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Eichlers Eurogoals Wie ein hungriges Raubtier

Torjäger müssen mit Flanken gefüttert werden, damit sie ihren Torhunger stillen können. Denn mancher hat zu viel Biss. „Kannibale“ Suarez könnte einen Maulkorb vertragen, wie Gegenspieler Ivanovic schmerzvoll erfährt.

© REUTERS Vergrößern Torjäger mit Überbiss: Luis Suarez

Torjäger sind Raubtiere mit seltsamen Ernährungsgewohnheiten. Sie sollen einen Torhunger mitbringen, der möglichst unstillbar ist, obwohl man sie regelmäßig mit Flanken füttert. Sie brauchen Biss, bekommen aber manchmal trotzdem von ihren Herrchen einen Maulkorb. Das mit dem Maulkorb ist natürlich nur im übertragenen Sinne gemeint. Er soll bei Fußballern, anders als bei Hunden, nicht unkontrolliertes Beißen, sondern unkontrolliertes Reden verhindern.

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Allerdings wäre das mit einem echten Maulkorb aus dem Tierhandel vielleicht gar keine so schlechte Idee bei Luis Suarez. Zumindest beweisen das zahlreiche, in Bildbearbeitungsprogrammen versierte Fußballfreunde, die den Torjäger des FC Liverpool seit Sonntag in allerlei neuartigen Rollen illustrieren – eine der beliebtesten: Suarez als Hannibal Lecter, mit Zwangsjacke und Gesichtsmaske.

Übertriebene Bissigkeit

„Schmeißt den Kannibalen raus!“, forderte am Montag die „Daily Mail“, stellvertretend für die gesamte empörte Medienlandschaft in England. Man erinnert nun daran, dass Suarez schon in seiner Zeit bei Ajax Amsterdam „der Kannibale“ genannt wurde, nachdem er im November 2010 im niederländischen Spitzenspiel gegen PSV Eindhoven dem Gegenspieler Otman Bakkal in den unteren Teil des Halses gebissen hatte.

164385368 © AFP Vergrößern Maulkorb gefällig: nach einem verlorenen Zweikampf schlägt Suarez (rechts) seinem Gegenspieler Ivanovic die Zähne in den Arm

Der Uruguayer, der schon zu jenem Zeitpunkt seinen Ruf als „Bad Boy“ des Fußballs weg hatte, weil er im WM-Viertelfinale gegen Ghana sein Team mit einem vorsätzlichen Handspiel auf der Linie in der 120. Minute ins Elfmeterschießen und letztlich ins Halbfinale gerettet hatte, entschuldigte seine übertriebene Bissigkeit mit „Jetlag“ durch Reisen zwischen Südamerika und Europa. Diese originelle Erklärung bewahrte ihn nicht vor einer Sperre von sieben Spielen, die praktisch das Ende seiner Zeit bei Ajax bedeutete.

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Nun könnte der erneute Rückfall in steinzeitliche Verhaltensmuster auch seine Zeit in Liverpool beenden. Dort funktionierte es sportlich gut für ihn – er führt die Torjägerliste der Premier League mit 23 Treffern an. Doch blieb er mit seiner altertümlich uruguayischen Spielidee mit regelmäßigen Ausflügen in die Grauzonen zwischen Zynismus und Gemeingefährlichkeit, mit Schwalben, Handtoren und anderen Unfeinheiten, für das englische Fußballverständnis ein ewiger Fremdkörper.

Ins eigene Fleisch geschnitten

Am Sonntag erlebten die Zuschauer an der Anfield Road im Duell mit Chelsea beide Seiten des Stürmers. In der 97. Minute bejubelten sie dessen phänomenalen Torinstinkt, mit dem er in letzter Sekunde per Kopf zum 2:2-Endstand ausglich. Doch wäre der Arbeitstag schon lange vorher beendet gewesen für Suarez, hätte der Schiedsrichter die Szene in der 62. Minute gesehen, als der Uruguayer, nach einem verlorenen Zweikampf im gegnerischen Strafraum, den Arm seines Gegenspielers Branislav Ivanovic packte und seine Zähne wie ein hungriges Raubtier hineinschlug.

Der serbische Verteidiger zeigte dem Schiedsrichter empört die schmerzenden, von Blutergüssen verfärbten Druckstellen, die das Gebiss des Stürmers in seinem Arm hinterlassen hatte. Doch reichte der pathologische Befund dem Schiedsrichter, der die kannibalische Szene übersehen hatte, nicht aus für eine Bestrafung.

Liverpool vs Chelsea © dpa Vergrößern Der fassungslose Ivanovic demonstriert dem Schiedsrichter die Attacke, doch der hat nichts erkannt

Die Bilder aus diversen Kamerawinkeln waren jedoch deutlich, und so merkte Suarez rasch, dass er sich ins eigene Fleisch geschnitten hatte. Nachdem die Szene sich rasch im Netz über die Fußballwelt verbreitet hatte, versuchte er das Nötigste zur Schadensbegrenzung, indem er sich gleich nach dem Spiel öffentlich und telefonisch bei Ivanovic entschuldigte.

Braucht Bayern mehr Biss?

Doch der öffentliche Tenor klingt so, dass man ihn auf der Insel nicht mehr sehen will. Wer wird den allzu bissigen Torjäger, der angeblich über 40 Millionen Euro kosten soll, nun nehmen wollen? Im vergangenen Monat war ja sogar der FC Bayern von spekulativen Medien als angeblicher Interessent ins Gespräch gebracht worden – weil Suarez denselben Berater hat wie der künftige Bayern-Trainer Pep Guardiola, nämlich dessen Bruder Pere Guardiola. Braucht Bayern mehr Biss?

- © AFP Vergrößern Auch nicht recht: Civelli (verdeckt) gibt Ibrahimovic einen Kuss

Laut englischen Berichten hat der Fall Suarez zumindest einen neuen Fan eingebracht. Während sein großer Konkurrent Robin van Persie von Manchester United, der den Uruguayer während dessen zu erwartender Sperre in der Torjägerliste überholen dürfte, seinen Twitter-Account kürzlich einstellte, offenbar ein neuer Trend bei Profis, die sich nicht mehr durch das pausenlose Gezwitscher vom Wesentlichen abhalten lassen wollen - währenddessen also ist Suarez immer noch ein fleißiger Twitterer und hat nun, laut englischen Medienberichten, einen Wesensverwandten als neuen „Follower“ gewonnen: Mike Tyson. Richtig, jenen Boxer, den die meisten nicht wegen seiner wuchtigen Fäuste in Erinnerung behalten haben, sondern wegen seiner scharfen Zähne. Der Kollege Evander Holyfield, den das seit ihrem Skandalkampf 1997 etwas beim Stereo-Hören behindert, dürfte ganz Ohr sein.

Biss oder Bussi

Wie man sich besser benimmt unter Männern, auch wenn man sich auf dem Spielfeld ungewöhnlich nahe kommt, zeigte am Sonntag Renato Civelli von OGC Nizza. Bei der 0:3-Niederlage beim Tabellenführer Paris St-Germain näherte er sich dem Superstar von PSG, Zlatan Ibrahimovic, und gab ihm einen Kuss auf den Nacken. Ibrahimovic aber fand das gar nicht lustig und schubste Civelli weg. Biss oder Bussi, das ist manchmal auch nicht so einfach zu unterscheiden.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 22.04.2013, 14:25 Uhr

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