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Eichlers Eurogoals Übersteiger in Unterhose

30.08.2010 ·  Europas Fußball liefert Tennis-Ergebnisse, nur Madrid mit Özil und Khedira nicht - kein Wunder bei dem Trainer. Tevez bewirbt sich schon um den „Fehlschuss der Saison“. Ein Flummi ärgert Kasan. Und Angeber Neymar ist plötzlich ohne Hose.

Von Christian Eichler
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Als José Mourinho noch Trainer beim FC Chelsea war, wo ihm Sicherheit über alles ging, gewann der Rivale Arsenal das Derby in Tottenham mit dem schönen Resultat von 5:4, und Mourinho mäkelte: „Das ist kein Fußball, das ist Eishockey.“ Inzwischen hat sein früherer Klub die Mourinho-Jahre endgültig hinter sich gelassen und produziert nicht nur Eishockey-, sondern Tennis-Resultate.

6:0, 6:0, so hießen die beiden ersten Chelsea-Ergebnisse der Saison, auch Arsenal trug ein 6:0 bei, und sogar auf die Bundesliga schwappt der Tennis-Trend mit dem Mönchengladbacher 6:3 in Leverkusen über. Was aber zeigt Real Madrid auf Mallorca, im ersten Liga-Spiel unter Mourinho? Ein Resultat, das es weder im Eishockey noch im Tennis gibt: ein 0:0.

So beginnt die neue Saison für Real-Fans schon wieder mit dem Gefühl, das sie mit dem portugiesischen Trainer-Messias eigentlich loswerden wollten: das, nur die Nummer zwei zu sein. Schon hecheln sie wieder dem ewigen Rivalen aus Barcelona hinterher, der nur drei Minuten brauchte, um durch Lionel Messi sein erstes Saisontor zu erzielen. Nach weiteren Treffern durch Andres Iniesta und den Neuzugang David Villa gewann Barca 3:0 in Santander. Mourinho ließ seine deutschen Novizen Mesut Özil und Sami Khedira erst Mitte der zweiten Halbzeit aufs Feld, was auch nicht weiterhalf.

Und dann fährt die Stewardess auch noch gegen das Knie

Immerhin ging es den beiden besser als dem dritten deutschen WM-Jungstar, der in diesem Sommer zu einem der reichsten Klubs Europas wechselte, als Jerome Boateng. Den Saisonstart von Manchester City hat Boateng wegen einer Knieblessur verpasst. Und dabei die umfangreiche Liste von kuriosen Verletzungen von Fußballern in England um ein Novum bereichert.

Auf der Insel sind Profis schon durch seltsamste Missgeschicke bei alltäglichen Verrichtungen für Spieleinsätze ausgefallen, etwa beim Angeln (David Seaman) oder Bügeln (Michael Stensgaard), bei Fernsehen (Robbie Keane, Rio Ferdinand) oder Fußpflege (Darius Vassell), beim Rasenmähen (Kenny Dalglish) oder Zähneputzen (Alan Mullery). Nun kommt noch Sitzen hinzu. Nachdem Boateng beim Länderspiel in Dänemark wegen seiner Kniebeschwerden ausgewechselt worden war, fuhr ihm während des Rückflugs eine Stewardess einen Getränkewagen gegen das Knie.

So ein Flugunfall kann immerhin fast jedem passieren - nicht aber das, was Boateng am Sonntag beim Kollegen Carlos Tevez beobachten konnte. Eine solche Gelegenheit, sich unsterblich zu blamieren wie der Argentinier im Spiel in Sunderland, bekommen nur die wenigsten.

„Fehlschuss der Saison, vielleicht sogar des Jahrzehnts“

Yaya Touré hatte mit einem tollen Sololauf über fünfzig Meter alle hinter sich gelassen. Dann tat er das, was Bayern-Trainer Louis van Gaal am Freitag in Kaiserslautern von seinem Jungstar Thomas Müller vergeblich erwartet hatte - Touré schob den Ball allein vor dem Torwart quer auf den mitgelaufenen Kollegen. Das Resultat war allerdings dasselbe wie bei den Bayern: kein Tor und eine Niederlage.

Keine zehn Meter vor dem leeren Kasten, vor einem 18 Quadratmeter großen Scheunentor, mit unverstelltem Blick auf ein freies Tornetz, das nur darauf wartete, ausgebeult zu werden - so löffelte Tevez den Ball über die Latte. Am Ende verlor Manchester City durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit 0:1. Und „BBC online“ fand, man habe schon am dritten Spieltag einen großen Favoriten für die Wahl zum „Fehlschuss der Saison, vielleicht sogar des Jahrzehnts“ gesehen.

Flummi auf einem hart gebackenen nordkaukasischen Platz

Was wäre Fußball ohne Schadenfreude! Dabei freut man sich vielleicht gar nicht so sehr über den Schaden der einen als über den Gewinn für den ganzen Fußball: Der zeigt nämlich in solchen Momenten das herrlich Unzähmbare und Unvorhersehbare, das er so zäh gegen die Erfolgsplanwirtschaft der großen Klubs verteidigt.

Wer hätte zum Beispiel vorhersehen können, wie der Befreiungsschlag eines Montenegriners namens Milan Jovanovic (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Serben, der bei der WM das Siegtor gegen Deutschland schoss) auf einem vom russischen Sommer hart gebackenen nordkaukasischen Fußballplatz springen würde? Sergej Ryschikow, der Nationaltorwart des Meisters Rubin Kasan, konnte es nicht. So flog der Ball fünfzig Meter weit, tickte dann wie ein Flummi vor ihm hoch und segelte über ihn hinweg ins Tor. So gelang dem Außenseiter Spartak Naltschik ein 1:1-Remis durch einen Schuss von der eigenen Strafraumgrenze.

Ein Neueintrag für die Liste lustiger Fußballpannen

Für die schönste Kuriosität der noch jungen Saison muss man aber noch nach Brasilien blicken. Denn noch spielt Neymar dort, obwohl ihn schon der FC Chelsea lockt. Der Jungstar vom FC Santos gilt als neuer Pele oder wenigstens als neuer Robinho, mit dem er eine Vorliebe für den multiplen Übersteiger teilt. Wie man solchen Angebern die Hosen runterlässt, zeigte am Wochenende Neymars Gegenspieler von Goiás EC mit einem innovativen Tackling.

Er erwischte weder den Ball noch das Bein des Jungstars - dafür dessen Hose. Sie blieb am Stollen des Verteidigers hängen, und so wirkte Neymar am Ende der Aktion etwas underdressed. Der Schiedsrichter pfiff Freistoß, obwohl gar kein Körperkontakt vorlag. Es war eine ganz neue Form des Textilfouls und zugleich ein Neueintrag für die Liste lustiger Fußballpannen: Übersteiger in Unterhose.

Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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