31.10.2011 · Christian Eichler trifft zum 100. Mal mit seinen Eurogoals ins Schwarze: Zum Jubiläum feiern Chelsea und Arsenal ein Schützenfest. Messi beendet seine erste Karrierekrise. Und in Österreich zelebrieren sie für den Liebhaber der Egil-Olsen-Ecke einen Standard.
Tore sind die einzige Nahrung, die glücklich, aber nicht dick macht. Derzeit empfiehlt sich die englische Diät. Bei den Spitzenspielen auf der Insel ist in dieser Saison für alle etwas dabei – für die, die gern an stumpfen Verteidigern rummäkeln, und für die, die sich an scharfen Stürmern begeistern. Manchester United gegen Arsenal 8:2, verrückt. Manchester United gegen Manchester City 1:6, unglaublich.
Und doch wurde beides vom Unterhaltungswert nun noch in den Schatten gestellt von: Chelsea gegen Arsenal 3:5, grotesk. Wie da der kleine Theo Walcott zwei Mann ausspielt, hinfällt, sich blitzartig wieder aufrappelt wie ein Hase, den die Füchse schon umzingelt haben, und ihnen mit einem Haken (und mit dem Ball) abermals entwischt, zum 2:3 für Arsenal; und wie der große John Terry beim Versuch, einen schlechten Rückpass zu erlaufen, der Länge nach auf die Nase fliegt und Robin van Persie freie Bahn zum entscheidenden 3:4 verschafft – das war schieres Entertainment in einem von Tempo-Attacken und Torszenen überschäumenden Spiel.
Ein José Mourinho, der 2004/05 in seiner ersten Saison bei Chelsea gleich überlegen Meister wurde und dabei in 38 Spielen nur 15 Gegentore zuließ (bis heute Rekord in der Premier League), so viele wie Chelsea jetzt schon, nach 10 Spieltagen, hat; der klubübergreifend neun Jahre ohne Heimniederlage blieb und noch nie daheim fünf Gegentore kassierte – ein Mourinho würde zu diesem Ergebnis wohl wiederholen, was er einmal über das Resultat eines Derbys zwischen Tottenham und Arsenal (4:5) spöttisch äußerte: „Das ist kein Fußball, das ist Eishockey.“
Man kann es eben nicht jedem recht machen. Mourinhos junger portugiesischer Landsmann André Villas-Boas, der die Zeit des muskulösen Sicherheitsfußballs bei Chelsea auf Wunsch des Eigentümers Roman Abramowitsch durch attraktiven Angriffsfußball ersetzt hat, muss seinen Stil nach solchen Niederlagen schon jetzt gegen kritische Fragen verteidigen: „Wir sind stolz auf die Art, wie wir spielen“, sagte er trotzig. „Wir werden unsere Philosophie nicht ändern.“
Die seltsamste Frage des Wochenendes warfen gleich nach dem Spiel allerdings einige Blogs und Foren im Internet auf. Sie bezog sich auf die politische Korrektheit von Robin van Persies Torjubel. Jedenfalls dem bei seinem Tor zum 3:4, dem zweiten seiner drei Treffer. Der Niederländer hat für gewöhnlich genug Gelegenheit zum Torjubel. Allein im Jahr 2011 hat er in 27 Ligaspielen 28 Tore erzielt, Spitzenwert der Premier League.
Deshalb leistet er sich unterschiedliche Arten, seine Tore zu feiern: mal mit ausgebreiteten Armen, mal mit geballten Fäusten, mal auf den Knien rutschend. Gern auch legt er die beiden Hände über Kreuz auf die Schultern, um sie dann nach vorn den Fans entgegenzustrecken. Nach dem 3:4 bei Chelsea tat er genau das, aber nur mit einem Arm – weil von der Seite her schon die Kollegen heraneilten und ihm den Bewegungsraum für den zweiten Arm einengten? Jedenfalls kam bei einigen Aufpassern im Web, aber auch etwa in einer schwedischen Zeitung, prompt die Frage auf: Hat van Persie einen Hitlergruß entboten?
Darauf muss man erst einmal kommen: ein Holländer mit Hitlergruß in einem englischen Stadion. So absurd das klingen mag, es zwang den Fußballprofi noch am Abend zu einer offiziellen Erklärung: Es sei „völlig lächerlich“, seine Bewegung, mit der er mit der rechten Hand über die linke Schulter strich und anschließend mit dem Arm Richtung Fans zeigte, „als irgendetwas anderes darzustellen als die Demonstration von Freude und Jubel“. Die Andeutung, es bedeute das Gegenteil, sei „beleidigend und absurd“.
Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen im Fußball. Zum Beispiel zu dem Disput, der sich nun zwischen den Walfang-Nationen Norwegen und Japan andeuten könnte, ein Disput um die uralte Frage: Wer hat den Längsten? In diesem Fall geht es um Kopfbälle. Im September beantragte der Erstligklub Odd Grenland einen Eintrag ins Rekordbuch für seinen Spieler Jone Samuelsen, der ein Kopfballtor aus der eigenen Hälfte erzielt hatte, aus offiziell angeblich 57,30 Metern.
Nun aber, nur 36 Tage später, soll der Japaner Ryujiro Ueda vom Zweitligaverein Fagiano Okayama noch einen Meter draufgesetzt haben. Ging das mit rechten Dingen zu? Welche Rolle spielte der gegnerische Torwart? Beim Kopfballtor in Norwegen hatte der gegnerische Torwart ein Alibi, er war in der Nachspielzeit in den gegnerischen Strafraum geeilt. Der Japaner aber, Kentro Seki aus Yokohama, stand in seinem Tor und kassierte trotzdem ein Kopfballtor aus der gegnerischen Hälfte. Das muss man erst einmal schaffen. Es geht so: Seki setzte einen Abschlag genau auf den Kopf von Ueda knapp hinter der Mittellinie, der köpfte ihn direkt zurück. Der Torwart lief dem Ball entgegen, der sprang über ihn hinweg. Schon hatte man ein Tor für die Ewigkeit.
Ach, Tore – selbst ein Lionel Messi braucht sie für sein Lebensglück, auch wenn es bei ihm nur selten Kopfballtreffer aus großer Distanz sind. Seine erste große Karrierekrise (drei Spiele ohne Treffer) hat der kleine Star des großen FC Barcelona beim 5:0 gegen Mallorca nun recht überzeugend beendet, mit einem Hattrick binnen 16 Minuten.
Damit übernahm er, mit 13 Toren in 10 Spielen, wieder die Führung der Torjägerliste vor Cristiano Ronaldo, der beim 1:0 mit Real Madrid in San Sebastian leer ausging und nun Konkurrenz im eigenen Stall hat. Denn Kollege Gonzalo Higuain traf schon wieder – in jeder der fünf Liga-Partien, in denen er in der Startelf von Real stand, hat der Argentinier getroffen, insgesamt neunmal.
Real ist damit wieder ganz oben, und damit sind wohl auch die romantischen Tage der Seniorentruppe aus Levante an der Tabellenspitze gezählt. Kaum veröffentlichte der kleine Klub einen Werbefilm, in dem er sich als eine Art Tabellenführer der Herzen feierte, verlor er auch schon erstmals, 0:2 in Osasuna. Unterdessen hat sich übrigens Miroslav Klose, der beim 3:0 in Cagliari sein sechstes Saisontor in Italien erzielte, mit Lazio still und heimlich der Spitze der Serie A genähert – nur einen Punkt hinter Tabellenführer Juventus, der bei Inter 2:1 gewann.
Und dann wären da abschließend noch unsere gern unterschätzten Nachbarn aus Belgien und Österreich, die in der EM-Qualifikation ja nicht viel ausrichten konnten gegen Yogi Löws Rekordjäger. Dennoch lohnt es sich, ab und zu mal über die Grenze zu schauen. In Belgien zum Beispiel hat man schon den englischen Trend zum Spitzenspiel-Spektakel aufgenommen – dort gewann Meister Genk beim bisherigen Tabellenzweiten FC Brügge in einem turbulenten Spiel nach 2:4-Rückstand noch 5:4.
Und in Österreich zeigte der eingebürgerte Deutsche und frühere FC-Bayern-Amateur Steffen Hofmann mit den Kollegen Schimpelsberger und Drazan, dass auch beim Eckball noch nicht alles erfunden ist. Beim Pokalspiel in Ried mit Rapid Wien schob Hofmann den Ball von der Eckfahne flach Richtung vorderer Pfosten, wohin Schimpelsberger gespurtet war, der ihn wiederum im rechten Winkel per Direktpass nach hinten blind Richtung Drazan verlängerte – der war inzwischen am verabredeten Treffpunkt in halblinker Position aufgetaucht und wuchtete die Kugel volley in den Winkel. Ein fein präpariertes Dreiecksspiel mit Dreieckstreffer. Ein Tor mit Schlagobers. So was kann man sich wohl nur im Kaffeehaus ausdenken.