmt: zehn Stationen, 28 Sekunden, ehe Carlos Alberto die Kugel ins Netz jagte. Jeder sah: Brasilianer wollen den Ball. Andere wollen ihn gar nicht unbedingt. Spätestens seit „Professor“ Egil Olsen herausfand, dass es nicht darauf ankommt, wer den Ball hat, sondern wo er ist, dass man ihn also schnell und weit nach vorn befördern muss - und so 1998 mit den biederen Norwegern die Brasilianer besiegte, gilt Ballbesitz als etwas Heikles. Deutschland merkte das bei der EM 2000. Da hatte man in jedem Spiel mehr Ballbesitz als der Gegner. Und erlitt die schlimmste Pleite der Geschichte.

48. Zählbares ohne Wert

Noch eine Theorie: Zweikämpfe entscheiden das Spiel. Mehr als zweihundert zählen Statistiker bei einem durchschnittlichen WM-Spiel. Was die Statistik auch sagt: Die deutsche Nationalelf gewann 1998 im Viertelfinale dreizehn Zweikämpfe mehr als die Kroaten. Dafür schossen die Kroaten drei Tore mehr.

49. Gelb ist schön

1958 wurde der Fußball schön, 1970 wurde der schöne Fußball gelb. Nach der WM-Pleite im eigenen Land 1950 hatte man das Trikot, weiß mit blauem Kragen, als zu „unpatriotisch“ gegeißelt. Per Wettbewerb wurde ein neues Nationaltrikot gefunden, mit allen Farben der brasilianischen Flagge, gelb, grün, blau, weiß. Doch erst 1970 eroberte es die Welt, bis heute ein textiles Glaubensbekenntnis für das schöne Spiel. Denn diese WM war die erste im Farb-TV; die erste, die der Welt bunten Fußball bot.

50. Ha ho heja heja he

Deutschland im Jahr 1974: Kommissar Derrick löst den ersten Fall, VW bringt den Golf heraus, Ikea eröffnet seine erste deutsche Möbelfiliale. Deutsche Kicker besingen Schallplatten, wobei sie hellblaue Kunstfasertrainingsanzüge und ungünstige Haarschnitte tragen. Der WM-Song heißt „Fußball ist unser Leben“, beginnt mit der Textzeile „Ha! Ho! Heja heja he!“ und endet auf Platz 27 der Hitparade. Inzwischen äußern Kicker zum Glück viel sinnvollere Dinge.

51. Bus nach Afrika

Schwarzafrika galt seit Kameruns Auftritt 1990 als Zukunft des Fußballs - auf die man allerdings bis heute wartet. Den Anfang machte 1974 Zaire (heute: Kongo), erstes schwarzafrikanisches Team bei einer WM: 0:6 Punkte, 0:14 Tore. Beinahe wäre es dennoch nicht mit leeren Händen heimgekehrt. Die deutsche Polizei konnte die Afrikaner gerade noch stoppen, ehe sie mit dem teuren, vom Veranstalter gestellten Teambus über die Grenze waren. Sie dachten, sie könnten ihn behalten.

52. Streifendienst

Man kämpfte nicht nur um Busse und Bälle. Auch darum, wer wie viele Streifen auf welchem Trikot trägt. Die Holländer, bezahlt von der einen Firma aus dem Fränkischen, trugen drei. Der beste Holländer, bezahlt von der anderen Firma aus dem Fränkischen, entfernte einen Streifen, um nicht für die andere zu werben. So hatte Johan Cruyffs Oranje-Hemd im Finale von München nur zwei Streifen.

53. Unschuldige Schwalbe

Holland begeisterte mit dem „totalen Fußball“, fließendem Positionsspiel (angeblich eine Folge der flachen Polderlandschaft). Doch fühlte man sich von Hölzenbeins „Schwalbe“ betrogen (die in der niederländischen Sprache landete). Heute glaubt man in Holland, dass sich das Team zu wenig mit dem Gegner befasste - und zu viel mit Trikotstreifen, Alkohol, Zigaretten und angeblichen Sex-Parties im Lager (ein entsprechender Bericht alarmierte die Ehefrauen, und Mevrouw Cruyff ließ den Gatten in der Nacht zum Finale angeblich kaum schlafen).

