16.01.2012 · Messi war, ist und bleibt Weltfussballer. Schon recht, aber: So weit, so langweilig. In unserer ganz eigenen Welt-Elf taucht der Argentinier aus anderen Gründen gar nicht auf.
Von Christian EichlerVor einer Woche vergab die Fifa den „Ballon d’Or“ an den weltbesten Spieler, gewählt von Nationaltrainern, Nationalteam-Kapitänen und ausgewählten Journalisten aller Länder, in denen man Fußball spielt. Das Resultat war vorhersehbar, wie in den letzten beiden Jahren auch: Messi vor Cristiano Ronaldo und Xavi. Wenn der kleine Argentinier schon in einem Jahr wie 2010, in dem er mit Barcelona nicht die Champions League gewann und mit Argentinien bei der WM vermöbelt wurde, zum „Weltfußballer“ gekürt wird und nicht etwa seine Barca-Kollegen Xavi und Iniesta, die Weltmeister wurden, oder Wesley Sneijder, der Inter Mailand mit genialen Pässen zum Champions-League-Sieg und die Holländer ins WM-Finale führte – dann war 2011 nichts anderes zu erwarten.
Auch für die nächsten Jahre dürfte diese Wahl das Überraschungspotential einer Abstimmung der Obersten Volksversammlung von Nordkorea haben. Es geht nur um Platz zwei, wobei originelle Ergebnisse vor allem in den Einzelwertungen der Juroren zu finden waren, allen voran das Votum des hochgeschätzten italienischen Nationaltrainers Cesare Prandelli. Er ordnete auf Platz zwei Thomas Müller und auf Platz drei Bastian Schweinsteiger ein. Einen Italiener, der zwei Deutsche unter den drei besten Spielern der Welt sieht, gibt es nicht alle Tage. Auf Platz eins auch bei Prandelli natürlich der übliche Verdächtige, aber das hat schon seine Richtigkeit. Am Sonntag unterstrich Messi das wieder einmal mit zwei Toren beim 4:2 gegen Betis Sevilla. Natürlich krönen die Namen Messi und Ronaldo auch die „Weltelf“ des Jahres 2011 der Fifa.
In unserer ganz eigenen Weltelf fehlen die Namen der beiden Superstars allerdings. Sie lautet so: Tor: Iker Casillas. – Abwehr: Jamie Carragher, Carles Puyol, Ledley King, Javier Zanetti. – Mittelfeld: Bastian Schweinsteiger, Xavi, Andres Iniesta, Ryan Giggs, Paul Scholes. – Sturm: Alessandro del Piero. Zugegeben, es ist eine Mannschaft, der es im Abwehrzentrum vielleicht ein wenig an Schnelligkeit mangelt und in der Spitze an Dynamik. Und, in Gänze gesehen, mit einem Durchschnittsalter von 32,5 Jahren, vielleicht auch etwas an jugendlicher Frische. Dafür hätte sie einen unschlagbaren Vorteil: Man müsste bei keinem Spieler fürchten, ihn je zu verlieren. Es ist die Weltelf der „One Club Player“, jener Fußballer, die noch nie in ihrer Profikarriere den Klub gewechselt haben.
Und deren Karriere schon mindestens zehn Jahre dauert, weswegen ein Messi, aber auch ein Müller oder Götze, hier noch keinen Platz finden können. Früher war lebenslängliche Klubtreue nichts Besonderes. Das gilt nicht nur für die alten Tage der Schalker Szepan und Kuzorra oder der Helden des „Wunders von Bern“ wie Fritz Walter (Kaiserslautern) und Max Morlock (Nürnberg). Uwe Seeler blieb zeitlebens in Hamburg, so wie Grabowski und Körbel in Frankfurt, Overath und Cullmann in Köln, Vogts und Wimmer in Mönchengladbach, Maier, Roth, Schwarzenbeck oder Augenthaler in München. Und später waren es dann besonders die Bremer, die ihrem Verein treu blieben, wie Eilts, Wolter, Neubarth oder vor allem Thomas Schaaf, der als Profi, Jugend-, Assistenz- und Cheftrainer nun im 34. Jahr bei Werder ist.
Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich die Arbeitswelt gravierend verändert. Die Grenzen öffneten sich, die Arbeitsmärkte auch, die Gesellschaft wurde mobil und fragil zugleich. Man trifft sie immer seltener, die Menschen, die ihr ganzes Leben für ein und dieselbe Firma arbeiten. Und als Paradebeispiel für diese Welt flexibler Arbeitnehmer und mobiler Ich-AGs, von Menschen mit einer Jobhopping-Biographie, galten spätestens seit dem Bosman-Urteil 1995, das die Transfermärkte völlig öffnete, die Fußballprofis. In jedem „Transferfenster“, das sich immer im Sommer bis zum 31. August öffnet und dann wieder im Januar, wird eifrig über Spielerwechsel spekuliert. Aber bisher ist gerade in diesem Januar kaum etwas passiert, jedenfalls jenseits von Wolfsburg, wo nur der einsame Kämpfer Felix Magath den Umschlag an Spielern in einer Weise hoch hält, als wolle er die Prämienreise für den umsatzstärksten VW-Gebrauchthändler gewinnen.
