Silvio Berlusconi glaubt immer noch an die große Wende. „Ich fühle mich verpflichtet, auf dem Spielfeld zu bleiben“, sagt der längst ausgewechselte Spielmacher der italienischen Politik. Was wie eine Drohung klingen soll, aber eher lächerlich wirkt. Immer mehr entgleitet dem alten Mann: die Justiz, die er als Ministerpräsident im Griff hatte, die ihn nun aber zu vier Jahren wegen Steuerhinterziehung verurteilt hat; der Bezug zur Realität, in der er sich immer noch als Strippenzieher der Macht und als Justizopfer seiner Feinde sieht. Auch die gestrafften Gesichtszüge über dem faltigen Hals entgleiten ihm nach und nach. Und nun tut es auch noch sein liebstes Spielzeug, der AC Mailand.
Seit Berlusconi den Traditionsklub in den frühen achtziger Jahren nach der „Toto nero“-Bestechungsaffäre im italienischen Fußball günstig übernehmen konnte, weil Milan in die Serie B zwangsversetzt worden war, hat es keine Saison gegeben, in der das Publikumsinteresse so gering war und der Erfolg auch. Nur 23.600 Dauerkarten wurden verkauft, fast 8000 weniger als vor einem Jahr. Und so war das San Siro auch am Samstag nicht mal halb gefüllt. Immerhin gab es, nach dem schlechtesten Saisonstart seit 71 Jahren, einen 1:0-Sieg gegen Genua 1893, der das Team von Platz 15 auf Platz 11 der Serie A liftete und dem umstrittenen Trainer Allegri vorerst den Job rettete.
Den Treffer erzielte aber kein Ibrahimovic, kein Thiago Silva, kein Seedorf oder van Bommel, kein Gattuso, Cassano, Zambrotta, Nesta und auch kein Filippo Inzaghi – sie alle verließen den Klub vor der Saison aus Kosten- oder Altersgründen. So erzielte das Siegtor ein italienischer Junioren-Nationalspieler namens Stephan El Shaarawy.
Anders als der Klubbesitzer leistet sich der Halb-Ägypter, „kleiner Pharao“ genannt, kein implantiertes Haupthaar. Doch präsentierte zur Feier seines 20. Geburtstags einen solch struppigen Hahnenkamm auf dem links und recht kahl rasierten Schädel, dass ästhetisch sensible Fußballfreunde sich um zehn Jahre zurückversetzt fühlen mussten. Nämlich in die Zeit der peinlichsten Fußballerfrisuren: die WM 2002 mit Ronaldos Dreiecks-Haarteppich und Christian Zieges schwarz-rot-goldenem Irokesenschnitt.
Aber in Wirklichkeit lässt sich die Uhr, außer am Sonntag früh beim Umstellen auf Winterzeit, nicht zurückdrehen. Dabei wäre es so schön und Berlusconi noch einmal ganz oben. 2002, da war er Regierungschef und Außenminister, machte Witze mit George W. Bush, hatte noch keine Ruby und keine Merkel im Nacken, und auch Milan war eine Macht. Man warf den FC Bayern aus der Vorrunde der Champions League und Borussia Dortmund aus der Zwischenrunde und gewann am Ende der Saison im Frühjahr auch das Finale der Champions League.
Zwei Jahre nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Juventus Turin allerdings wurde der AC Mailand zum Vorboten einer neuen Zeit im Fußball, in dem es die Gewissheiten alter Mächte und sicherer Vorsprünge nicht mehr gibt: als Berlusconis kickendes Kabinett das Endspiel der Champions League nach 3:0-Pausenführung gegen den FC Liverpool im Elfmeterschießen verlor.
Sehnsucht nach Entschleunigung
Jüngst hat ja auch das deutsche Nationalteam erlebt, wie wenig Sicherheiten es in den immer offener und dynamischer gewordenen Strukturen des modernen Fußballs gibt. Nach dem 4:4 gegen Schweden klang prompt in vielen Kommentaren und Expertenmeinungen die alte Sehnsucht nach der Beruhigung des Spiels durch, nach jenen Strategen der guten alten Zeit, die einfach mal das Tempo aus dem Spiel nahmen. In diesem Punkt spiegelt sich im Fußball vielleicht die Sehnsucht des hektischen Menschen der Moderne nach zwei beruhigenden Dingen: nach Führung und nach Entschleunigung.
