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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eichlers Eurogoals „Wie dumm er ist!“

 ·  Zwei Leverkusener hatten ihre besten Zweikampfwerte im Kampf um ein verschwitztes Hemdchen, Größe S, Materialwert zehn Euro. Ein anderer Spieler hingegen wird durch seinen Trieb zur textilen Entfesselung zum Gespött.

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© dapd Wirf alles von dir, was dich Hemd: Schon Heinz Erhard wusste, worauf es beim Fußball ankommt

Seit dem Bosman-Urteil 1995 und der völligen Öffnung des Spielermarktes gibt es eine beliebte These: Der Fußball als perfektes Spiegelbild der modernen Arbeitsrealität. Betrieben von grenzenlos mobilen Arbeitnehmern.

Von Menschen, die sich nicht mehr als Angestellte bis zur Rente verstehen, sondern als Projektmitarbeiter auf Zeit. Gewisse Unterschiede aber gibt es noch zwischen Rasen und Realwelt. Besonders beim Umgang mit Oberbekleidung.

So hat sich im Büroalltag die Sitte noch nicht ganz durchgesetzt, sich nach einem gelungenen Arbeitseinsatz schreiend das Hemd vom Leib zu reißen. Auch sieht man es bei Mitarbeitern von Paketdiensten, Schnellimbissen oder anderen Arbeitskräften, die ihrer Tätigkeit uniformiert nachgehen, recht selten, dass sie nach erfolgreicher Zustellung eines Päckchens oder Hackbratenbrötchens begeistert das Firmenlogo auf ihrer Brust küssen.

Und auch die menschlich sympathische Idee, nach Abschluss zäher Vertragsverhandlungen das redlich verschwitzte Oberhemd mit einem Mitglied der gegnerischen Delegation zu tauschen, muss noch einige Hürden nehmen, bis sie zum Verhaltensstandard moderner Unternehmenskultur taugt.

Denn ganz oben sieht man so etwas nicht gern. Vorstände und Vorgesetzte pochen oft auf altmodische Kleiderordnung. Selbst im Fußball kippt augenblicklich die Stimmung etwas gegenüber allzu enthemmten Hemden-Sitten. Rudi Völler etwa fand es ja gar nicht gut, dass seine Mitarbeiter im Champions-League-Spiel gegen Barcelona ihre stärksten Zweikampfwerte nach Schlusspfiff im Kampf um das Trikot von Lionel Messi hatten.

Deshalb ordnete er an, dass das verschwitzte mintfarbenene Hemdchen (Größe S, Materialwert circa zehn Euro) zu einem guten Zweck versteigert wird – zu einem besseren jedenfalls als dem, im Partykeller irgendeines früheren Fußballers als Trophäe jahrzehntelang müffelnd herumzuhängen.

Menschen wie Messi muss es recht lästig sein, dass ihnen fast alle an die Wäsche wollen. Er ist es aber gewohnt, die Hingabe des Hemdes mit Haltung zu tragen. Nachdem er gegen Bayer nur ein Tor geschossen hatte, legte er beim 5:1 am Sonntag gegen Valencia gleich vier nach.

Damit konnte er zwar nicht das Duell mit Real Madrid um den Meistertitel wieder offen gestalten, denn auch der überlegene Tabellenführer gewann sicher (4:0 gegen Santander); aber zumindest den Kampf um Torjägerkrone und Torjägerrekorde, mit nun 27 Treffern in 23 Spielen, knapp hinter Cristiano Ronaldo (28 in 23).

So sehr sich Messi mit Toren hervortut, so wenig tut er das mit Torjubel. Deshalb gibt er Hemden auch nur auf Nachfrage her. Und hält sich der seltsamen und sich schon seltsam lang haltenden Mode fern, nach einem Treffer brüllend aus dem Hemd zu schlüpfen.

Bei einem solchen Wiederholungstäter wie dem kleinen Argentinier ist das wohl auch eine Vorsichtsmaßnahme. Für einen Messi, der sich textil gehen ließen, hätte es ja allein gegen Valencia für zwei Platzverweise gereicht.