Und wenn man mal schaut, wie viele aktuelle Weltklassespieler nie auf einer Transferliste gestanden haben, ja nicht einmal als Gerücht in einem Transfer-Ticker, dann ist das schon ein überraschender Kontrast zu der These von der hypermobilen Fußballgesellschaft. Das Beste an unserer Auswahl, an der Weltelf der Vereinstreuen, ist, das es sich nicht um ein Nostalgieteam handelt. Sondern um eins, das auf höchstem Niveau konkurrenzfähig wäre. Casillas wurde abermals zum weltbesten Torwart gewählt und liegt mit Real in Spanien deutlich vorn. Jamie Carragher geht mit dem FC Liverpool seit seinem dreizehnten Lebensjahr durch dick und dünn und gewanhn 2005 die Champions League. King ist der Rückhalt von Tottenham Hotspur, dem Überraschungs-Dritten in England. Puyol, Xavi, Iniesta bilden das Rückgrat des Welt- und Europameisters Spanien. Schweinsteiger geht am Freitag als Tabellenführer und Titelfavorit mit den Bayern in die Bundesliga-Rückrunde. Paul Scholes, 37 Jahre, hat vor einer Woche sein Comeback bei Rekordmeister Manchester United gegeben und nun gleich im zweiten Spiel, beim 3:0 gegen Bolton, das erste Tor erzielt. Später wollte Trainer Alex Ferguson etwas mehr Erfahrung ins Spiel bringen und wechselte ihn gegen den 38-jährigen Ryan Giggs aus. Und ganz vorn wird del Piero, im 19. Jahr beim Serie-A-Tabellenführer Juventus Turin, zwar wohl nicht mehr 90 Minuten lang die ganz großen Lücken reißen. Aber wenn er müde wird, bringen wir eben Francesco Totti, in der 19. Saison bei AS Rom. Der beruhigt dann das Spiel.
Einer wurde hier noch vergessen, er ist auch auf nicht ganz korrekte Weise ins Team gekommen. Aber kann Javier Zanetti etwas dafür, dass er in Buenos Aires geboren ist und dort erst mit 21 Jahren, als er schon für einen lokalen Klub gespielt hatte, von Inter Mailand entdeckt wurde? Er spielt nun seit 1995 dort, seit 1999 als Kapitän, und hätte es schon Mitte der 90er Jahre die Laufstrecken-Analysen des heutigen Computer-Fußballs gegeben, dann wäre heute schwarz auf weiß zu sehen, dass wohl kein Profi der Welt so viele Kilometer gemacht hat wie Zanetti. Im Mailänder Derby am Sonntag rannte er am rechten Flügel durch und brachte den Ball in die Mitte, den Diego Milito zum 1:0-Siegtreffer nutzte.
17 Jahre für denselben Klub, immer noch dieselbe Frisur, und immer noch rennt er wie ein Hase – dafür gibt es einen Ehrenplatz in der Weltelf der Vereinstreuen. Meist ist sie ein Gewinn für beide Seiten, diese Treue. Beim Publikum erhöhen solche Spieler die Identifikation, die Bindung zum Klub. Den Spielern bringt es eine Zuneigung durch die Fans ein, die auch mal über Verfehlungen der Helden hinwegsieht wie etwa die achtjährige Affäre von Giggs mit der Frau seines Bruders Rhodri (der mit Ryan seitdem nicht mehr redet und ihn nun in einem Interview einen „Wurm“ genannt hat). Auch beruflich lohnt sich die Treue. Sie eröffnet meist nach der aktiven Karriere ein neues Betätigungsfeld beim alten Klub – sei es als Sportdirektor wie Michael Zorc in Dortmund, als Torwarttrainer wie Uwe Kamps in Mönchengladbach, als Leiter der Fanshops wie Hans Pflügler beim FC Bayern oder als Schreibwarenlieferant für die Bayern-Geschäftsstelle wie „Katsche“ Schwarzenbeck.
Nur in einem Punkt stehen sich Menschen, die den Job nie wechseln, meist schlechter – beim Geld. Die großen Sprünge machen Spielergehälter meist durch Wechsel, nicht durchs Bleiben. Karlheinz Rummenigge, der einst mit dem Wechsel vom FC Bayern zu Inter Mailand seine Einnahmen vervielfachte, gedachte am Freitag in seiner Geburtstagsrede für Uli Hoeneß des Schicksals jener Kollegen, denen es finanziell nicht so gut erging, weil sie blieben. Immerhin gab es zumindest in München offenbar eine nette Nebenerwerbsquelle, die sich durch Hoeneß’ Leidenschaft fürs bayrische Kartenspiel bei gleichzeitig eher begrenztem Talent für diese Spezialdisziplin ergab. Rummenigge beschrieb es am Beispiel eines Kollegen, der von 1972 bis 1985 die Drecksarbeit im Bayern-Mittelfeld erledigte: „Der Bernd Dürnberger soll während seiner Karriere mehr Geld durch Schafkopfen mit Uli Hoeneß verdient haben, als er beim FC Bayern bekam.“
Herr Lebrecht.....die Jahre von Messi
Uwe Wagner (view)
- 17.01.2012, 06:33 Uhr
Messi
Ulrich Lebrecht (neuroklinik)
- 16.01.2012, 19:19 Uhr
Auch Del Piero....
Carlo Inserra (captain.c)
- 16.01.2012, 15:49 Uhr
Steven Gerrard
Phil Heim (phillrt)
- 16.01.2012, 15:20 Uhr
zanettis gezüchtete wundergene
Steffen Focke (derstrengeherrfocke)
- 16.01.2012, 15:06 Uhr