Die realistische Antwort auf diese Träumereien hatte Ralf Rangnick schon kurz nach der EM Anfang Juli in einem „Spiegel“-Interview gegeben. „Manche Experten sagen, es müsse Spieler geben, die mal den Fuß auf den Ball stellen, um eine Partie zu beruhigen“, sagte der frühere Schalker Trainer. „Machen Sie das mal gegen Barcelona oder gegen Dortmund! Da fallen drei Gegner über den Spieler her wie ein Wolfsrudel über ein Reh. Fußball ist in den letzten fünf Jahren zu einem völlig anderen Spiel geworden.“
Vorwärtsdenken statt Vorsprunghalten
Es kommt in diesem neuen, anderen Spiel nicht auf Vorsprunghalten an, sondern auf Vorwärtsdenken. Auf Initiative, auf Schwung, auf Beweglichkeit. Meister der Schwungumkehr ist Manchester United, das in bisher dreizehn Saisonpartien achtmal in Rückstand geriet – und sechs davon gewann, zuletzt beim 3:2 nach 0:2-Rückstand in der Champions League gegen Braga. Schon letzte Saison machte es Alex Fergusons Elf beim 3:3 beim FC Chelsea nach 0:3-Rückstand vor. Bei der Rückkehr zu Chelsea an diesem Sonntag aber, im Spitzenspiel der Premier League, wäre es United nach früher 2:0-Führung und 2:2-Ausgleich der Londoner womöglich andersherum ergangen, hätte nicht Schiedsrichter Mark Clattenburg gleich zweimal falsch gelegen: als er ein Foul von Johnny Evans an Fernando Torres als spanische Schwalbe mit einer Gelb-Roten Karte ahndete; und als er die Abseitsstellung des Mexikaners Javier Hernandez beim 3:2-Siegtor übersah.
Wendiges Wochenende
Moderner Fußball in Tempo-Ligen wie in England oder Deutschland ist ein Spiel auf der Intensivstation: mit aggressivem Arbeiten gegen den Ball, mit der periodischen Intensität des Pressings und Gegenpressings, mit der dadurch immer schwierigeren Aufgabe, einen Ball – und damit auch einen Vorsprung – zu halten und zu sichern.
Wenden des Wochenendes: Hannover 96 führt 2:0 gegen Mönchengladbach. Verliert 2:3. Lorient liegt in der französischen Liga zur Pause 1:4 gegen Ajaccio hinten. Schafft in der 94. Minute das 4:4. Everton gerät im Derby gegen Liverpool 0:2 in Rückstand. Und erreicht ein 2:2 (allerdings auch, weil Liverpool ein reguläres Tor von Luis Suarez kurz vor Schluss aberkannt wird). Und AS Rom führt A schon nach 24 Minuten 2:0 gegen Udinese. Und verliert am Ende, nach einem lässigen „Panenka“ von Antonio di Natale, einem gelupften Elfmeter mitten ins Tor, noch 2:3.
Di Natale ist allerdings einer der Hoffnungsschimmer für all jene, denen der Fußball zu atemlos, zu schnelllebig, zu jugendwahnhaft geworden ist. Denn in genau jenen fünf Jahren, in denen Fußball sich laut Rangnick zum „völlig anderen Spiel“ entwickelt hat, zu einem Spiel für junge, nimmermüde Balljäger, ist der kleine Neapolitaner in norditalienischen Diensten wie ein guter Wein erst im Alter immer besser geworden. Bis zu seinem 30. Lebensjahr war di Natale nur ein unterdurchschnittlicher Torjäger der Serie A. Seitdem ist er der beste von allen – mit nun 106 Toren in 160 Spielen seit seinem 30. Geburtstag. Eine Quote von 66 Prozent. Vor zwei Wochen wurde er 35 und hat seitdem zwei Tore in zwei Spielen. Hundert Prozent. Davon kann ein Berlusconi nur noch träumen.
Alles falsch?
Walther Schmidt (silitoe)
- 30.10.2012, 07:03 Uhr
Lieber internationaler Spielmacher,
Jonas Verner-Carlsson (jvernercarlsson)
- 30.10.2012, 04:45 Uhr
Herr Christian Eichler,
Norbert G. Kaess (GeJN)
- 29.10.2012, 19:00 Uhr