Woher der Trieb zur textilen Entfesselung kommt, ist schwer nachvollziehbar. Wir vermuten uralte männlich-allzumännliche Triebe, die sich aber nun erst im Fußball Bahn brechen können. Denn schon Heinz Erhard, zu dessen Zeit das noch kein Thema war, schrieb: Wirf alles von dir, was dich Hemd. Doch kaum ist sie da, soll die Sache wieder aus der Welt.

Und so haben die Sittenwächter des Fußballs in ihrem heroischen Kampf gegen den Niedergang des Spiels den Trikot-Strip bekanntlich schon im letzten Jahrhundert zum strafwürdigen Vergehen deklariert.

Aber was heißt hier schon bekanntlich? Wir schalten um nach Rotterdam, wo sich der Traditionsklub Feyenoord, 1970 der erste Verein aus Mitteleuropa, der den Europapokal der Landesmeister gewann, nach dem Niedergang der vergangenen Jahre (mit dem historischen Tiefpunkt eines 0:10 gegen Eindhoven in der letzten Saison) nun langsam wieder zum Spitzenklub mausert.

Und das vor allem dank der Tore eines gewissen John Guidetti, eines Schweden mit einem ziemlich unschwedischen Namen – was ihn, neben Talent, Torriecher und Temperament, mit Zlatan Ibrahimovic verbindet.

Der 19 Jahre junge Angreifer mit Vorfahren aus Italien und Brasilien wurde vor zwei Jahren vom Landsmann Sven-Göran Eriksson, damals Trainer bei Manchester City, nach England geholt, dort aber im mit teuren Stars aufgeblähten Profikader nie eingesetzt, sondern weiterverliehen. Letzten September landete er in Rotterdam, und dort wurde der bullige Stürmer zum Treffer – mit 18 Toren in 16 Spielen.

Der 18. Treffer allerdings wird ihm noch lange nachhängen. Es ist Sonntag, die 77. Minute, das 1:0 gegen RKC Waalwijk. Als wär’s das Siegtor im Elfmeterschießen eines EM-Finals und nicht ein Elfmetertor gegen einen Aufsteiger in Abstiegsgefahr, stürmt Guidetti Richtung Eckfahne, dass die TV-Kamera kaum mitkommt.

Schon ruft der Fernsehkommentator: „Wie dumm er ist!“ Und Schnitt: Im Bild nun Trainer Ronald Koeman, wie er Hände vors Gesicht schlägt und wütend auf den Boden tritt. Die nackten Tatsachen: Guidetti hat sich im Jubelspurt das Trikot vom Leib gerissen. Weil er schon eine Gelbe Karte hat und auf das Enthemden zwanghaft eine weitere folgt, heißt das Platzverweis.

In Unterzahl kassiert Rotterdam noch das 1:1, verpasst den Sprung auf Platz drei im engen niederländischen Meisterschaftskampf (nur fünf Punkte liegen zwischen Tabellenführer PSV Eindhoven und dem Sechsten Ajax Amsterdam) – und muss nun ohne den besten Torjäger zum Spitzenspiel nach Eindhoven.

„Ich fühle mich schrecklich“, sagt Guidetti. „Ich habe mich bei meinen Teamkollegen entschuldigt, ich hoffe, sie vergeben mir.“ Trainer Koeman schimpft: „Ich bin sehr ärgerlich.“ Allerdings ist Koeman in dieser Hinsicht ein eher schlechtes Vorbild.

In seiner eigenen Spielerkarriere ging auch er nicht immer angemessen mit spielerischer Oberbekleidung um. Nicht, dass auch er sich das Hemd vom Leib gerissen hätte – diese Mode kam erst später auf, als Krafttraining Kickerkörper knackiger werden ließ.

Nein, Koeman tauschte sein orangenes Hemd nach dem emotionalsten aller holländischen Siege, dem 2:1 im EM-Halbfinale gegen Deutschland 1988, mit dem von Olaf Thon – um sich dann mit dem deutschen Hemd symbolisch den Hintern zu wischen.

Wir nehmen an, dass es seitdem in Koemans Partykeller einen Ehrenplatz einnimmt. Wollen das aber gar nicht sehen. Schon gar nicht riechen. Tipp der Woche bei der Kleiderpflege: nicht tauschen, waschen.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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