Hoch das Bein – von allen Arten, einen Ball zu bewegen, gilt der Schuss mit dem Rücken zum Tor und dem Fuß über Kopf als die komplizierteste und kunstvollste. Und Zlatan Ibrahimovic gilt, seit er mit dem 4:2 gegen England ungeahnte Lufträume eroberte, als ihr Meister, als Vater aller Fallrückzieher. Ohne Zweifel ist er der gelenkigste Stürmer, den es je im Längenmaß von über 1,90 Metern gab. Das hat auch mit seiner Vorliebe für asiatische Kampfkünste zu tut. Doch nicht immer setzt er diese Fähigkeiten nur gegen den Ball ein. Zwischen Kunst, Kung-fu und Krawall sind die Unterschiede bei Ibrahimovic fließend.
Bekannt sind diverse Vorfälle vom Training etwa beim AC Mailand oder bei Paris St-Germain, in denen das schwedische Alphatier unterrangige Mitspieler einschüchtert oder umtritt, drangsaliert oder provoziert – was soll ihm schon passieren, er ist der große Ibra, und auf dem Trainingsplatz gelten nicht die Regeln des Fußballs, sondern der Macht.
Auf dem Fußballplatz aber wird das Spiel „durch die Anwesenheit der anderen Mannschaft verkompliziert“, wie schon der Philosoph Jean-Paul Sartre bemerkte; noch mehr aber durch die Anwesenheit des Schiedsrichters. Deshalb ist Ibrahimovic derzeit in der französischen Liga nur Zuschauer.
Rot für versuchte Rippenperforation
Vor zwei Wochen trat er dem Torwart von AS St-Etienne, Stephane Ruffier, die Fußsohle mit gestrecktem Bein in den Brustkorb. Eine artistische Aktion fast in Fallrückzieherhöhe - nur dass er diesmal nicht Gelb für Trikotausziehen bekam wie nach seinem Jahrhunderttor, sondern Rot für versuchte Rippenperforation. Der Flugkünstler flog.
Der nölende PSG-Trainer Carlo Ancelotti forderte danach „mehr Respekt“ für seine reich geölte Millionentruppe und erklärte allen Ernstes, eine Gelbe Karte hätte es auch getan. Als Chelsea-Trainer lernte der Italiener einst, wie schnell reiche Spender, ob aus Russland oder Arabien, nervös werden. Nun erlebt er einen ungemütlichen November. Ohne seinen zehnmaligen Torschützen verlor PSG in der französischen Liga 1:2 gegen St-Etienne, erreichte in Montpellier nur ein 1:1 und blamierte sich zuletzt beim 1:2 gegen Stade Rennes – einen Gegner, der nach 25 Minuten nur noch zu zehnt und nach 50 nur noch zu neunt auf dem Platz gestanden hatte. (siehe auch: Ergebnisse aus den europäischen Ligen im Überblick) Ohne Ibrahimovic, der den Kopf verlor und den Fuß zur Waffe machte, ist der große Titelfavorit hinter Lyon und Bordeaux auf Platz drei zurückgefallen.
Der Togolese sah Rot, sein Team schwarz
Auch andere sind schwer berechenbar, was die Schwankung ihrer Tritte zwischen hübsch und hässlich angeht. Emanuel Adebayor, einst von Arsenal an Manchester City verkaufter Torjäger, dann auf die Ersatzbänke von Real Madrid und Tottenham Hotspur weitergereicht, durfte am Samstag im Nord-Londoner Derby zwischen Arsenal und den Spurs wieder einmal in die Startformation. Er traf nach 10 Minuten auch prompt das Tor. Dann aber nach 18 Minuten auch, im sensenartigen Tiefflug mit gestrecktem Bein voran, den Knöchel von Santi Cazorla. Der Togolese sah Rot, sein Team sah schwarz.
Gegen die dezimierten Spurs machten zwei Qualitätsprodukte des Exportweltmeisters Deutschland aus dem 0:1 ein 2:1 - erst Per Mertesacker mit einem turmhohen Kopfball, dann Lukas Podolski mit einem krummen Schuss. Und Arsenal gewann ohne Mühe 5:2. Spurs-Trainer Andre Villas-Boas gab danach, ähnlich wie Bayern-Kapitän Philipp Lahm im Mai nach dem Dortmunder 5:2-Sieg im Pokalfinale, die originelle Einschätzung ab, sein Team habe „das Spiel im Griff gehabt“.