54. Berti, beiß

Die Deutschen dagegen wussten wie immer, worauf es ankommt. So ließ Berti Vogts, wie er es im Training mit Netzer als Cruyff-Double geübt hatte, den Star der Holländer nicht aus den Augen. Er hat inzwischen auch eine innovative Erklärung dafür, wie man überhaupt das Finale erreichte: Weil man nicht ganz unfreiwillig gegen die DDR verloren habe. Tatsächlich brachte das peinliche Sparwasser-0:1 die viel leichtere Finalrundengruppe.

55. Stasi, guck

1303 bewährte Stasi-Mitarbeiter hatte die DDR als Jubler nach Hamburg entsandt. Sie erlebten (aus DDR-Sicht) 14 zu 31 Torschüsse, darunter den einen, „der die Bundesrepublik Deutschland erschütterte“ (so der Autor Thomas Blees). Am nächsten Tag musste die „Bild“-Zeitung, die angekündigt hatte, „warum wir heute gegen die DDR gewinnen“, schwer zurückrudern. Drüben übte man sich in Understatement: Thema des Tages nach dem 1:0 gegen den Klassenfeind war für das „Neue Deutschland“ der „Tag des Bauarbeiters“.

56. Die Mauer bröckelt

Es war ein Pyrrhussieg. Die DDR kam als Gruppensieger zu Brasilien, Argentinien, Holland und blieb ohne Chance. Besonders peinlich das 0:1 gegen Brasilien, durch Freistoß von Rivelino, bei dem sich dessen Kollege Jairzinho in die Abwehrmauer stellte. Die DDR-Spieler machten artig Platz. Dann staunten sie, dass der Ball genau dort hindurch flog. Jairzinho hatte sich fallen lassen, und Rivelino wurde der erste, der das Loch in der DDR-Mauer fand.

57. Dem Regen sein Gutes

1974, die Wasser-WM. Erst Sparwasser. Dann die Regenschlacht von Düsseldorf: 4:2 gegen Schweden. Und die polnische Wasserschlacht von Frankfurt. Seit „dem Fritz sein Wetter“, dem Herbergerschen Genitiv von 1954, ist der Regen dem Deutschen sein Freund. Jedenfalls im Fußball. Im Juni und Juli 2006 schien durchgängig die Sonne - Platz drei. Und was bringt der südafrikanische Winter 2010?

58. Tiefpunkte der Friseurkunst

Ein WM-Trend, erstmals 1974 aufgetreten, seitdem zeitlos: furchtbare Fußballerfrisuren. Damals hieß das: deutsche Nackenwülste, schottische Koteletten-Teppiche, brasilianische Kraushaar-Halbkugeln. Bis sich in unseren Tagen die ehrliche Glatze durchsetzte, die Bobby Charlton 1966 noch durch drei rübergekämmte Strähnen zu überspielen versuchte, musste man in den 80er Jahren reihenwiese Miniplis und Vokuhilas ertragen.

59. Denkmal für einen Mob (1974)

Diese peinliche Entwicklung wurde in den 90er Jahren vom auffälligsten Schopf der WM-Geschichte auf die Spitze getrieben und zugleich karikiert: der wischmobartigen Löwenmähne von Carlos Valderrama. Nach seinen drei WM-Teilnahmen 1990 bis 1998 wurde dem Kolumbianer in seiner Heimat Santa Marta die größte Fußballerstatue der Welt errichtet: sieben Meter hoch. Mindestens einen Meter braucht die Frisur.

60. Karibischer Spaß (1974)

Noch ein Spieler, dem sie daheim ein Denkmal errichteten: Emmanuel Sanon aus Haiti, der 1974 die Weltrekordserie des Torwarts Dino Zoff (1143 Minuten ohne Gegentor) beendete. Haiti verlor 1:3 und schied aus, Italien aber auch, und während es in Rom wieder Tomaten hagelte, gab's in Port-au-Prince ein Fest für die Heimkehrer. Seitdem gelten karibische Kicker (und ihre Fans) als Farbklecks für jede WM.

Den vierten Teil der kleinen WM-Geschichte lesen Sie am Donnerstag bei FAZ.NET.

WM-Geschichte (1) - Brasilianischer Leichtfuß und indischer Plattfuß

WM-Geschichte (2) - Taufpaten für Tore und Tod eines Trophäensammlers

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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