Wenigstens der Übeltäter Adebayor fand einen begabteren Texter und bot eine fein formulierte Entschuldigung an: „Ich entschuldige mich von ganzem Herzen bei meinen Teamkollegen, dem Trainer und allen Tottenham-Fans. So sehr wollte ich Tottenham zum Sieg verhelfen und dachte, das würde gelingen, als ich das Tor schoss. Aber Fußball wechselt so schnell. In einer Minute der Held, in der nächsten der Schurke.“
Soldado, der Held mit dem vielen Gelb
Der Held in Valencia heißt Roberto Soldado. Weil er schöne Tore schießt – mit sieben Treffern in den letzten sieben Spielen hat er sich rechtzeitig in Form gebracht für das Spiel gegen Bayern München an diesem Dienstag. Und weil er Angeboten von Tottenham und Liverpool, von Inter Mailand und PSG widerstand und seinen Vertrag bis 2017 verlängerte. Doch auch bei ihm ist es ein schmaler Grat zwischen Schönheit und Hässlichkeit, zwischen Torjäger und Treter – manchmal ist der Unterschied nur der Blickwinkel, den der Schiedsrichter hat.
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Und manchmal verläuft der Grat mitten durch eine Partie. Vor kurzem schoss Soldado ein Tor zum Schwärmen, vielleicht das zweitschönste des Monats November in ganz Europa: volley aus vollem Spurt beim 2:0-Sieg gegen den zuvor in 25 Spielen unbesiegten Tabellenzweiten Atletico Madrid. Doch trotz des Traumtores machte der schnelle Stürmer die falschen Schlagzeilen. Im selben Spiel trat er dem am Boden liegenden Atletico-Torjäger Radamel Falcao mit den Stollen ein blutendes Loch in die Stirn.
Nur weil das hinterrücks geschah, konnte mit größtem Wohlwollen noch die Unschuldsvermutung gelten. Anders jedenfalls als vier Tage später in der Champions League bei Soldados Schlag in die Magengrube des Barisau-Verteidigers Maxim Bordatschew, einer groben Tätlichkeit, die vom Schiedsrichter übersehen wurde. Mit sechs Verwarnungen in 16 Saisonspielen kommt Soldado auf eine für einen Stürmer ungewöhnlich hohe Gelb-Quote. Aber anders als Ibrahimovic und Adebayor ist er bisher ohne Rote Karte ausgekommen.
Trefferquote von 34,4 Prozent
Vielleicht ist auch das eine Frage der Präzision – treffen, ohne sich erwischen zu lassen. Und wer ist der effizienteste Stürmer der Champions League? Nicht Messi oder Ronaldo, nicht van Persie oder Milito – sondern Soldado. Der Mann, der trotz der Verletzung von David Villa und der Formschwäche von Fernando Torres keinen Platz im EM-Team des Welt- und Europameisters Spanien bekam, führt die Wertung der letzten fünf Jahre, in denen er in der Champions League in 20 Spielen 16 Tore schoss, mit einer Trefferquote von 34,4 Prozent an. Das heißt: Mehr als jeder dritte Schuss Soldados landete im Tor.
Damit liegt er deutlich vorn, vor dem inzwischen in Katar tätigen Landsmann Raul (28,8 Prozent) und dem bayrischen Rekonvaleszenten Mario Gomez (27,6). Alle anderen erreichen nicht mal 25 Prozent, auch Messi und Ronaldo nicht. In der aktuellen Saison kommt Soldado mit bisher vier Toren bei zehn Versuchen sogar auf 40 Prozent. Und Zlatan Ibrahimovic? Der Herr der Lüfte bleibt in seiner Trefferausbeute in der Champions League (21 Versuche, 2 Tore) ziemlich irdisch. Nicht mal 10 Prozent. Hoch das Bein – flach die Quote.
Christian Eichler ist auf den Fußballfeldern Europas zuhause. In Eichlers Eurogoals - die FAZ.NET-Fußball-Kolumne fasst er seine pointierten Betrachtungen zusammen.
Kunst des Zlotans
Axel Julius (Axel_Julius)
- 19.11.2012, 15:34 Uhr